Antisemitismus

Immer mehr Juden in NRW denken über das Auswandern nach

Michael Szentei-Heise, Verwaltungsdirektor der jüdischen Gemeinde in Düsseldorf.

Michael Szentei-Heise, Verwaltungsdirektor der jüdischen Gemeinde in Düsseldorf.

Foto: STEFAN AREND / FUNKE Foto Services

An Rhein und Ruhr.  Der Aufstieg der AfD beunruhigt die Jüdischen Gemeinden. Michael Szentei-Heise, Verwaltungsdirektor in Düsseldorf, sieht die Zukunft düster.

Vor der jüdischen Synagoge am Paul-Spiegel-Platz in Düsseldorf stehen zwei Polizisten, das Gotteshaus wird rund um die Uhr bewacht. In das Verwaltungsgebäude der Gemeinde gelangt man durch eine Schleuse. Sicherheit wird hier groß geschrieben. In seinem Büro sitzt Verwaltungsdirektor Michael Szentei-Heise vor seinem überquellenden Schreibtisch. Hinter ihm hängt an einem Regal ein Maßband, mit dem er seine verbleibenden Tage in dem Amt abzählt, das er seit mehr als drei Jahrzehnten bekleidet. Knapp vier Monate vor seinem Ausscheiden zieht der 65-Jährige eine ernüchternde Bilanz und blickt sehr pessimistisch in die Zukunft. Möglicherweise werden Jüdinnen und Juden in wenigen Jahren gezwungen sein, Deutschland zu verlassen, sagt er im Interview mit unserer Redaktion.

Herr Szentei-Heise, es ist 2019. Warum unterhalten wir uns noch immer über das Thema Antisemitismus?

Michael Szentei-Heise: Diese Frage müssen eigentlich Sie beantworten als nichtjüdisches Mitglied der Gesellschaft.

Aber sollten solche Gespräche nicht eigentlich überflüssig sein? Ist es nicht bitter, dass wir dieses Gespräch führen müssen?

Szentei-Heise: Ja. Insbesondere die Entwicklung der vergangenen fünf Jahre hätte ich nie für möglich gehalten. Ich wähnte Deutschland eigentlich auf einem richtigen Weg. Ich hatte gehofft, dass ein Prozess der Normalisierung beginnt, wenn die Opfer und die Täter von einst nicht mehr leben. Diese Hoffnung ist jetzt völlig zerstört.

Was ist in den vergangenen fünf Jahren geschehen?

Szentei-Heise: Einzelne Vorfälle, einzelne Anschläge hat es auch früher gegeben. Ich erinnere an den Brandbomben-Angriff im Jahr 2000 auf unsere Synagoge. Aber in den vergangenen fünf Jahren ist der Antisemitismus, der Hass auf Juden aus linken, rechten und muslimischen Kreisen in die bürgerliche Mitte gerückt. Der Antisemitismus hat, befeuert durch Verschwörungstheorien und Fake-News, auch die Mitte der Gesellschaft erreicht, die zuvor nicht antisemitisch eingestellt war.

Entsetzen über den Wahlerfolg der AfD in Thüringen

Sind Sie sicher, dass der Antisemitismus der Mitte etwas Neues ist? Oder wird jetzt nicht einfach ausgesprochen, was zuvor klammheimlich gedacht wurde?

Szentei-Heise: Auch das ist der Fall. Es sind Vorurteile salonfähig geworden, die man früher aus Gründen der politischen Korrektheit nicht laut geäußert hat.

Der Anschlag von Halle war eine gewaltsame Eruption dieses Antisemitismus‘…

Szentei-Heise: …dieser Attentäter war einer dieser Bekloppten, mit denen wir schon immer rechnen mussten. Was für mich viel schlimmer als dieser Anschlag war, waren die Landtagswahlen in Thüringen nur wenige Tage danach. Dass ein Viertel der Wähler in Thüringen für eine Partei stimmt, die ideologisch hinter diesem Anschlag steht, das ist für mich das Furchtbare, das nicht Akzeptable.

Was läuft gerade verkehrt?

Szentei-Heise: Nach jedem Anschlag, nach jedem antisemitischen Vorfall gibt es wunderbare Sonntagsreden und geheuchelte Empörung und auf der anderen Seite werden zivilgesellschaftlichen Initiativen gegen Rechtsextremismus die Mittel gestrichen. Der Anspruch und die Wirklichkeit passen überhaupt nicht mehr zusammen.

Auffällig ist auch, dass antifaschistische Initiativen und Rechtsradikalismus häufig als ähnlich bedrohlich für das demokratische Gemeinwesen bezeichnet werden, oder?

Szentei-Heise: Das ist ein Problem. Ich kenne kaum eine Gesellschaft auf der Welt, die gegen Linksradikalismus so immun ist wie die deutsche. Das ist ein Popanz der da ständig aufgebaut wird. Trotzdem ist die Gleichsetzung von Links und Rechts gerade in konservativen Kreisen so etwas wie ein Pawlowscher Reflex. Die wirkliche Gefahr kommt aber von rechts.

Auf der Rheinschiene auf einer Insel der Glückseligen

Auch wenn Sie sagen, dass der Attentäter von Halle ein Bekloppter war, wird der Anschlag von Halle doch auch in Ihrer Gemeinde diskutiert worden sein. Wie waren die Reaktionen?

Szentei-Heise: Als die Nachrichten kamen, war das erst mal ein Schock. Man hat sich natürlich die Frage gestellt, ob so etwas auch bei uns in Düsseldorf möglich wäre. Aber wir haben sehr schnell für uns festgestellt, dass das aufgrund der Sicherheitsmaßnahmen, der personellen und der baulichen Situation hier nicht so geschehen könnte. Das war im Ergebnis eine Beruhigung für die Gemeinde.

Bauliche Gegebenheiten und Sicherheitsmaßnahmen sind das eine. Das andere ist doch die Frage, ob das gesellschaftliche Umfeld so ist, dass ein Anschlag unwahrscheinlich ist.

Szentei-Heise: Die Düsseldorfer Stadtgesellschaft ist eine sehr liberale und uns zugewandte. Bereits an dem Abend des Anschlags gab es die ersten Solidaritätsbekundungen hier vor der Synagoge. Am nächsten Tag, dem Tag nach Jom Kippur, waren 700 bis 800 Menschen hier, alles was Rang und Namen in der Politik, Religionsgemeinschaften, Wirtschaft oder Kunst hat. Hier auf der Rheinschiene sitzen wir schon auf einer Insel der Glückseligen. Das ist mit anderen Orten in der Republik nicht vergleichbar.

Trotzdem hat Ihr Gemeindevorsitzender beim Gedenken an das November-Pogrom deutlich gemacht, dass die Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland in Frage steht und sich jüdische Menschen möglicherweise auf die Ausreise vorbereiten müssten.

Szentei-Heise: Auch wenn wir in Düsseldorf ein anderes gesellschaftliches Klima haben, bedeutet das nicht, dass wir von der Gesamtentwicklung in Deutschland abgekoppelt sind. Nach dem Anschlag von Halle ist eine Untersuchung des Jüdischen Weltkongresses veröffentlicht worden, die gezeigt hat, dass ziemlich genau 25 Prozent der Deutschen judenfeindliche Auffassungen haben. Und dann kam die Wahl in Thüringen. Nimmt man diese drei Dinge zusammen, stellt sich wirklich die Frage, ob jüdisches Leben in Deutschland auf Dauer möglich ist. Wir befinden uns vergleichbar in der Zeit zwischen 1930 und 1933. Wir sehen die Katastrophe herannahen, aber noch ist es Zeit, dass Juden geordnet das Land verlassen.

Szentei-Heise: Spätestens 2025 ist Schicht im Schacht

Wie viel Zeit ist noch?

Szentei-Heise: Die nächste Zäsur wird die Bundestagswahl 2021 sein, wo die AfD sicherlich wieder mit einem Wahnsinnserfolg ins Parlament kommen wird. Möglicherweise kommt dann noch eine bürgerliche Regierung zustande. Aber spätestens bei den Wahlen vier Jahre später, also 2025, ist Schicht im Schacht.

Die bisherige Aufklärung über die Gefahren des Rechtsradikalimus‘ scheint nicht zu fruchten, wie das Wahlergebnis in Thüringen gezeigt hat. Was ist zu tun?

Szentei-Heise: Es kann nicht Aufgabe der 130.000 Jüdinnen und Juden in Deutschland sein, stellvertretend für alle anderen gegen Antisemitismus zu kämpfen. Die nichtjüdische Gesellschaft muss diese Aufgabe schon selbst wahrnehmen. Der Bund und die Länder haben jetzt Antisemitismusbeauftragte installiert. Deren erste Aufgabe wird sein, die Situation zu analysieren und Handlungsbedarfe zu definieren. Wir sind als jüdische Gemeinde in diese Arbeit eingebunden, gehen in Schulen, erstellen Handreichungen für Lehrer und Unterrichtsmaterialien. Wir arbeiten in allen möglichen Bereichen mit. Der Schwur wird aber bei der nichtjüdischen Gesellschaft sein. Es kann nicht sein, dass tolle Reden geschwungen werden, in der Realität aber nichts passiert.

Im vergangenen Jahr ist die Zahl der jüdischen Gemeindemitglieder in NRW um 427 leicht zurückgegangen, auf 26.277 Ende 2018. Reisen schon jüdische Menschen aus?

Szentei-Heise: Nein. Wir haben immer noch das Problem, dass die Gemeinden überaltert sind. Ein Drittel unserer Mitglieder ist 60 Jahre und älter. Der Schwund liegt daran, dass die Sterberate höher als die Geburtenrate ist. Wir haben noch keine Ausreisebewegung, aber eine immer stärker werdende Diskussion. Wir sind noch nicht soweit wie in Frankreich, wo ein Viertel der Juden das Land verlassen hat.

Juden sollten aus der Geschichte lernen

Wie wahrscheinlich ist es, dass aus der Diskussion eine Auswanderungsbewegung wie in Frankreich wird?

Szentei-Heise: Wenn meine pessimistische Prognose zu den Wahlerfolgen der AfD zutrifft, wird das ab 2021 massiv der Fall sein. Also dann, wenn die rechten Kräfte stärker werden, selbst wenn sie noch nicht an die Macht kommen. Wir wollen nicht noch einmal in eine Situation wie 1933 kommen, in der wir von anderen aufgefordert werden, das Land zu verlassen. Man sagt ja, dass man nicht aus der Geschichte lernt, aber wir sollten diesmal einen Tick klüger sein.

Wir haben jetzt viel über rechten Antisemitismus gesprochen. Auch in muslimischen Kreisen gibt es Hetze gegen Juden. Gibt aus der muslimischen Community jenseits von Lippenbekenntnissen Solidarität?

Szentei-Heise: Ja, jedenfalls kann ich das für Düsseldorf bestätigen. Wir haben hier mit dem KDDM einen Dachverband von 33 muslimischen Gemeinden, mit denen wir sehr eng und sehr vertrauensvoll zusammenarbeiten. Wir werden mit den Kirchen und den muslimischen Gemeinden gemeinsam in den Karneval gehen, wie im vergangenen Jahr, als wir einen Toleranzwagen im Rosenmontagszug hatten. Wir wissen, dass es unter den 33 Gemeinden viele gibt, die Juden nicht besonders wohl gesonnen sind. Auf der anderen Seite gibt es liberale Moscheegemeinden, die den Kontakt mit uns suchen. Der Dachverband steht voll hinter uns und wir hinter ihnen.

Sie hören im kommenden Jahr als Verwaltungsdirektor auf. Sie haben dieses Amt dann mehr als drei Jahrzehnte bekleidet. War es eine vertane Zeit?

Szentei-Heise: Nein, eine vertane Zeit war es nicht. Gemeindeintern ist viel passiert. Als ich 1986 anfing, hatten wir 1500 Mitglieder, ein Jugendzentrum, eine Kindergartengruppe mit 20 Kindern und eine Religionsschule. Jetzt haben wir die größte Kita in Düsseldorf mit 200 Plätzen, eine dreizügige Grundschule, ein Gymnasium und knapp 7000 Gemeindemitglieder. Wir sind in der Öffentlichkeit sehr präsent und Teil der Düsseldorfer Stadtgesellschaft.

Öffentliches Tragen einer Kippa wird schwieriger

Und trotzdem ist der Antisemitismus aus Ihrer Sicht immer präsenter.

Szentei-Heise: Wenn ich gehofft habe, mit meiner Arbeit etwas gegen den Antisemitismus geleistet zu haben, sehe ich mich tatsächlich in der Situation, dass ich nichts erreicht habe. Das scheint übrigens immer ein Fazit von verantwortlichen jüdischen Menschen zu sein. Ignatz Bubis hat so etwas gesagt. Paul Spiegel hat so etwas gesagt. Es ist wie es ist.

Können jüdische Menschen in Düsseldorf noch öffentlich die Kippa tragen?

Szentei-Heise: Es wird zunehmend schwieriger. Als vor drei Jahren zum ersten Mal über das Thema diskutiert wurde, als der Zentralratsvorsitzende Josef Schuster vom Tragen einer Kippa in bestimmten Berliner Stadtteilen abriet, habe ich gesagt, dass das nicht für Düsseldorf zutreffe. Heute gibt es auch hier Orte, wo man nicht mit der Kippa hingehen sollte.

Sehen Sie für sich persönlich eine Zukunft in Deutschland?

Szentei-Heise: Wenn es nicht schlimmer wird, bleibe ich. Das ist meine Heimat. Ich lebe seit 55 Jahren hier, ich bin als Zehnjähriger hierhergekommen. Aber ich lerne aus der Geschichte. Ich wäre nicht so verbohrt zu sagen, ich bleibe, wenn es Zeit ist, das Land zu verlassen. Auch wenn es mir sehr schwer fallen würde.

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