Demonstrationen

Proteste im Iran: Frauen verbrennen Kopftücher – vier Tote

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Protestwelle im Iran nach Tod junger Frau in Polizeigewahrsam

Protestwelle im Iran nach Tod junger Frau in Polizeigewahrsam

Der Tod einer jungen Frau im Iran nach ihrer Festnahme durch die Sittenpolizei hat in dem Land eine Welle der Empörung ausgelöst. In vielen Städten kommt es zu Demonstrationen, die Polizei setzt Tränengas ein.

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Berlin.  Nachdem eine Frau wegen "unislamischer" Kleidung festgenommen wurde und starb, erschüttern Proteste den Iran. Es gibt bereits Tote.

In der iranischen Hauptstadt Teheran und vielen anderen Städten schreien die Frauen ihre Wut heraus, reißen sich die Tücher vom Kopf und schwenken sie in der Luft. Andere rasieren demonstrativ ihre Haare ab. In den sozialen Medien verbreiten sich die Bilder, auch wenn ihre Echtheit nicht in jedem Fall überprüft werden kann. Nach dem Tod der jungen Mahsa Amini ist ihr Zorn größer geworden als ihre Angst.

Die 22-Jährige kurdischer Herkunft war vergangene Woche von der iranischen Sittenpolizei wegen "unislamischer Bekleidung" an einer U-Bahn-Station festgenommen worden. Später war sie aus noch ungeklärter Ursache zusammengebrochen. Sie starb wenig später in einem Krankenhaus.

Seither strömen im Iran und in der ganzen Welt zahlreiche Menschen auf die Straßen, um gegen das iranische Regime zu protestieren. Unter anderem in Berlin gab es Kundgebungen für Mahsa Amini und gegen die Sittenpolizei – in vielen Fällen durch kurdische Gruppen organisiert. Auch in Schweden, den USA oder dem Irak gingen Menschen auf die Straße.

In Teheran und mehreren anderen Städten löste die Polizei die Demonstrationen dagegen teilweise gewaltsam auf oder ging gegen Teilnehmende vor. In Teheran hatten laut der Nachrichtenagentur Fars "hunderte Menschen" Parolen gegen die Behörden gerufen, einige Frauen nahmen dabei demonstrativ ihr Kopftuch ab. Auf Twitter sind Videos zu sehen, auf denen Demonstrantinnen ihre Kopftücher ins Feuer werfen und dabei tanzen und jubeln.

Proteste im Iran: Drei Tote in Kurdistan, ein toter Polizist

Die heftigsten Zusammenstöße gab es in Aminis Heimat Kurdistan. Nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen wurden bei den Protesten in der nordwestlichen Provinz bis zu vier Demonstranten getötet und dutzende weitere verletzt oder festgenommen. Der kurdische Gouverneur, Ismail Sarei Kooscha, sprach dagegen von drei Todesfällen. Zwei Menschen seien durch eine Militärwaffe getötet worden, der Tod einer dritten Person galt zunächst als "verdächtig". Der Waffentyp werde nicht von Sicherheitskräften verwendet, sagte der Gouverneur der Provinz laut Tasnim. Die genauen Umstände waren zunächst unklar.

Wie die staatliche Nachrichtenagentur Irna am Mittwoch berichtete, ist bei den Zusammenstößen auch ein Polizist getötet worden. Vier weitere Sicherheitskräfte seien bei Auseinandersetzungen mit Demonstrierenden in der Millionenstadt Schiras verletzt worden.

Die UNO und Menschenrechtsorganisationen äußerten sich besorgt über die Lage im Iran: Die kommissarische UN-Menschenrechtskommissarin Nada Al-Nashif brachte am Dienstag ihre "Beunruhigung" über den Tod von Mahsa Amini und die "gewaltsame Reaktion der Sicherheitskräfte gegen darauf folgende Demonstrationen" zum Ausdruck. Sie forderte eine "rasche, unabhängige und effiziente Untersuchung" ihres Todes und "der Folter- und Misshandlungsvorwürfe" gegen die Polizei.

Die Expertin Tara Sepehri Far von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) erklärte, das gewaltsame Vorgehen der iranischen Polizei gegen die Proteste zeige einmal mehr, dass im Iran "systematisch" Menschenrechte verletzt würden, die Regierung dies aber ungestraft lasse.

Proteste im Iran: Brutalität und Willkür treiben die Frauen auf die Straße

Auch Tage nach Mahsa Aminis Tod sind die Umstände, die dazu führten, nicht geklärt. Klar scheint: Mahsa Amini hatte Haar und Körper offenbar nicht vorschriftsmäßig bedeckt. Was danach passierte, erklären iranische Behörden so: Auf der Polizeistation sei sie in Ohnmacht gefallen, so das iranische Innenministerium. Niemand habe ihr etwas getan, versicherte der Polizeichef. Sie sei vorerkrankt gewesen, habe einen Herzanfall erlitten. Doch die offizielle Version hält kaum ein Mensch für glaubwürdig.

Laut dem Sender 1500tavsir, der über Menschenrechtsverstöße im Iran berichtet, soll Amini einen Schlag auf den Kopf erlitten haben. Auch zahlreiche Medien berichten unter Berufung auf Augenzeugen, Mahsa Amini sei von der Religionspolizei nach ihrer Festnahme verprügelt worden. Der Fernsehsender Iran International, der aus London über den Iran berichtet, hat Schichtröntgen-Aufnahmen veröffentlicht, die auf Knochenbrüche, Blutungen und ein Hirnödem hinweisen.

Die unfassbare Brutalität und die Willkür der Polizei treibt die Frauen auf die Straße. Wir alle könnten Mahsa sein, heißt es immer wieder. Doch auch zahlreiche Männer zeigten in Teheran ihre Solidarität und protestierten. Frauenrechtsaktivistinnen hatten bereits am Montag in Teheran zu Protesten aufgerufen. Sie haben symbolisch die Hijab-Straße im Stadtzen­trum als ihren Treffpunkt gewählt.

Iran: "Tod der Diktatur", brüllen die Demonstranten

Doch den Hijab trugen viele Frauen – so wie Saba (ihr wirklicher Name wird aus Sicherheitsgründen nicht genannt, ist der Redaktion aber bekannt) – am Montag nicht. Auf dem Weg zur Demonstration postete die 33-Jährige ein Foto von sich ohne Kopftuch auf Twitter und schrieb in Anspielung auf die angebliche Todesursache bei Mahsa Amini: "Das bin ich, ohne unerträgliches Gewicht des gezwungenen Kopftuches. Ich bin nicht vorerkrankt, und ich will weiterleben."

"Tod der Diktatur" rufen die Menschen, wie auf zahlreichen Videos zu hören ist. Und: "Wir fürchten uns nicht, wir sind alle zusammen" – das ist eine Parole, die vor allem während der Demonstrationen nach der umstrittenen 2009 bekannt geworden war und die den Beginn der "grünen Revolution" im Iran markiert, die brutal niedergeschlagen wurde.

Für Frauen gelten im Iran seit der Islamischen Revolution im Jahr 1979 strenge Kleidungsvorschriften. Die Sittenpolizei ist für die Einhaltung des Hijab-Gesetzes verantwortlich. Das "islamische Strafgesetzbuch" schreibt vor, dass Frauen in der Öffentlichkeit ihre Haare bedecken müssen.

Aber vor allem in den Großstädten und reicheren Vierteln nehmen viele Frauen die Vorschriften nicht allzu eng, tragen weite Blusen über engen Hosen und legen ihr Kopftuch nur locker über den Hinterkopf – sehr zum Ärger der Politiker der Islamischen Republik.

Iran: Todesursache von Mahsa Amini – andere Länder verlangen Aufklärung

Die Regierung unter Präsident Raisi, die seit gut einem Jahr im Amt ist, und religiöse Hardliner im Parlament versuchen seit Monaten, die islamischen Gesetze konsequenter durchzusetzen. Nun gerät die Regierung zunehmend in Erklärungsnot. Frankreich und die USA verlangen Aufklärung und eine unabhängige Untersuchung der Todesumstände.

Der Tod der jungen Mahsa Amini war wie eine Initialzündung für die Wut der Frauen, die sich nicht länger gängeln lassen wollen, auf die religiösen Machthaber. Gleich nach der Beerdigung in Aminis Heimatstadt Saqqez in den kurdischen Gebieten Irans kam es zu schweren Zusammenstößen mit den Sicherheitskräften. Kurdische Oppositionsparteien hatten zum Generalstreik aufgerufen. Laut der Menschenrechtsorganisation Kurdistan Human Rights Network seien mindestens drei Demonstranten ums Leben gekommen, mindestens 85 wurden verletzt.

Demonstranten im Iran: Sie geben nicht auf

Auch Saba ist entsetzt über die Brutalität der Sicherheitskräfte, die sie selbst zu spüren bekam. "Drei oder vier Polizisten haben mich mit Motorrädern verfolgt und auf den Boden gestürzt. Als sie mich auf dem Boden weiter geschlagen haben, dachte ich, das wäre es. Dann haben Leute mit Steinen auf sie geworfen und sie verjagt", berichtet Saba auf Telegram. Aber sie ist auch stolz: "Ich war bei Protesten 2018 und 2019 aktiv dabei. So mutig waren wir damals auf keinen Fall."

Auch Elham (Name ist der Redaktion bekannt) ist vom Widerstand ihrer Landsleute beeindruckt. Die Kulturwissenschaftlerin, die nach ihrem Studium in Europa in die Heimat zurückgekehrt ist, berichtet von von großen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Problemen im Land. "Die jüngeren Generationen haben keine Perspektiven. Und es gibt keine Hoffnung auf Besserung", sagt sie. Gleichzeitig wissen heute alle, dass sie das nächste Opfer staatlicher Gewalt sein könnten – "ohne etwas getan zu haben. Unser Leben ist anscheinend nichts wert. Es bringt also nichts, wenn man aus Todesangst still bleibt". (mit reba/afp/dpa)

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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