Coronavirus

Corona in NRW: So kämpft Solingen gegen die hohe Inzidenz

Lesedauer: 5 Minuten
Die Corona-Zahlen sind in den vergangenen Wochen angestiegen – in Solingen, Düsseldorf und vielen Orten in NRW. Das hat verschiedene Gründe. (Symbolbild)

Die Corona-Zahlen sind in den vergangenen Wochen angestiegen – in Solingen, Düsseldorf und vielen Orten in NRW. Das hat verschiedene Gründe. (Symbolbild)

Foto: Lars Heidrich / FUNKE Foto Services

Solingen.  In NRW steigen die Corona-Zahlen, Solingen hat mit die höchste Inzidenz in Deutschland. Wie es dazu kam und welche Lehren sich ziehen lassen.

Für viele der Partygäste scheint das Coronavirus am Abend des 11. Juli überall gewesen zu sein, nur nicht in Solingen. Rund 1000 Personen trafen sich nach dem Finale der Europameisterschaft in der Stadt zu einer spontanen Feier. Sie sollte das Infektionsgeschehen in den Tagen danach jedoch ansteigen lassen.

Solingen hat auch aufgrund der EM-Party mit den höchsten Sieben-Tage-Inzidenzwert in Deutschland (60,8, Dienstag, 27. Juli). Die Kennziffer steigt an weiteren Orten in NRW und der gesamten Bundesrepublik wieder an. Wie kam es dazu? Und vor allem: Welche Lehren lassen sich schon heute ziehen?

Alles sei bei der EM-Feier regelkonform abgelaufen, heißt es von der Solinger Stadtverwaltung auf Nachfrage. Die Stadt befand sich zu dem Zeitpunkt in der Inzidenzstufe 0. Spontane Zusammenkünfte dieser Größe waren nach der Coronaschutzverordnung des Landes erlaubt.

NRW-Inzidenz steigt: Weshalb die Inzidenz in Düsseldorf angestiegen ist

Für das derzeitige Infektionsgeschehen seien zudem Einzelfälle mitverantwortlich, so die Stadt. Hinzu komme, dass Solingen vor rund zwei Wochen von der Flutkatastrophe betroffen war. Eine Kombination, die die Pandemielage in der Stadt verschärft hat.

Knapp 25 Kilometer nordwestlich entfernt von Solingen, in Düsseldorf, kämpft die Stadt seit Längerem mit einer vergleichsweise hohen Inzidenz. Am Dienstag (27. Juli) liegt sie bei 42,6. Ein deutlicher Anteil der Infizierten habe sich vor Kurzem im Ausland aufgehalten, sagte Bürgermeister Dr. Stephan Keller am Donnerstag.

Ein weiterer bedeutender Anteil der Fälle sei auf eine Infektion innerhalb eines Haushaltes zurückzuführen, weshalb Keller an die Düsseldorferinnen und Düsseldorfer appellierte, Maske zu tragen, Abstand zu halten, sich regelmäßig zu testen und Impftermine zu buchen.

Virologe aus Essen fordert: Mehr Menschen sollten sich impfen lassen

Die Impfkampagne scheint allerdings ins Stocken geraten - nicht nur in Düsseldorf, sondern in der ganzen Republik. Aktuell sind rund 41 Millionen Bürgerinnen und Bürger in Deutschland vollständig gegen das Virus geimpft, was knapp der Hälfte der Bevölkerung entspricht. „Nicht ausreichend“ sei dieser Schnitt, sagt der Essener Virologe Prof. Dr. Ulf Dittmer, gerade in Anbetracht der jüngsten Entwicklungen. „Damit wir die Zahlen geringhalten und viele Menschen vor einer schweren Erkrankung schützen, müssen möglichst viele aus der Bevölkerung geimpft werden“, so Dittmer.

Betrachte man die Infektionszahlen, dann dürfte sich Deutschland „zumindest am Anfang der vierten Welle“ befinden, meint Dittmer. In den Krankenhäusern sei dieser Beginn aber noch nicht zu spüren. Für Dittmer reicht der Blick auf die Inzidenzen allein nicht mehr aus, um passende Schutzmaßnahmen zu treffen.

So habe in der Vergangenheit gegolten: steigt die Inzidenz, gibt es mehr Covid-19-Erkrankungen, mehr Krankenhauseinlieferungen. „Durch die Impfungen wurde dies zum Teil entkoppelt“, sagt Dittmer. Es müssten deshalb zusätzliche medizinische und klinische Parameter betrachtet werden, zum Beispiel die Krankenhauseinweisungen aufgrund von Covid-19.

Für die Schutzmaßnahmen ist das NRW-Gesundheitsministerium (MAGS) zuständig. Die Behörde rechnet landesweit mit steigenden Inzidenzen. Die Coronaschutzverordnung sei aus diesem Grund als „atmendes System“ konzipiert worden, das automatisch bei steigenden Inzidenzen geeignete Maßnahmen ergreife, um das Infektionsgeschehen zu verlangsamen.

Von diesem „atmenden System“ dürfte Solingen am Montag profitiert habe. Eigentlich hätte die Stadt in die Inzidenzstufe 3 hochgestuft werden sollen. An drei aufeinanderfolgenden Kalendertagen lag die Inzidenz höher als 50. Doch am Montag selbst passte das MAGS die Coronaschutzverordnung an. Die neue Regel: Die Sieben-Tage-Inzidenz einer Stadt oder eines Kreises muss acht Kalendertage in Folge über dem Grenzwert liegen. Die Regelverschärfung gilt dann ab dem übernächsten Tag. Solingen hat also Zeit gewonnen.

Wie die Stadt Solingen das Infektionsgeschehen in den Griff bekommen möchte

Eigene Maßnahmen zur Eindämmung des Infektionsgeschehens, die über die Coronaschutzverordnung hinausgehen, plane die Stadtverwaltung derweil nicht. Teilnehmer der EM-Feier sowie Helfer und Anwohner der Hochwassergebiete sollten sich möglichst per PCR testen zu lassen, um neue Ansteckungen zu verhindern. Dazu ruft die Kommune auf.

Und natürlich hofft die Solinger Verwaltung – wie auch Prof. Dittmer und das MAGS –, dass die Impfkampagne wieder an Tempo gewinnt. Wie viele andere Kommunen in NRW setzt Solingen dabei auf einfache Impfangebote. An den vergangenen Wochenenden fanden „Late-Night-Impfungen“ für 16- bis 27-Jährige statt, die von der Zielgruppe gut aufgenommen worden seien. Zusätzlich steuere ein Impfbus die verschiedenen Stadtteile an.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Landespolitik

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben