WDR-Doku

Kraft-Doku im WDR: von Hoffnungsträgerin zu Hinterbänklerin

Mehr als sieben Jahre lang begleiteten die Filmemacher Hannelore Kraft.

Mehr als sieben Jahre lang begleiteten die Filmemacher Hannelore Kraft.

Düsseldorf.  Eine bemerkenswerte Langzeit-Doku des WDR zeichnet nach, wie aus der politischen Hoffnungsträgerin Hannelore Kraft eine Hinterbänklerin wurde.

Nein, weg ist sie nicht. Hin und wieder sieht man Hannelore Kraft, wie sie ihr Kunststoff-Tablet durch die Schlange vor der Essensausgabe der Landtagskantine balanciert. Oder sie stellt Fragen im Sportausschuss. In ihrem kleinem Abgeordnetenbüro im sechsten Parlamentsgeschoss kocht sie Besuchern schon mal Kaffee.

Die im Mai tief gefallene Ministerpräsidentin fügt sich in ihr neues Leben als einfache Mülheimer Wahlkreisvertreterin. Wohl selten hat eine Hoffnungsträgerin der Sozialdemokratie, die noch vor wenigen Jahren als künftige Kanzlerin gehandelt wurde und zu den beliebtesten Politikerinnen Deutschlands gehörte, derart schnell auf Hinterbänklerin umgestellt. Die 56-Jährige ist sofort nach dem historischen Wahldebakel von allen Ämtern zurückgetreten. Sie hat ihre Internet-Profile löschen lassen, gibt keine Interviews mehr und meidet die großen SPD-Parteitage.

Krafts Nimbus der "Kümmerin" ging verloren

Man fragt sich noch immer staunend, wie es eigentlich so weit kommen konnte. Das WDR-Fernsehen liefert nun in der bemerkenswerten Langzeit-Dokumentation „Hannelore Kraft – Aufstieg und Fall“ an diesem Donnerstagabend (WDR, 22.40 Uhr) in 45 Sendeminuten einige Erklärungsansätze. Als die WDR-Journalistin Sabine Scholt vor sieben Jahren begann, Kraft mit und ohne Kamera zu begleiten, war sie in guter Gesellschaft. Die schnörkellos daherkommende neue NRW-Regierungschefin aus dem Revier interessierte auch andere Filmemacher. Hier schien sich eine große bundespolitische Karriere anzubahnen.

Scholt blieb dabei, als sich Kraft 2013 mit ihrer ungestümen Absage, „nie, nie Kanzlerkandidatin“ werden zu wollen, auf Regionalniveau schrumpfte und in Berlin zusehends weniger ernst genommen wurde. Auch in Düsseldorf häuften sich die Pannen, der Nimbus der sympathischen „Kümmerin“ ging verloren. Die erfahrene WDR-Journalistin verblüffte, wie rasant das Amt Kraft sicht- und spürbar veränderte. Sie wollte wissen, warum diese Frau so offenkundig an der Spitzenpolitik leidet. Wie aus der eben noch in der Fußgängerzone fröhlich singenden Ministerpräsidentin eine gequält wirkende Politikerin wurde, die kritisch fragende Passanten anblafft. Wie ein lange verwöhnter Mediendarling plötzlich in jedem Berichterstatter einen Fallensteller sehen konnte. Warum Kraft ernsthaft glaubte, mit einem absurden „Video-Tagebuch“ ihre eigene Gegenöffentlichkeit schaffen zu können.

Eine Geschichte des Scheiterns, spannender als eine Helden-Doku

Scholt hat viele Stunden Bildmaterial gemeinsam mit dem Dokumentarfilmer Michael Wieseler zu einem Politiker-Drama verdichtet. Wieseler kannte Kraft vorher persönlich gar nicht und hatte beruflich nie mit Landespolitik zu tun. Ihn faszinierte die menschliche Dimension des Auf- und Abstiegs. Er befragte noch einige „Zeitzeugen“, zu denen auch der Autor dieses Textes gehörte. So wird eine Geschichte des Scheiterns erzählt, die wie so oft spannender ist als jede Helden-Doku.

Der Film arbeitet heraus, dass Krafts größte Stärke zugleich ihre größte Schwäche war. Sie nahm Politik immer persönlich und entschied Personal- und Sachfragen nach emotionaler Betroffenheit. Sie fand nie in die Rolle der kühlen Problemlöserin, die mit Distanz, Strategie und Professionalität die Regierungsgeschäfte führt. So erklären sich ihre anrührende Loveparade-Trauerrede 2010 oder die vielen gelungenen Bürgerbegegnungen einerseits - und das kopflose Agieren im Beamten-Besoldungsstreit oder nach den Kölner Silvesterübergriffen andererseits.

Nach der Wahl wollte Kraft nicht mehr vor die Kamera

Scholt und Wieseler zeigen, wie die Zerrissenheit zwischen den sehr unterschiedlichen Anforderungen des Amtes Kraft körperlich und mental auslaugten. Gern hätte der Zuschauer erfahren, ob sie den Verlust des Regierungsamtes womöglich sogar als Erleichterung empfindet. Doch Kraft ließ sich von den Autoren auch in mehrstündigen Gesprächen nicht mehr erweichen, sich noch einmal selbst vor der Kamera zu erklären.

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