Islamismus

So rüsten sich die NRW-Gefängnisse für IS-Rückkehrer

Hinter Gittern fällt die islamistische Radikalisierung offenbar besonders leicht. In den NRW-Gefängnissen setzt man verstärkt auf Präventionsarbeit - zumal sich eine Reihe von IS-Rückkehrern aus Kriegsgebieten ankündigt.

Hinter Gittern fällt die islamistische Radikalisierung offenbar besonders leicht. In den NRW-Gefängnissen setzt man verstärkt auf Präventionsarbeit - zumal sich eine Reihe von IS-Rückkehrern aus Kriegsgebieten ankündigt.

Foto: Thomas Frey / dpa

Düsseldorf.  Mit mehr Präventionsarbeit hinter Gittern will das Land dafür sorgen, dass Haftanstalten nicht zu Brutstätten des Terrors werden.

Das Besucherzentrum der neuen Justizvollzugsanstalt Düsseldorf verströmt den Charme eines Pfarrgemeindesaals. Nüchterne Architektur, viel Backstein, offene Deckenbalken. Freitags werden hier jedoch Gebetsteppiche ausgerollt, damit die rund 200 muslimischen Insassen unter den 800 Häftlingen ihrem Glauben nachgehen können.

Es ist Teil der Präventionsarbeit im NRW-Strafvollzug gegen die Gefahr der islamistischen Radikalisierung. Sie wird immer wichtiger, weil sich die landesweit 36 Gefängnisse auf Rückkehrer aus Kampfgebieten des sogenannten Islamischen Staates (IS) einstellen müssen. Aus Deutschland sind seit 2013 rund 1050 IS-Anhänger ins syrische oder irakische Kriegsgebiet ausgereist. Rund 300 sollen inzwischen zurückgekommen sein, Tendenz steigend.

Wir wissen, dass die Rückkehrer uns vor eine Herausforderung stellen, die noch nicht abzusehen ist“, sagt NRW-Justizminister Peter Biesenbach (CDU). Der Blick nach Frankreich und Belgien lehrt, dass gerade Gefängnisse zum Ort von Radikalisierung und Rekrutierung werden können. Von den 16.500 Häftlingen in NRW geben 3500 an, muslimischen Glaubens zu sein. „Radikalisierung im Gefängnis ist so leicht, weil die Inhaftierten stigmatisiert sind“, sagt der Konflikt- und Gewaltforscher Andreas Zick von der Universität Bielefeld. Wer gescheitert und in Haft isoliert sei, sich missachtet fühle, sei für das höhere Ziel des Dschihad leichter ansprechbar.

Imam mit Honorarvertrag für 20 Euro die Stunde

Bereits Biesenbachs Amtsvorgänger Thomas Kutschaty (SPD) hatte die Gefahren erkannt und 2016 das „Zentrum für Interkulturelle Kompetenz der Justiz“ (ZIK) gegründet. Erstmals holte ein Bundesland Islamwissenschaftler in der Strafvollzug. Sie schulen und beraten seither Justizbedienstete, um frühzeitig Radikalisierungstendenzen zu erkennen. Wenn sich ein Häftling zurückzieht, plötzlich streng gläubig wird und andere Muslime nicht mehr als solche anerkennt – dann schließen sich Gefängnispersonal und ZIK kurz. Wenn ein Häftling nur noch auf dem Zellenboden schlafen will, um sich aufs Terrorcamp vorzubereiten, sind die Meldewege offenbar kurz.

„Wir haben keine Hinweise, dass sich bislang jemand im NRW-Strafvollzug radikalisiert hätte“, erklärt ZIK-Leiter Mustafa Doymus mit hörbarem Stolz. Inzwischen sei man Vorbild für andere Gefängnisse, sogar eine Delegation aus dem Libanon habe sich schon in NRW informiert. Extremisten würden hinter Gefängnismauern streng von anderen Extremisten getrennt. Die Islam-Experten bewerten auch Bücher der Häftlinge oder kümmern sich um eine Infrastruktur zur Glaubensausübung. So habe man etwa 35 gemäßigte Imame für Seelsorge und Freitagsgebet hinter Gittern gewinnen können, berichtet Doymus. Per Honorarvertrag. Für 20 Euro die Stunde.

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