Forschung

Corona-Pandemie in NRW: Der Frühling könnte uns retten

Höhere Temperaturen werden im Kampf gegen das Virus helfen, sagt Prof. Ulf Dittmer, Chef des Instituts für Virologie am Uni-Klinikum Essen.

Höhere Temperaturen werden im Kampf gegen das Virus helfen, sagt Prof. Ulf Dittmer, Chef des Instituts für Virologie am Uni-Klinikum Essen.

Foto: STEFAN AREND / FUNKE Foto Services

Essen.  Virologe: Steigende Temperaturen werden beim Kampf gegen das Coronavirus helfen. Ab Mai könnten die Infektionszahlen zurückgehen.

Sobald im Frühling die Sonne länger scheint und die Temperaturen steigen, sinkt üblicherweise die Grippe- und Erkältungsgefahr. Wird die zunehmende Wärme die Ausbreitung des neuen Virus bremsen? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

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Was haben Infektionen mit dem Wetter zu tun?

Egal ob die Grippe oder ein harmloser Erkältungserreger – fast alle Atemwegsviren verbreiten sich im Sommer deutlich weniger, weil ihnen Wärme und die UV-Strahlung der Sonne zusetzen. „Viren lieben generell die Kälte“, sagt Prof. Ortwin Adams, Chef der Virologischen Diagnostik am Uniklinikum Düsseldorf. „Wir frieren sie im Labor bei minus 80 Grad ein, dann sind sie für Jahrzehnte konserviert.“ Wenn es draußen kalt ist und in den Räumen trockene Heizungsluft herrscht, stabilisiere das die Viren.

Werden höhere Temperaturen die Ausbreitung bremsen?

„Das ist unsere Hoffnung“, sagt Prof. Ulf Dittmer, Chef des Instituts für Virologie am Uni-Klinikum Essen. „Hohe Temperaturen und UV-Strahlung werden die Infektionszahlen reduzieren“, ist er überzeugt. Wie stark der Effekt sein wird, ist aber unklar. Vermutlich werde die Virenausbreitung durch steigende Temperaturen behindert, meint auch Adams. Die Frage aber sei, ob das wirklich reicht, um das Virus völlig zu stoppen. „Im April ist mit der Grippe meist endgültig Schluss“, sagt Dittmer. Seit Jahren seien aber mehrere Coronaviren bekannt, die harmlose Erkältungen auslösen. „Leider halten sie sich einige Wochen länger als Influenzaviren“, so Dittmer. Nach den Erfahrungen mit Coronaviren dürfte vermutlich auch das neue Virus Sars-CoV-2 im Frühling einige Wochen länger durchhalten als das Grippevirus.

Warum bleiben Coronaviren länger aktiv?

Das ist noch nicht erforscht. Die Ursache liegt vermutlich in der Art und Weise, wie sich das Virus vermehrt. Ist es draußen kalt, sinkt beim Atmen auch die Temperatur im Rachenraum des Menschen, erklärt Dittmer. „Grippeviren können sich bei Körpertemperaturen unter 36 Grad besser vermehren.“ Offenbar benötigen Coronaviren nicht unbedingt niedrigere Temperaturen, um sich optimal zu vermehren.

Lässt sich von Grippe- auf Coronaviren schließen?

Sars-CoV-2 zeigt mit Erkältungs- und Grippevieren bestimmte Gemeinsamkeiten. Sie lösen Atemwegsinfektionen aus, die über Kontakt mit Erkrankten oder über Tröpfcheninfektionen weitergegeben werden. Wenn die Luft kalt und trocken ist, können winzige Tröpfchen als Infektionsherde längere Zeit in der Luft schweben. Eine US-Studie ergab: Bei einer Luftfeuchte von 20 Prozent schweben infektiöse Viren noch einige Stunden nach dem Niesen oder Husten im Raum. Im Sommer ist dies nicht der Fall.

Gibt es auch Zweifel an der Sommer-These?

Sars-CoV-2 tritt zum ersten Mal auf und es liegen bislang nur wenige aussagekräftige Studien über das Virus vor. Daher ist es schwer, verlässliche Prognosen über den Verlauf des Ausbruchs zu treffen. Hinzu kommt, dass bislang kaum jemand immun gegen den Erreger ist. Selbst wenn weniger Viren unterwegs sind, kann sich eine große Zahl von Menschen infizieren. Das treibt die Infektionsrate unabhängig von der Jahreszeit in die Höhe. Eine neue US-Studie schürt ebenfalls Zweifel an der Theorie, dass die Corona-Pandemie im Sommer an Kraft verlieren werde. In dieser Modellstudie hatten die Forscher der Harvard Medical School die Übertragung von Sars-CoV-2 in den nächsten Jahren simuliert. Sie kamen zu dem Schluss, dass steigende Temperaturen nur einen geringen Einfluss auf die Verbreitung des Virus hätten.

Wann erreichen wir den Höhepunkt der Corona-Infektionswelle?

Aufgrund der US-Studie kommt der Berliner Virologe Christian Drosten zu der Überzeugung, dass das Maximum der Fälle erst zwischen Juni und August eintritt. Daran glaubt sein Essener Kollege Ulf Dittmer allerdings nicht. „Wir sehen in den Sommermonaten so gut wie nie Infektionen mit Atemwegsviren, auch nicht mit den bekannten harmlosen Coronaviren.“ Er sei daher zuversichtlich, dass die Infektionszahlen ab Mai sinken könnten. Auch Ortwin Adams vom Uniklinikum Düsseldorf sieht den Höhepunkt bereits „in einigen Wochen“ erreicht. Dazu würden neben der Wärme auch die Einschränkungen der sozialen Kontakte sowie die Schul- und Kitaschließungen beitragen. Dittmer: „Das wird das gesamte Bild verändern. Wir flachen damit die Infektionskurve ab. Das ist wichtig, weil die Kliniken sonst durch die rasante Zunahme an Kranken überlastet wären.“

Verschwindet der Erreger oder kommt er jedes Jahr zurück?

Die Chance, dass der Erreger nach einer heftigen Pandemie „ausstirbt“ und nie wieder auftritt, ist nach Ansicht von Experten gering. Wahrscheinlicher ist in Zukunft ein saisonales Auftreten wie bei der Influenza. Die Zahl der Infizierten werde im Frühjahr und Sommer sinken, um am Ende des Jahres wieder anzusteigen, so Adams. Doch die Ausbrüche dürften künftig weniger heftig sein als jetzt, da antivirale Medikamente und Impfstoffe entwickelt werden. Auch die Bevölkerung ist durch die aktuelle Infektionswelle sensibilisiert und geschult.

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