Frauenrechte

Kairo – Der Kampf der Mädchen in einer kaputten Stadt

An Müll, Schutt und Zerfall müssen die beiden 15-jährigen Mädchen Hebatallah (l.) und Eman jeden Tag vorbei.

An Müll, Schutt und Zerfall müssen die beiden 15-jährigen Mädchen Hebatallah (l.) und Eman jeden Tag vorbei.

Foto: Heba Khalifa

Kairo  Kaputte Häuser, Müllberge, Gewalt: In der größten Stadt Afrikas ist Chaos der Normalzustand. Für Frauen ist es besonders gefährlich.

Wenn Hebatallah an die Zukunft denkt, dann flüchtet sie sich in einen Traum. Sie will in den Weltraum. Oder der Weltraum kommt zu ihr. Eine reale Zukunft mag sie sich nicht vorstellen. Was soll das schon sein? Viele Kinder, Mann, Haushalt, und alles in bitterer Armut. Die ewigen zwei Zimmer, aus denen sie so gut wie nie herauskommt, ein Fernseher, die Sofagruppe auf bunten Plastik-Webteppichen. Hebatallah ist 15 und lebt in Kairos größtem Slum, in Ezbet Khairallah.

2017 durfte sie zur Weltfrauenkonferenz nach New York reisen und über Mädchenrechte sprechen. Sie hatte viel zu erzählen von Armut, Angst und sexuellen Angriffen in ihrer Heimat, die nach einer Analyse der Thomson Reuters Foundation die gefährlichste Stadt der Welt für Frauen ist.

Hebatallah schwärmt von Mathematik und Naturwissenschaft

Nun, zwei Jahre später, ist aus dem Kind ein Teenager geworden. Schulabschluss und Volljährigkeit rücken näher. Was ist mit der Zukunft? Hebatallah, die von Mathematik und Naturwissenschaft schwärmt, die erklärt, ihr Vater sei stolz auf sie, entrückt mit ihren Weltraumideen plötzlich in eine völlig irreale Welt.

Ihre echte Welt, die Siedlung Ezbet Khairallah, ist ein dicht besiedelter Teil von Kairo. 800.000 Menschen leben dort auf zwölf Quadratkilometern, so die offiziellen Schätzungen. Wie viele Einwohner der Slum tatsächlich hat, weiß niemand. Alles, was gefährlich ist, hat Ezbet Khairallah im Überfluss: streunende, bissige Hunde, Drogendealer, Heroinsüchtige; und Müll, Müll, Müll.

Nie zögern, nie anhalten, nie einen Blick erwidern

Er quillt in jeden Eingang, unter den zentralen Wegen zwischen Gemeindehaus, Geschäften und Wohnungen ist er zu einer Masse aus Essenresten, Plastikflaschen, Tüten, alten Schuhen, Autoreifen zusammengetreten. Dort lässt es sich federnd wie auf einem Waldboden gehen – wenn der süßlich-verbrannte Geruch nicht wäre.

Hunde und Katzen finden dort ihr Futter, Drogendealer ihre Verstecke – sowie die vielen herumlungernden Kerle, die den Mädchen auflauern, sie bedrängen und befummeln, sobald sie vorbeikommen. Und das müssen sie, wenn sie zur Schule wollen. Denn alles, was Sicherheit bringt, gibt es in Ezbet Khairallah nicht: Schulbusse, Straßenbeleuchtung, Polizeistationen, Krankenhäuser. So bleibt Hebatallah nichts anderes übrig, als täglich durch die staubigen, stinkenden Straßen zu eilen, vorbei an den Jungs, nie zögern, nie anhalten, nie einen Blick erwidern.

Einwohner nennen die Treppe nur „das schwarze Loch“

Eine Stunde braucht sie bis zur Schule, der einzigen in der Gegend. Sie könnte die lange Treppe nehmen, die sich hinunter ins Zentrum von Kairo windet und den Weg raus aus dem Dorf halbieren würde. Doch die wird von ein paar Jungs bewacht, die den Prototypen des Dealers, des Vergewaltigers und des Kriminellen in sich vereinen. Die Menschen von Ezbet Khairallah nennen die Treppe nur „das schwarze Loch“.

Hebatallah könnte auch mit dem Tuk Tuk fahren, dieser Mischung aus Vespa-Roller und Minitaxi. Doch deren Fahrern wird eine ähnliche Konstellation nachgesagt wie den „Bewachern“ des schwarzen Lochs. Also läuft Hebatallah. Ihre einzige Waffe gegen die fummelnden Hände ist die Haarnadel im streng gebundenen Kopftuch. Und der Selbstverteidigungskurs, den sie im Gemeindezentrum der Slumsiedlung absolviert hat.


„Nach muslimischem Recht sind Frauen nicht gleichberechtigt“

Hilfsorganisationen wie Plan versuchen dort zusammen mit der Verwaltung für ein wenig Sicherheit zu sorgen, ein wenig Zuversicht und Selbstvertrauen. Sie verteilen T-Shirts, auf denen Sätze stehen wie: Mädchen haben Rechte. Sie organisieren Märsche durch das Viertel und versuchen, auch Männer zur erreichen.

Etwa Mohamed Hassein (35). Der ehemalige Tuk-Tuk-Fahrer arbeitet inzwischen in einem Hotel. In Ezbet Khairallah nimmt er an Gruppenstunden teil, wo er für Frauenrechte sensibilisiert werden soll. Das Gemeindezentrum ködert ihn mit Mittagessen und etwas Geld. Wie Hebatallah gerät er ins Träumen, wenn er an die Zukunft denkt: Der dreifache Familienvater schwärmt von einem guten Leben im Ausland, in Libyen oder gleich in Europa.

90 Prozent der Frauen machen Gewalterfahrungen

Nach den Frauenrechten gefragt sagt er, klar sollten Frauen geschützt werden. Und sie sollten ihre Bildung ernst nehmen, um ihre Kinder gut erziehen zu können. Beim Beruf aber habe der Mann Vorrang. „Ägypten ist ein muslimisches Land, und nach dem muslimischen Recht sind Frauen nicht gleichberechtigt.“ Der Mann habe die Verantwortung – und das Sagen. Punkt. Mohammed Hassein verschränkt die Arme.

Tatsächlich kommt die Verdrängung der Frauen an den Rand der Gesellschaft aus ihrem Kern: den Familien. Dort werden Ehefrauen die Rechte genommen und die Töchter als Teenager verheiratet. Ebenso gefährlich wie die Gassen und unbeleuchteten Tunnel des Slums sind die eigenen Wohnungen. 90 Prozent der ägyptischen Frauen machen Gewalt- und Missbrauchserfahrungen, sagt Mervat Talaat, die in Ezbet Khairallah lebt und im Slum die Arbeit der Hilfsorganisationen koordiniert.

Amina glaubt El-Sisi nicht

Immerhin: „Immer mehr Frauen sprechen inzwischen über Missbrauch, Unterdrückung und Gewalt“, so die Erfahrungen der Aktivistin und alleinerziehenden Mutter, die hier Amina heißen soll. Sie hat nach einem Jahr Ehe ihren Mann verlassen und lebt, von den Nachbarn argwöhnisch beäugt, in einer Sozialwohnung. 2011 war sie Teil der Massenproteste im Zuge des Arabischen Frühlings, die Langzeitherrscher Hosni Mubarak in die Knie zwangen.

Ob für diesen kleinen Fortschritt Machthaber Abdel Fatah El-Sisi verantwortlich ist? Für Amina ist es eher die globale Me-Too-Debatte, die auch bei den gebildeten Frauen in Kairo angekommen sei. El-Sisis Reden, in denen er von Quoten und Frauenrechten spricht, hält sie für Lippenbekenntnisse.

Amnesty erhebt schwere Vorwürfe

Denn der Präsident hat zwar Großes vor, doch um die Situation der Frauen, die wohl das dringendste Problem der Gesellschaft ist, geht es ihm dabei nicht. Zuallererst will er noch lange an der Macht bleiben – bis mindestens 2030. Dies will er durch eine Verfassungsänderung erreichen, die ihm eine Ausweitung seiner Machtbefugnisse ermöglichen soll.

Kürzlich hat die große Mehrheit der Ägypter für die vorgeschlagenen Änderungen gestimmt. Für Experten und Aktivisten habe El-Sisi gar keine andere Wahl als an der Macht zu bleiben, wenn er seine Menschenrechtsverbrechen vertuschen will. So lastet ihm etwa Amnesty International an, willkürlich Regimegegner festzunehmen, Menschen verschwinden zu lassen und zu foltern.

Auf offener Straße werden Menschen abgeführt

Allein 2017 sollen 120 Menschen in Polizeigewahrsam gestorben sein. Auch von systematischen Hinrichtungen wird berichtet. Mittlerweile ist der Alltag geprägt von Repression. In der Stadt fallen Gefangenentransporte auf, die von Pickups begleitet werden, auf denen grimmig dreinblickende Soldaten mit Maschinengewehren sitzen. Auf offener Straße werden Menschen abgeführt.

„Das sind Kriminelle“, sagt dazu eine Journalistin, die sich als staatliche Aufpasserin für ausländische Medien entpuppt. Dabei ist gerade Kriminalität kein Thema in Kairo. Die Stadt gilt, was Diebstähle angeht, sicherer als westdeutsche Großstädte – auch das ist, sagen Experten, erkauft durch Repression, die El-Sisi mit der angeblich hohen Terrorgefahr begründe. Doch bedroht sei, so gut unterrichtete Kreise, Polizei und Militär, nicht aber die Zivilbevölkerung.


Eine neue Hauptstadt für die Elite

Die Menschen reagieren mit Lethargie darauf, dass Gewerkschaften und Parteien keinen Einfluss haben und keine gesellschaftliche Debatte möglich ist – so wie die Aktivistin Amina. 2011 kämpfte sie während des Arabischen Frühlings für mehr Freiheit und Demokratie, „nun haben wir einen Machthaber, der sein Volk mehr denn je unterdrückt“.

El-Sisis zweites Großprojekt ist die neue, noch namenlose Hauptstadt. Denn Kairo, die alte, die sich aus dem ockergelben Wüstensand erhebt, ist für ihn nicht mehr zu retten. Das Rot-Braun der vielen Ziegelhäuser, die wie Schachteln zu zehn oder zwanzig Stockwerken übereinander gestapelt in den Smog der Stadt ragen, prägt das Bild.

Kairo ist ein riesiger, bröselnder Moloch

Manche bestehen nur aus unbewohnten Gerippen, andere sind in sich zusammengefallen, daneben stehen Wohnhäuser, aus deren obersten Stockwerken nur ein paar Pfosten mit Stahldrähten ragen, weil das Geld für den Weiterbau nicht reicht. Manche Wohngegend erschließt sich über einen Schotterweg durch Ruinen, die plötzlich in eine Art dörfliche Mitte münden mit spielenden Kindern, Hühnern, Hunden und immer noch funktionsfähigen Autowracks, die sich ächzend über die Schlaglöcher der staubigen Straße schieben.

Andere liegen an Highways, auf denen sich Tag und Nacht ein anarchistisch hupender Verkehr staut. Einzige Oase könnte der Nil sein – wenn er nicht träge und schmutzig all den Müll aufnehmen würde, der sich rechts und links des Ufers ins Wasser schiebt. Kairo ist ein riesiger, bröselnder Moloch, der 20, 22 oder wer weiß wie viele Millionen Menschen aufnimmt.

Doch statt den Kampf gegen den Zerfall aufzunehmen, mit Investitionen in Nahverkehr und Infrastruktur, baut Machthaber El-Sisi einfach eine neue Stadt – um 50 Kilometer versetzt.

Komfortable Wohnanlagen für sieben Millionen Menschen

Nach der Budgetplanung, die El-Sisi 2016 in Sharm El Sheikh vorstellte, sollen westliche und arabische Investoren 45 Milliarden Euro bereitstellen. Ab 2022, so das Versprechen, werden dann Politiker, Beamte, Diplomaten, Unternehmer, kurz: die sogenannten Leistungsträger, in der neuen Stadt sauber und sicher leben. Für bis zu sieben Millionen Menschen sind komfortable Wohnanlagen in Bau. Eine gigantische Mauer, die das neue Stadtgebiet umringt, gibt es schon. Nun fehlen Wasser, Straßen, eine Zugverbindung.

Da sie nie in der neuen Stadt wohnen wird, kommt El-Sisis Megaprojekt in der Gedankenwelt von Mervat Talaat, der Projektkoordinatorin aus dem Slum Ezbeth Khairallah, nicht vor. Ihr würde schon genügen, wenn die Polizei nicht immer wieder die mutigen Frauen abwimmeln würde, die sich trauen, ihren Vergewaltiger anzuzeigen. Oder Polizisten, die das Verbot der Frühehe durchsetzen.


Aman geht seit Jahren nicht mehr aus dem Haus

Vielleicht wäre der 17-jährigen Aman damit schon geholfen. Sie geht seit Jahren nicht mehr aus dem Haus. „Meine Eltern verbieten das, und dafür habe ich Verständnis. Sie sorgen sich um mich“, sagt sie. Aman hat einen freundlichen Blick. Ihr Lächeln wirkt schüchtern, ihre Worte kommen stockend und leise aus ihrem Mund. Überall, sagt sie, lauerten Gefahren. Wie sie denn zur Schule komme? „Ich gehe nicht mehr, seit vier Jahren schon“.

Sie spricht von nackten Mädchen auf der Schultoilette, die die damals 13-jährige gesehen habe, und von Drohungen. Ob sie von den Mädchen sexuell belästigt wurde, ob es um schweres Mobbing ging – es bleibt unklar. Ihre Mutter, sagt sie, habe jedenfalls nicht mehr gewollt, dass sie zur Schule gehe. Ihrer Schwester sei das gleiche passiert. „Ich war auch verlobt mit 13“. Ein Nachbar habe um ihre Hand angehalten, er sei 16 Jahre älter gewesen. „Ich fand das aufregend, aber dann war er mir nicht attraktiv genug und ich habe die Verlobung beendet.“

„Ich brauche jemanden, der mir meine Möglichkeiten erklärt“

Immer wieder schiebt sie einen Zipfel des Kopftuches an Kinn und Lippen, als wolle sie ihren Mund verschließen. Doch dann redet sie weiter. Gab es einen Zusammenhang zwischen Verlobung und Beendigung der Schule? Wollten ihre Eltern die Verlobung? Was ist wirklich in der Schule passiert? Und ist nur ein Zufall, dass sie über ihre Schwester eine fast gleiche Geschichte erzählt?

Aman, wie geht es weiter, willst du heiraten? Sie schüttelt bei dieser Frage stumm den Kopf. „Ich will etwas für meine Zukunft tun. Ich brauche jemanden, der mir meine Möglichkeiten erklärt.“ Einen, der ihr aus der Familie hilft ohne Ehe und sie zurück auf die Schulbank bringt. „Ich hatte gute Noten“, sagt sie. Es ist wohl ein Hilfeschrei.

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