Kriegsgefahr

Iran und USA: Wie es weitergeht – die wichtigsten Antworten

Weltweite Reaktionen auf den Tod von General Soleimani

Nach dem Tod des iranischen Generals Soleimani verschärft sich die Beziehung zwischen den USA und dem Iran.

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Berlin.  Der Iran droht nach dem US-Anschlag auf General Soleimani mit Vergeltung. Die Bundeswehr zieht einen Teil der Soldaten aus dem Iran ab.

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  • Der Konflikt des Iran mit den USA droht zu eskalieren
  • Auf Befehl Trumps tötete das US-Militär mit einer Drohne den iranischen General Ghassem Soleimani
  • Die Vergeltung: In der Nacht zum Mittwoch feuerte der Iran Raketen auf den US-Militärstützpunkt Ain al-Assad im Irak
  • Donald Trump hat am Mittwoch relativ moderat auf die Angriffe reagiert
  • Am Mittwochabend schlugen erneut Raketen im Regierungsviertel in Bagdad ein
  • Das irakische Parlament will den Abzug aller ausländischen Streitkräfte – dort ist auch die Bundeswehr stationiert
  • Wird der Konflikt weiter eskalieren? Droht ein Krieg? Was bedeutet der Konflikt für Deutsche im Ausland und die deutsche Wirtschaft? Wie geht es weiter? Lesen Sie hier die wichtigsten Fragen und Antworten

Der Iran hatte mit Vergeltung gedroht, nun ist ein erster Gegenangriff gefolgt. Um sich für die Tötung des iranischen Generals Ghassem Soleimani zu rächen, feuerte der Iran in der Nacht zum Mittwoch mehr als ein Dutzend ballistischer Raketen auf zwei Militärstützpunkte im Irak. Dort sind auch US-Soldaten stationiert. Am Abend schlugen zudem erneut Raketen in der hoch gesicherten Grünen Zone eingeschlagen. Dort liegen unter anderem die Botschaften der USA und Großbritanniens sowie irakische Ministerien und das Parlament.

Iran-Konflikt: Donald Trump kündigt „starke Sanktionen“ an

US-Präsident Donald Trump hat am Mittwoch im Weißen Haus über Konsequenzen aus den Raketenangriffen auf den US-Stützpunkt Ain al-Assad gesprochen und dabei „harte Sanktionen“ für den Iran angekündigt. Die USA würden die Aggressionen des Irans nicht unbeantwortet lassen, erklärte Trump. Von einem geplanten militärischen Gegenschlag sprach allerdings er nicht.

Trump scheint vorerst auf Deeskalation zu setzen. „An die Menschen und Anführer im Iran“ gewandt sagte der US-Präsident: „Wir wollen, dass Sie eine Zukunft, eine großartige Zukunft haben – eine, die Sie verdienen, eine des Wohlstandes zu Hause und der Harmonie mit den Nationen der Welt.“ US-Soldaten seien bei den Angriffen nicht getötet worden, sagte Trump.

Zugleich rief er die Staatengemeinschaft auf, sich aus dem Atomabkommen mit Teheran zurückzuziehen. Auch Deutschland erwähnte er bei seinem Aufruf. Nötig sei ein neues Abkommen, das aus der Welt zu „einem sichereren und friedlicheren Ort“ mache.

Zuvor hatte Trump noch mit Angriffen auf 52 Ziele im Iran gedroht und auf Twitter betont, dass die USA gerade zwei Billionen Dollar für Militärausrüstung ausgegeben haben.

Raketenangriff auf Militärbasen im Irak
Raketenangriff auf Militärbasen im Irak

International war die Sorge vor einer weiteren Eskalation groß. Zunächst gab sich Bundesaußenminister Heiko Maas jedoch erleichtert. „Nach alldem, was wir aus Washington hören, haben wir die Hoffnung und versuchen alle darauf hinzuwirken, dass es dabei bleibt und dass jetzt die Türen für Gespräche wieder geöffnet werden“, sagte Maas am Mittwochabend im ZDF.

Welche Ziele hat der Iran angegriffen – und wie groß ist der Schaden?

Der Iran hat zwei Militärstützpunkte mit Raketen angegriffen: einen im Zentralirak und einen bei Erbil im Nordirak. Die iranischen Revolutionsgarden teilten mit, bei der „Operation Märtyrer Soleimani“ sei der mit 35 Raketen attackierte Luftwaffenstützpunkt Ain al-Assad bei Bagdad „vollständig zerstört“ worden. Von dieser Basis haben die Amerikaner den Drohnenangriff auf den iranischen Top-General Soleimani in Bagdad gestartet. Der Angriff mit ballistischen Boden-Boden-Raketen auf die „von den Amerikanern besetzte“ Basis sei „in jeder Hinsicht ein voller Erfolg“. Im iranischen Staatsfernsehen hieß es zunächst, es habe 80 Tote gegeben.

Der Iran bezeichnete die Raketenangriff als „Akt der Selbstverteidigung“ nach der Tötung des iranischen Top-Generals Ghassem Soleimani durch einen US-Luftschlag.

Am Mittwochabend schlugen in der hoch gesicherten Grünen Zone erneut Raketen ein. Zwei Raketen des Typs Katjuscha seien dort am späten Mittwochabend niedergegangen, teilte das irakische Militär mit. Verletzte habe es nicht gegeben. Das Regierungsfernsehen berichtete, es seien Explosionen und Alarmsirenen zu hören gewesen.

In Bagdad waren bereits am Sonntag zwei Raketen desselben Typs in der sogenannten „Green Zone“ eingeschlagen. Dort liegen unter anderem die Botschaften der USA und Großbritanniens sowie irakische Ministerien und das Parlament. Am Samstag waren zudem mehrere Raketen in Bagdads Zentrum sowie auf dem Luftwaffenstützpunkt Al-Balad niedergegangen, der etwa 80 Kilometer nördlich der Hauptstadt liegt. Berichte über Opfer oder Schäden gab es nicht.

Sind auch deutsche Soldaten ins Visier der iranischen Revolutionsgarden geraten?

Im kurdischen Erbil im Nordirak sind auch mehr als 100 Bundeswehrsoldaten stationiert. Bei dem Angriff auf die Militärbasis in Erbil sei den Bundeswehkräften allerdings nichts passiert, hieß es. „Wir stehen in Kontakt mit den Soldaten. Den Soldaten geht es gut“, sagte ein Sprecher des Einsatzführungskommandos in Potsdam. Das Bundeswehr-Kontingent in Erbil hat den Auftrag, kurdische Peschmerga-Kämpfer auszubilden.

Die Bundesregierung prüft einen Teilrückzug der in Erbil stationierten Bundeswehrsoldaten. „Wir haben mit der internationalen Koalition sowieso vereinbart, dass alle Kräfte, die nicht benötigt werden, keinem unnötigen Risiko ausgesetzt werden“, sagte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU).

Bundeswehr und Nato hatte zuvor bereits bekanntgegeben, dass sie wegen der Spannungen Soldaten aus dem Irak abziehen. Rund 35 deutsche Soldaten wurden bereits aus dem Zentralirak nach Jordanien beziehungsweise Kuwait ausgeflogen. Der Einsatz zur Bekämpfung der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) wurde bis auf Weiteres auf Eis gelegt.

Hat der Absturz der ukrainischen Passagiermaschine bei Teheran mit der militärischen Eskalation zu tun?

Hierfür gab es zunächst keine Hinweise. Nach Angaben der iranischen Luftfahrtbehörde lag dem Absturz mit mehr als 170 Toten ein technischer Defekt zugrunde. Auch drei deutsche sind unter den Opfern des Flugzeugabsturz.

Flugzeugabsturz im Iran
Flugzeugabsturz im Iran

Iran und die USA: Wie verhalten sich Deutschland und die EU?

Berlin und Brüssel warnten nach der Tötung von Soleimani vor einer weiteren Eskalation der sich zuspitzenden Krise in Nahost. Bislang ging dies allerdings über Mahnungen und Appelle nicht hinaus. Deutschland und die EU haben im Konflikt zwischen den USA und dem Iran keinen großen Hebel. Eine diplomatische Blitz-Mission der Regierungen in Berlin, Paris und London, um mäßigend auf die Konfliktparteien einzuwirken und das Atomabkommen mit dem Iran möglicherweise doch noch zu retten, blieb bislang aus.

Welche weiteren Ziele kann der Iran treffen?

Hier sind an erster Stelle alle militärischen Ziele in der Golfregion zu nennen. Die Amerikaner haben Stützpunkte im Irak, in Jordanien, in Katar, Bahrain, Saudi-Arabien. Aber auch die diplomatischen Vertretungen der USA, die Botschaften, und von deren engem Verbündeten Israel sind als Ziele von Anschlägen denkbar. Unter Umständen könnten bei einer weiteren Eskalation Touristen aus den USA beziehungsweise aus verbündeten Ländern ins Visier von Anschlägen geraten.

Kommentar: Europa sollte mehr Diplomatie wagen

Wie reagieren die Börsen?

Die Angst vor einer weiteren Eskalation der Lage im Nahen Osten nach einem iranischen Raketenangriff auf US-Basen im Irak hat am Mittwoch die Stimmung an den Börsen belastet. Der japanische Leitindex Nikkei sackte zwischenzeitlich unter die Marke von 23.000 Punkten ab, erholte sich dann aber ein Stück weit. Letztlich schloss er mit 23.204,76 Punkten und damit 1,6 Prozent tiefer als am Vortag.

Die Preise für die Krisenwährung Gold stiegen rasant an. Auch die Ölpreise reagierten. Die Notierungen erreichten zeitweise neue mehrmonatige Höchststände.

Wird die Terrormiliz „Islamischer Staat“ wieder stärker?

Die Spannungen im Irak werfen die Frage auf, ob jetzt der Islamische Staat zurückkehrt. Angesichts der verschärften Sicherheitslage im Irak hat die internationale Anti-IS-Koalition ihren Einsatz in dem Zweistromland auf Eis gelegt. Sowohl Amerikaner als auch die Soldaten der übrigen Nato-Staaten setzen derzeit die Bekämpfung der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) aus.

Experten warnen vor einem Wiedererstarken des islamistischen Terrors. „Die Gefahr besteht mittel- bis langfristig“, sagte der Nahost-Experte Daniel Gerlach unserer Redaktion. „Aufständische sunnitische Gruppen könnten sich dem IS anschließen.“ So seien im Großraum Kirkuk im Nordirak dschihadistische Banden unterwegs, die von der Bevölkerung Schutzgelder erpressten.

„Zudem könnte der IS im syrisch-irakischen Grenzgebiet wieder Fuß fassen, da die Kurden dort stark unter den Druck des türkischen Militärs geraten sind“, so Gerlach. Besonders gefährlich könnten dschihadistische Netzwerke werden, die sowohl Nähe zum IS als auch zu Al Qaida hätten.

„Sie könnten Anschläge auf amerikanische und iranische Ziele verüben und versuchen, dies der jeweils anderen Seite in die Schuhe zu schieben“, sagte Gerlach, der auch Chefredakteur des Fachmagazins Zenith ist. „Die Gruppen haben ein großes Interesse an einer weiteren Eskalation.“

Nach Schätzungen des US-Verteidigungsministeriums hat der „Islamische Staat“ in Syrien und Irak immer noch rund 18.000 bewaffnete Kämpfer, darunter 3000 Ausländer. In Nordsyrien sitzen 12.000 islamistische Extremisten hinter Gittern, hinzu kommen 70.000 Familienangehörige.

Iran-Konflikt: Was bedeutet die Eskalation für die Bundeswehrsoldaten im Irak?

Wegen der Spannungen wird das im Irak eingesetzte Kontingent der Bundeswehr teilweise nach Jordanien und Kuwait verlegt. Vor allem die Standorte Bagdad und Tadschi würden „vorübergehend ausgedünnt“, teilten Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) und Außenminister Heiko Maas (SPD) mit.

Beide bekräftigen, dass Gespräche zu einer Fortsetzung des Einsatzes im Irak mit der Regierung in Bagdad weiterliefen: „Wir sind grundsätzlich bereit, unsere bewährte Unterstützung in einem international koordinierten Rahmen weiterzuführen, sofern dies durch den Irak gewünscht ist und die Lage es erlaubt.“

Das irakische Parlament hatte am Sonntag dafür gestimmt, alle ausländischen Truppen abziehen zu lassen. Donald Trump drohte mit massiven Sanktionen gegen den Irak und Rückzahlungen in Milliardenhöhe, sollte der Irak die US-Truppen tatsächlich ausweisen.

Die Militärbasis Tadschi im Zentralirak, auf der rund 30 deutsche Soldaten stationiert sind, wurde in den vergangenen Monaten mit Raketen angegriffen. Die Bundeswehr trainiert dort lokale Kräfte. Die Gefahr weiterer Attacken steigt nun deutlich. Im nordirakischen Erbil bilden knapp 90 Bundeswehrleute kurdische Peschmerga aus. Auch hier wird die Lage bedrohlicher. Insgesamt befinden sich rund 120 deutsche Soldaten im Irak. Wie die Situation der deutschen Soldaten vor Ort ist, lesen Sie hier.

Die Bundeswehr setzt auch die Ausbildung von Sicherheitskräften der Kurden und der Zentralregierung im Irak aus. Das Hauptquartier der Anti-IS-Koalition ordnete dort Einschränkungen für Bewegungen am Boden und in der Luft an. Das deutsche Kontingent für den internationalen Einsatz gegen den IS („Counter Daesh“) zählt derzeit 415 Männer und Frauen. Geführt wird es aus Jordanien, wo rund 280 Soldaten stationiert sind. Auch die Nato stoppte vorerst die Truppenausbildung im Irak.

Trotz der angespannten Lage will die Bundesregierung an dem Irak-Einsatz festhalten. „Der Irak darf nicht im Chaos versinken“, betonte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer. Über die Wiederaufnahme der Ausbildungsmission will die Bundeswehr in enger Abstimmung mit den Verbündeten entscheiden.

Auch der CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen hatte sich gegen Forderungen gewandt, angesichts der Eskalation im Nahen Osten den Bundeswehreinsatz im Irak zu beenden. Die Stärkung der irakischen Armee sei „entscheidend dafür, dass Irak als Staat langfristig seine eigene Sicherheit selbst gewährleisten kann“, sagte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag unserer Redaktion.

Dagegen hatte Grünen-Chefin Annalena Baerbock zuvor den Abzug deutscher Soldaten aus dem Irak gefordert. Auch SPD-Chefin Saskia Esken hält eine Überprüfung des Einsatzmandats der Bundeswehr für möglich.

Kann die Bundesregierung im amerikanisch-iranischen Streit vermitteln?

Bundesaußenminister Heiko Maas hat direkte Gespräche auch mit dem Iran angekündigt. „Wir werden in den kommenden Tagen alle Hebel in Bewegung setzen, um einer weiteren Eskalation der Lage entgegenzuarbeiten – in den Vereinten Nationen, der EU und im Dialog mit unseren Partnern in der Region, auch im Gespräch mit dem Iran“, sagte er der „Bild am Sonntag“.

Er stehe seit Freitagmorgen in engem Kontakt mit seinen britischen und französischen Kollegen, dem EU-Außenbeauftragten Josep Borrell und US-Außenminister Mike Pompeo.

Die Lage sei „unberechenbarer geworden“, sagte Maas. „Allen muss bewusst sein, dass jetzt jede Provokation zu einer unkontrollierbaren Spirale der Gewalt führen könnte, mit unabsehbaren Folgen für die ganze Region und auch unsere Sicherheit in Europa.“

Der Außenminister nannte drei Ziele: „Erstens: eine kriegerische Eskalation vermeiden. Zweitens: die Stabilität und Integrität des Irak erhalten. Drittens: dafür sorgen, dass im Windschatten dieser Umwälzungen (die Terrormiliz) ISIS nicht erneut an Boden gewinnt.“

Angesichts der explosiven Lage im Nahen Osten reisen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Außenminister Maaß am Samstag zu einem Gespräch mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin nach Moskau. Als ständiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat sei Russland „unverzichtbar“, wenn es um die Lösung politischer Konflikte gehe, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. Von daher sei es naheliegend, dass die Kanzlerin mit Putin „über die derzeit aufgebrochenen Konfliktherde“ spreche.

Auch die EU sprach sich für eine diplomatische Lösung aus. Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell betonte, „dass letztlich eine regionale politische Lösung der einzige Weg nach vorne ist, und dass die EU bereit ist, diesen zu unterstützen“.

Wie sehr kann Deutschland in den Konflikt hineingezogen werden?

Mit der Tötung Soleimanis steigt das Risiko für alle Bundesbürger, die sich im Irak befinden. Das betrifft sowohl Bundeswehrsoldaten als auch Unternehmer und Diplomaten. Sollte der Konflikt dramatisch eskalieren und doch einen größeren US-Einsatz nach sich ziehen, ist eine militärische Beteiligung Deutschlands unwahrscheinlich.

Sollte das Mullah-Regime seine Existenz gefährdet sehen, sind weltweite Terroranschläge nicht ausgeschlossen. Die harschen US-Sanktionen haben die Ölexporte bereits gedrosselt und die Staatseinnahmen drastisch beschnitten.

Mit weiteren Unruhen im Land ist zu rechnen. Grund genug für die Führung in Teheran, sich Sorgen zu machen. Derzeit sind jedoch Terrorattacken in Europa unwahrscheinlich. Teheran hat eine vollständige Rückkehr zum Atomabkommen nicht ausgeschlossen. Noch hofft die iranische Regierung, dass Deutschland, Frankreich und Großbritannien das Atomabkommen nicht verlassen und Ersatz für die Verluste infolge der US-Sanktionen schaffen.

Auch auf Bundesgebiet könnte der Angriff Folgen haben. Der Angriff löse unter Regime-nahen Iranern und Hisbollah-Anhängern in NRW „eine hohe Emotionalisierung“ aus, sagte eine Sprecherin des nordrhein-westfälischen Innenministeriums der WAZ.

Es werde daher ein verstärkter Blick in die Szene geworfen. Sicherheitsmaßnahmen und der Objektschutz der amerikanischen, jüdischen und israelischen Einrichtungen würden entsprechend angepasst. Die Hisbollah hat laut dem jüngsten Verfassungsschutzbericht rund 100 Anhänger in NRW.

Wie gefährlich ist die eskalierende Nahost-Krise für die deutsche Wirtschaft?

Die deutsche Wirtschaft steht aus Sicht führender Ökonomen vor einer zusätzlichen Belastungsprobe. Hintergrund sei vor allem die hohe Exportabhängigkeit deutscher Unternehmen. „In diesen Zeiten enormer Unsicherheiten wäre ein Nahostkonflikt das Letzte, das die Wirtschaft verkraften kann“, sagte Marcel Fratzscher, Präsident des Deutsches Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Nach Einschätzung des Chefs des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Gabriel Felbermayr, verstärken solche Krisen die politische Unsicherheit und sind damit ein weiterer Faktor, der die Weltwirtschaft belastet. Deutschland sei angesichts zunehmender geopolitische Risiken „gut beraten, sich wetterfest zu machen, indem es die Kräfte für wirtschaftliche Dynamik stärkt“, betonte Fratzscher.

Die Deutsch-Iranische Industrie- und Handelskammer (AHK) hat vor einem Rückzug deutscher Unternehmen aus dem Iran gewarnt. Die deutsche Wirtschaft werde „aus dem Iran abziehen, wenn es eine dauerhafte Instabilität gibt“, sagte Geschäftsführerin Dagmar von Bohnstein unserer Redaktion. „Entscheidend wird sein, dass der Iran nicht völlig aus dem internationalen Atomabkommen aussteigt. Der schlimmste Fall wäre, wenn dies passiert und die EU die Sanktionen gegen den Iran wieder aktiviert.“

Bohnstein appellierte an Teheran, am Atomabkommen festzuhalten. Die Geschäftsführerin forderte eine „Vermittlung durch Dritte, zum Beispiel durch die EU, und dadurch eine Deeskalation“. Das würde „einen Hoffnungsschimmer bringen“.

Die sich erheblich verschärfenden Spannungen zwischen den USA und dem Iran lösten an den Finanzmärkten weltweit Unruhe aus. Anleger waren in Sorge, beim Ölpreis gab es Aufschläge, die „Antikrisen-Währung“ Gold war gefragt.

Wer war der getötete iranische General?

General Ghassem Soleimani war der Kommandeur der Al-Kuds-Brigaden, einer Eliteeinheit der iranischen Revolutionsgarden im Ausland. Er dirigierte vor allem schiitische Milizen im Irak und in Syrien. Diese unterstützten den syrischen Machthaber Baschar al-Assad, kämpften gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) und waren auch an Raketenangriffen auf Israel beteiligt. Die Regierung in Jerusalem bezeichnete Soleimani als „Mastermind des Terrors“ in der Region.

Kommentar: Trump setzt US-Politik der Irrtümer im Nahen Osten fort

Welches Ziel verfolgte US-Präsident Donald Trump mit der Tötung Soleimanis?

Nach der versuchten Erstürmung der US-Botschaft in Bagdad durch pro-iranische Demonstranten vor einer Woche warnte Trump bereits: Der Iran werde einen „hohen Preis“ bezahlen. In der Logik des Präsidenten sollte die Tötung Soleimanis eine Botschaft der Abschreckung an Teheran sein.

Elf Monate vor den US-Wahlen will der Chef des Weißen Hauses seinem heimischen Publikum Stärke demonstrieren – allerdings mit möglichst begrenztem Einsatz an Geld und Personal. Er hatte den Amerikanern versprochen, Schluss zu machen mit der Teilnahme an „endlosen Kriegen“ in Nahost. Die US-Bevölkerung ist der verlustreichen und teuren Waffengänge im Irak und in Afghanistan überdrüssig.

Am Freitagabend betonte Trump bei einem Statement in Florida, er wolle keinen Krieg mit Teheran. „Wir haben gehandelt, um einen Krieg zu beenden. Wir haben nicht gehandelt, um einen Krieg zu beginnen.“

Die USA wollten auch keinen Regimewechsel im Iran erreichen, so Trump. Die Vereinigten Staaten täten aber alles, um die eigenen Diplomaten, Soldaten und Bürger zu schützen. „Ich bin bereit und vorbereitet, alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen – und das bezieht sich insbesondere auf den Iran“, sagte Trump.

Soleimani habe an „finsteren“ Angriffsplänen gegen US-Ziele gearbeitet und sei deshalb ausgelöscht worden. Wäre er schon früher getötet worden, hätten viele Leben gerettet werden können, sagte der US-Präsident.

Wie wahrscheinlich ist es, dass Trump sein Ziel erreicht?

Der Präsident geht ein extrem hohes Risiko ein. Er zieht nicht nur scharfe Kritik aus dem Iran, Syrien und dem Irak auf sich. Er heizt auch die ohnehin explosive Lage in der Region weiter an. Die Gefahr von offenen und verdecken Militäraktionen – auch gegen amerikanische Soldaten – steigt. Das US-Verteidigungsministerium kündigte angesichts der wachsenden Unsicherheit die Entsendung von rund 3500 weiteren US-Soldaten in den Nahen Osten an. 5000 amerikanische Kräfte befinden sich bereits in der Region.

Die demokratischen Präsidentschaftskandidaten übten scharfe Kritik an Trump. „Präsident Trump hat gerade eine Dynamitstange in ein Pulverfass gesteckt“, polterte Joe Biden, der bislang aussichtsreichste Konkurrent von Trump. Gut möglich, dass sich der Chef des Weißen Hauses bei Vergeltungsaktionen des Irans oder von dessen Verbündeten gezwungen sieht, weitere US-Truppen in den Nahen Osten zu entsenden. Dann wäre die Tötung Soleimanis kontraproduktiv. Eine weitere Eskalation könnte sich als nicht kontrollierbar erweisen.

Kommentar: Tod des Generals Soleimani wird in Nahost lange nachhallen

Kommt es jetzt zu einem großen Krieg zwischen den USA und dem Iran oder gar zu einem Dritten Weltkrieg?

Das ist nach derzeitigem Stand nicht sehr wahrscheinlich. Trump befürchtet, dass ein großer Krieg mit vielen Toten seine Chancen bei der Präsidentschaftswahl im November deutlich schmälern würde. Auch Teheran dürfte an seiner Strategie der begrenzter Militär-Operationen festhalten. Allerdings könnten die Angriffe zunehmen und heftiger werden.

Angesichts der erhöhten Spannungen will Großbritannien zwei Kriegsschiffe in den Persischen Golf schicken. Der Zerstörer „HMS Defender“ und die Fregatte „HMS Montrose“ sollten Handelsschiffe in der strategisch wichtigen Straße von Hormus schützen, teilte Verteidigungsminister Ben Wallace mit.

Belastet die Iran-Eskalation das Verhältnis zwischen den USA und den Europäern?

US-Außenminister Mike Pompeo kritisierte die Reaktion der Europäer auf die Tötung Soleimanis. Washingtons europäische Verbündete seien „nicht so hilfreich“ gewesen wie er gehofft hatte, sagte Pompeo. Staats- und Regierungschefs im Westen hatten vor einer Eskalation der Spannungen in der Golfregion. Die Briten, die Franzosen und die Deutschen müssten verstehen, „dass das, was wir, was die Amerikaner getan haben, auch Leben in Europa gerettet hat“, unterstrich Pompeo.

Kommentar: Iran-Eskalation: Europas Stunde der Last-Minute-Diplomatie

Wie gefährlich ist die Lage für Israel?

Sehr gefährlich. Den Mullahs ist das „zionistische Regime“ ein Dorn im Auge. Bei Kundgebungen in Teheran kommt es regelmäßig zu „Nieder mit Israel“- und „Nieder-mit-den USA“-Rufen. Die Regierung in Israel ist seit einiger Zeit alarmiert über Waffenlieferungen vom Iran an die syrische Armee, die dann an die schiitische Hisbollah-Miliz im Libanon weitergeleitet würden. Die Hisbollah besitze bereits mehr als 100.000 Raketen. Schiitische Milizen haben in der Vergangenheit immer wieder Raketen auf israelisches Gebiet abgefeuert.

Hintergrund: Warum im Nahen Osten die Angst vor einer Eskalation umgeht

Den israelischen Militärs machen vor allem die zunehmend präziseren GPS-gesteuerten Geschosse Sorgen. Die Befürchtung: Je mehr sich das Mullah-Regime mit dem Rücken zur Wand sieht, desto aggressiver tritt es nach außen auf. Mit zunehmenden Raketenangriffen ist zu rechnen. Israel befindet sich nach der Tötung Soleimanis in erhöhter Alarmbereitschaft. Verteidigungsminister Naftali Bennett berief am Freitag ein Treffen mit dem Generalstabschef der Armee und weiteren Sicherheitsvertretern ein.

Gleitet der Irak wieder ins Chaos ab?

Die Lage ist bereits seit der US-Invasion 2003 chaotisch. Es ist aber eine weitere Radikalisierung zu erwarten. Der einflussreiche irakische Schiiten-Kleriker Muktada al-Sadr wies seine Anhänger an, für den „Schutz des Iraks“ bereit zu sein.

Zwei Drittel der irakischen Bevölkerung besteht aus Schiiten. Der Iran betrachtet sich als Schutzmacht dieser islamischen Glaubensrichtung. Die Bindungen zwischen Bagdad und Teheran sind seit Jahren sehr eng. Die Abhängigkeit des Iraks vom Iran dürfte noch größer werden.

Tausende Iraker forderten bei einem Trauerzug für Soleimani „Rache“ und den „Tod Amerikas“. Hinter dem Sarg des Getöteten zogen sie am Samstag durch Bagdad und skandierten Drohungen gegen die USA.

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