Kinderkliniken

Studie: Die Gesundheitsversorgung von Kindern ist in Gefahr

Die Bedürfnisse der Kinder werden durch das Fallpauschalsystem nicht genug berücksichtigt, kritisieren Kölner Wissenschaftler.

Die Bedürfnisse der Kinder werden durch das Fallpauschalsystem nicht genug berücksichtigt, kritisieren Kölner Wissenschaftler.

Foto: HRAUN / Getty Images

Oberhausen/Köln.  Kinderkliniken sind oft unterfinanziert, auch in NRW. Schwerkranke Patienten müssen laut einer Studie deshalb immer häufiger abgelehnt werden.

Viele Kinderkliniken sind in einer schlechten wirtschaftlichen Lage. Die Versorgung von chronisch und akut erkrankten Kindern ist deshalb vielerorts gefährdet. Zu diesem Ergebnis kommt eine Befragung des Kölner CERES-Instituts unter Beschäftigten in der Kinder- und Jugendmedizin.

Kranke Kinder sind laut der Studie personalintensiv und teuer – weshalb die Pädiatrie unter enormem Kostendruck steht. Die Folgen sind schwer und zahlreich: Betten fehlen, Zeit für die Behandlung ebenfalls. Eine zunehmende Anzahl junger Patienten muss abgewiesen oder durch fachfremdes, nicht-pädiatrisch ausgebildetes Personal behandelt werden.

Klinikvertreter: Abrechnungssystem nimmt auf Kinder keine Rücksicht

Die Befragten berichten von „eklatanten Engpässen“ gerade bei chronischen und schweren Erkrankungen. Man habe hier die Notsituation zur Regel gemacht und müsse täglich genau abwägen, welche Kinder man aufnehme. „Heute ist die Kindermedizin ein defizitäres Anhängsel, das man irgendwie braucht. Man versucht aber, sie so klein wie möglich zu halten“, heißt es von einem Studienteilnehmer. Das Fazit der Studienautoren: „Die Bedürfnisse der Kinder werden im derzeitigen Entgeltsystem nicht ausreichend berücksichtigt.“

Den Fehler im System sieht auch die Krankenhausgesellschaft NRW: „Der zusätzliche Aufwand für die medizinische Versorgung der kleinen Patienten wird den Kliniken im Fallpauschalensystem, das auf Durchschnittspreise ausgelegt ist, nicht ausreichend vergütet“, kritisiert Sprecher Mirko Ristau. Ein standardisiertes Abrechnungssystem könne den Bedürfnissen der Kinder eben nicht gerecht werden.

Mehraufwand und Mehrkosten: In der Kinderklinik gibt es sie überall

„Man muss erst Vertrauen aufbauen, bevor man ein Kind untersuchen kann“, erläutert Eva Hahn, Chefärztin der Pädiatrie am Ev. Krankenhaus Oberhausen (EKO). „Die Fünf-Minuten-Medizin kann man beim Kind nicht durchführen.“ Auch Blut habe man beim Kind nicht mal eben schnell abgenommen. „Ich brauche eine Schwester, die das Kind festhält, jemanden, der das Kind ablenkt.“ Da die zusätzliche Zeit nicht vergütet wird, hält es die Kindermedizinerin für einen sinnvollen Schritt, die Versorgung von Kindern im deutschen Fallpauschalensystem auszuklammern.

„Um die höheren Kosten bei der Versorgung von Kindern auszugleichen, sind vonseiten der Kostenträger zwar erste Schritte unternommen worden“, sagt Theo Freitag, Geschäftsführer, St. Elisabeth Gruppe/ Katholische Kliniken Rhein-Ruhr mit Standorten in Herne, Bochum und Witten. So würden etwa verschiedene Leistungen heute höher vergütet als bei Erwachsenen. „Dies gilt jedoch nur für einen Teil der Leistungen.“

Kinderklinik als „Leuchtturm“ statt „Anhängsel“?

Die Finanzierungsprobleme bestehen also weiter. Laut Befragten der Kölner Studie kann die Grundversorgung vielerorts nur durch Spenden oder Drittmittel aufrechterhalten werden. Bei der St. Elisabeth-Gruppe heißt es dagegen, die Pädiatrie werde teils innerhalb der Krankenhausgruppe finanziell ausgeglichen. Die Befragten berichten jedoch, wie sie sich dadurch gegenüber anderen Abteilungen als „Bittsteller“ wahrnehmen.

Dennoch besteht Peter Quaschner, Geschäftsführer des Ev. Krankenhauses Oberhausen, darauf, die hauseigene Kinderklinik nicht als „lästiges Anhängsel“ wie die Befragten der Studie, sondern als „Leuchtturm“ wahrzunehmen. Quaschner gibt zwar zu, dass man auch am EKO in der allgemeinen Kinderheilkunde unterfinanzierte Bereiche vorfinde, die Kosten dort könne man aber durch die Neugeborenenmedizin oder die Kinderkardiologie querfinanzieren.

Neugeborenenmedizin als Zugpferd

Annic Weyersberg, Leiterin der Kölner Studie, bestätigt, dass eine solche ganzheitliche Strategie mit verschiedenen Versorgungsangeboten der Kindermedizin ein möglicher Weg sei, die oft defizitäre allgemeine Kinderheilkunde auf einem hohen Level aufrechtzuerhalten. Bereiche wie die Neugeborenenmedizin oder Kinderkrebsmedizin würden oft als „ökonomische Zugpferde“ betrachtet, so Weyersberg.

EKO-Chef Quaschner will die Angebote in der Kindermedizin deswegen noch weiter ausbauen. Dass sich die direkte Konkurrenz, das Katholische Klinikum Oberhausen (KKO), derzeit in einem Insolvenzverfahren befindet und Teile seiner Standorte komplett schließen wird, weckt bei Quaschner allerdings die Sorge, dass auch Betten in der dortigen Geburts- und Kinderklinik abgebaut werden könnten. „Wir haben ganz viel Ungewissheit im Moment“, so der EKO-Chef. Sollte auch bei der Kinderklinik stark gekürzt werden, habe das EKO nicht zwingend die Kapazitäten, um das aufzufangen.

Zahl der Betten ist gesunken, Zahl der Fallzahlen gestiegen

Der Fall Oberhausen zeigt: Auch wenn sich eine Klinik auf die Kinderheilkunde spezialisiert, bedeutet das für die großen Revierstädte nicht, dass die Versorgung der Jüngsten dort insgesamt gesichert ist. „Selbst in den Großstädten wird es für Kinder und Eltern immer schwieriger, Anlaufstellen in der Nähe zu finden“, sagt auch Studienautorin Weyersberg. Denn aufgrund von Personal- und Ressourcenmangel würden eben auch dort zunehmend Strukturen wegbrechen.

Dass die Versorgung von Kindern trotz wachsenden Bedarfs auch in NRW abgebaut wird, zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Vor 20 Jahren gab es in der Kindermedizin etwa 5300 Betten bei rund 213.000 Fällen, 2017 dagegen nur noch 4500 Betten für 236.000 Fälle. Auch bundesweit sind die Fallzahlen gestiegen, die Bettenzahl ist seit 1997 um fast 60 Prozent gesunken.

Kinderärztin: Kinder haben keine Lobby

Dass trotz der offensichtlichen Probleme auf den Kinderstationen bis jetzt keine politische Lösung gefunden wurde, erklärt sich Eva Hahn, Chefärztin am EKO, damit, dass „Kinder eine schlechte Lobby“ haben. Studienautorin Weyersberg hat eine weitere Vermutung: „Zwar sind viele Erwachsene von der Notwendigkeit überzeugt, sich für Kinder einzusetzen, aber gerade Eltern chronisch oder schwer kranker Kinder sind so sehr eingebunden, dass sie keine Möglichkeiten mehr haben, sich politisch zu engagieren.“

Immerhin liegt laut Medienberichten ein Arbeitspapier der Kranken- und Pflegekassen auf dem Tisch des Bundesgesundheitsministeriums. Darin sollen Vorschläge gemacht werden, wie das Fallpauschalensystem mit Blick auf die Behandlung von Kindern geändert werden könnte.

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