VBE-Umfrage

Schulen in NRW sind digital noch abgehängt

Leider längst nicht überall Standard: Unterricht mit Tablet-PC.

Leider längst nicht überall Standard: Unterricht mit Tablet-PC.

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Düsseldorf  Laut einer Schulleiter-Umfrage des Verbandes VBE gibt es an nur drei Prozent der Schulen in NRW für alle Klassen Tablet-PC für den Unterricht.

Angesichts der verheerenden Auswirkungen der Coronakrise auf den Schulunterricht in NRW fordert der Verband Bildung und Erziehung (VBE) eine zügige Digitalisierung der Schulen. Laut der jüngsten Schulleitungsumfrage des Verbandes, die am heutigen Montag veröffentlicht wird, gibt es an nur drei Prozent der Schulen für alle Klassen Tablet-PC für den Unterricht. Aus der Sicht von VBE-Landeschef Stefan Behlau sind das beschämende Werte. Er forderte digitale Endgeräte möglichst für alle Kinder.

Das NRW-Schulministerium sagte, es treibe die Digitalisierung zügig voran. Für die Anschaffung der mobilen Geräte stelle der Bund NRW 105 Millionen Euro zur Verfügung.

Coronakrise legt digitale Schwächen der NRW-Schulen offen

Von Zeit zu Zeit fragt der Verband Bildung und Erziehung (VBE) Schulleiter nach ihrer Berufszufriedenheit. 264 Rektoren aus NRW haben sich in diesem Jahr beteiligt, in ganz Deutschland waren es 1302. Sehr unzufrieden sind sie mit der digitalen Ausstattung. Vom Ziel, jedem Schüler einen Tabletcomputer anbieten zu können, ist NRW weit entfernt. Laut VBE-Landeschef Stefan Behlau legt die Coronakrise die digitalen Schwächen der Schulen schonungslos offen.

Laut der Umfrage gibt es an 40 Prozent der Schulen in NRW „vereinzelt“ Klassensätze an Tablet-PC und Smartphones für den Unterricht, an nur drei Prozent für alle Klassen. Angesichts der Krisen-Erfahrungen mit geschlossenen Schulen und improvisiertem Distanzunterricht sagte Behlau dieser Redaktion: „Es ist nun noch wichtiger, dass möglichst alle Schüler in NRW mit digitalen Endgeräten ausgestattet werden.“

Ein Teil der Schüler wird daheim gar nicht erreicht

Vor der Krise sei es beim Thema Digitalisierung um den Einsatz von Informationstechnologie im Präsenzunterricht gegangen. Inzwischen aber seien PC und Tablets aber sogar die Voraussetzung dafür, „dass die daheim arbeitenden Schüler und Lehrer überhaupt miteinander kommunizieren“ könnten.

Ein Teil der Schüler wird daheim gar nicht digital erreicht. Zum Teil hätten die Familie keine geeigneten Geräte, es komme auch vor, dass die Eltern im Homeoffice die Geräte selbst brauchten, erklärt der VBE. Oftmals spielten Tablets und Laptops beim „Lernen auf Distanz“ keine Rolle. „Manche Schulen verschicken Lernpakete mit der Post oder lassen Unterrichtsmaterial an der Schule abholen“, so Behlau.

"Digitale Sturzgeburt"

Viele Pädagogen hätten Angst, gegen Datenschutzbestimmungen zu verstoßen, weil sie eigene Software im Unterricht nutzten. Der VBE-Landesvorsitzende spricht von einer „digitalen Sturzgeburt“ beim Datenschutz. Der Einsatz privater Software durch Lehrer sei eine „Notwehrreaktion auf die fehlende IT-Infrastruktur in den Schulen“.

Die mit reichlich Verspätung gestartete digitale Lernplattform Logineo NRW steckt laut VBE noch in den Anfängen. „Die Krise zeigt, dass wir dringend eine funktionierende Plattform in NRW brauchen, sagte Behlau.

Landesregierung verspricht zügige Weiterentwicklung von Logineo NRW

Das NRW-Schulministerium stellt einen zügigen Ausbau von Logineo in Aussicht. Derzeit können nur Lehrer mithilfe der Plattform sicher über das Internet zusammenarbeiten. Der Kreis der Logineo-Nutzer soll aber „sehr zeitnah“ auf die rund 2,5 Millionen Schüler in NRW erweitert werden“, sagte ein Sprecher des Ministeriums.

In Kürze solle auch ein sicherer Messengerdienst über Logineo angeboten werden. Vielleicht, so das Ministerium könnten Schüler und Lehrer bald – ähnlich wie Millionen Berufstätige in diesen Krisenzeiten – in Videokonferenzen sitzen. Ein spezielles Angebot für den Unterricht werde gerade geprüft.

Schnelleres Internet für Schulen in Sicht?

Ganz so schleppend, wie Kritiker sagen, schreite die Digitalisierung des Unterrichts nicht voran, finden NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer und Schul-Staatssekretär Mathias Richer (beide FDP). Vor vier Jahren seien nur 13 Prozent der öffentlichen Schulen an ein leistungsfähiges Datennetz angeschlossen gewesen. Ende dieses Jahres sollen es 60 Prozent sein, bis Ende 2022 alle Schulen.

Der Bund stellt den Ländern aufgrund der Coronakrise 500 Millionen Euro für den Kauf mobiler Endgeräte für Schulen sowie für neue Online-Lehrangebote zu Verfügung. NRW darf mit 105 Millionen Euro aus diesem Topf rechnen. Die Tablets und anderen Geräte sollen Kinder als „Leihgabe“ von den Schulen bekommen. „Die überwiegende Zahl der Schüler, die solche Geräte dringend brauchen, erreichen wir damit“, sagte Mathias Richter.

Hochschulen haben weniger Probleme mit der Digitalisierung

„Dieses Sofortausstattungsprogramm des Bundes ist leider nur ein Tropfen auf den heißen Stein“, entgegnet VBE-Mann Behlau. Eine konsequente Digitalisierung benötigte einen größeren Aufwand. Außerdem sollte jetzt mit Hochdruck an einer Planung für das kommende Schuljahr 2020/21 gearbeitet werden. Das Improvisieren müsse ein Ende haben.

Ein anderes Tempo als die Schulen legen übrigens die Hochschulen bei der Digitalisierung vor. Seit vier Wochen läuft die Hochschullehre fast ausschließlich online. Die ersten Semesterwochen hätten gezeigt, dass sich die Hochschulen rasant auf digitale Lehre umstellen konnten, aber auch, wo die Grenzen für Online-Formate liegen, sagt Michael Kerres, Professor für Mediendidaktik an der Uni Duisburg-Essen.

„Den Schalter umlegen und alles läuft einfach digital – das funktioniert so nicht.“ Wenn er eine Prognose für das kommende Semester wagen müsse, ist für Kerres eine Mischung aus Online-Lehre und Präsenzveranstaltungen die wahrscheinlichste Variante.

Viele Eltern unzufrieden

Viele Eltern fühlen sich damit überfordert, ihre Kinder während der Schulschließungen zu Hause zu unterrichten, ergab eine Online-Umfrage des Elternvereins NRW unter mehr als 1000 Eltern. Demnach muss mehr als die Hälfte der befragten Eltern täglich mindestens zwei Stunden lang mit den Kindern lernen. Ein Drittel der Kinder hat Probleme, sich zum Lernen per Fernunterricht zu motivieren. Oft scheitere das bereits an fehlenden Computern und Druckern oder schlechten Internetverbindungen.

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