Numerus clausus

Warum NRW trotz Pädagogenmangels das Lehrerstudium erschwert

Dringend gesucht: Grundschullehrer.

Dringend gesucht: Grundschullehrer.

Foto: Kerstin Kokoska / WAZ FotoPool

düsseldorf/essen  Kaum zu glauben: An Grund- und Förderschulen fehlen Tausende Pädagogen, aber alle Studiengänge für diese Studien sind zulassungsbeschränkt.

Angesichts des gravierenden Lehrermangels in Nordrhein-Westfalen fordert die Bildungsgewerkschaft GEW bessere Studienbedingungen, mehr Personal an den Hochschulen sowie den Verzicht auf Zulassungsbeschränkungen (Numerus clausus) für das Lehramt. Dadurch könne die Zahl der Lehramtsstudierenden deutlich gesteigert werden. „Nach wie vor ist die Situation nicht hinnehmbar, dass dort, wo der größte Lehrkräftemangel herrscht, ein Numerus clausus jungen motivierten Menschen den Zugang zum Lehramtsstudium für die Grundschule oder für die Förderschule verwehrt“, sagte die GEW-Landesvorsitzende Maike Finnern dieser Redaktion.

Einem neuen Bericht des NRW-Wissenschaftsministeriums zufolge sind die Bachelor-Studiengänge für das Lehramt an Grundschulen an allen Universitäten in NRW zulassungsbeschränkt. Gleiches gilt für die Ausbildung von Sonderpädagogen für die Schule. Auch hier sind „nahezu alle grundständigen Studiengänge zulassungsbeschränkt“, heißt es in dem Bericht. Einzige Ausnahme: ein sonderpädagogischer Studiengang in Siegen.

Entspannter ist die Lage bei den Lehramtsstudien für Haupt-, Real-, Sekundar- und Gesamtschulen sowie Gymnasien und Berufskollegs. Auch hier gibt es vielerorts NCs, das Studienplatz-Angebot sei aber oft größer als die Nachfrage. Dennoch können viele Studenten, die zum Beispiel an einem Gymnasium arbeiten möchten, nicht an dem Ort studieren, den sie sich wünschen.

Gewerkschaft GEW fordert mehr Studienplätze und mehr Lehrpersonal

„Wir fordern mehr Studienplätze, eine Verbesserung der Betreuungsrelation und einen Aufwuchs des Lehrpersonals speziell in lehramtsrelevanten Studiengängen an den Universitäten“, so Maike Finnern. An den Hochschulen fehle Personal in den Bildungswissenschaften und in der für die Studierenden obligatorischen sprachlichen und mathematischen Grundbildung für das Grundschullehramt. Von den rund 770.000 Studierenden in NRW sind aktuell knapp 61.000 in einem Lehramtsstudiengang eingeschrieben.

Der Deutsche Hochschulverband (DHV) beklagt einen wachsenden Druck der Politik auf die Universitäten, innerhalb kürzester Zeit möglichst viele Lehramtsstudierende zum Abschluss zu bringen. So sollen die Hochschulen zwar mehr Bewerber aufnehmen, „doch zugleich werden weder die Räumlichkeiten ausgeweitet noch das Personal aufgestockt“, sagte DHV-Sprecher Matthias Jaroch der WAZ.

DHV-Präsident Bernhard Kempen warnte davor, die Studienanforderungen zu senken, um die Zahl der Absolventen zu erhöhen. „Abstriche bei der Qualität nutzen weder den angehenden Lehrern noch künftigen Schülergenerationen“, so Kempen. Eine „Entschlackung“ der Studieninhalte lehne er ab.

Beim Lehramt passen Angebot und Nachfrage nicht zusammen

Das NRW-Wissenschaftsministerium erklärt die seltsame Situation, dass die Ausbildung von dringend benötigten Fachkräften seit vielen Jahren künstlich begrenzt wird, mit einer „Schieflage“. Die Nachfrage nach solchen Studienplätzen ist schlicht größer als das Angebot. Heißt: Es gibt einfach nicht genügend Professoren und andere Lehrende sowie Räume für die Ausbildung. Nur mit NCs könne die Qualität des Studiums gesichert und gute Lehrer ausgebildet werden, heißt es.

SPD und Grüne im Landtag werfen der Landesregierung in diesem Feld Untätigkeit vor. „Ich frage mich ernsthaft, ob die Landesregierung noch mitbekommt, was an den Schulen wirklich los ist. Alle beklagen den eklatanten Lehrermangel, aber die Landesregierung legt mit den Zulassungsbeschränkungen die Latte immer höher“, sagte der bildungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Jochen Ott, dieser Redaktion.

"Die Tanzfläche drinnen ist leer, aber der Türsteher lässt keinen rein."

Ott veranschaulicht die Lage mit diesem Bild: „Drinnen ist die Tanzfläche so gut wie leer. Aber der Türsteher lässt die Schlangen draußen trotzdem im Regen stehen. Das grenzt schon fast an Realitätsverweigerung. Wir brauchen dringend mehr Ausbildungskapazitäten an unseren Hochschulen.“

Sigrid Beer, Bildungsexpertin der Grünen-Fraktion sagte: „Die letzten Sondervereinbarungen zur Lehramtsausbildung, unter anderem zu den Masterkapazitäten stammen aus dem Jahr 2015/2016. Die jetzige Landesregierung hat offenbar immer noch keine neuen Sondervereinbarungen getroffen und mit Geld hinterlegt, um die Situation spürbar zu verbessern.“

Zuschlag bei den Studienplätzen fängt den Bedarf nicht auf

Nach einer Prognose des NRW-Schulministeriums werden in den nächsten zehn Jahren an Grund- und Förderschulen sowie an Berufskollegs und Schulen der Sekundarstufe I rechnerisch etwa 15.000 Lehrer fehlen. Besonders gesucht werden Lehrer für Deutsch, Mathematik, Englisch und Sport. Zugleich werde es an Gymnasien und Gesamtschulen (Sekundarstufe II) gut 16.000 Bewerber zu viel geben. Zum Wintersemester 2018/19 hat NRW daher Zahl der Bachelor-Studienplätze im Grundschullehramt um 339 auf insgesamt 2220 erhöht. Zugleich stieg die Zahl der Studienplätze für das Lehramt Sonderpädagogik um 250.

Der Mangel betrifft nicht nur NRW. Nach einer Studie der Bertelsmann-Stiftung fehlen im Jahr 2025 bundesweit mindestens 26.300 Grundschullehrkräfte – und damit 11.000 mehr, als die Kultusministerkonferenz (KMK) prognostiziert hatte. Als Reaktion darauf hatte Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) von den Bundesländern mehr Studienplätze für die Lehrerausbildung gefordert.

Hochschulverband will nicht komplett vom NC abrücken

Maike Finnern, Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, fordert angesichts der Schieflage zwischen Angebot und Nachfrage deutlich mehr Studienplätze und mehr Lehrpersonal. Die Idee, den Numerus clausus für Lehrämter komplett abzuschaffen, sieht der Deutsche Hochschulverband übrigens kritisch. Es komme vielmehr darauf an, die Zahl der Studienplätze zu erhöhen. Das erfordere massive Investitionen in Personal und Gebäude.

Die GEW verweist in diesem Zusammenhang auf den im Sommer zwischen Bund und Ländern verabredeten „Zukunftsvertrag Studium und Lehre“. Danach soll ab 2021 mit jährlich knapp vier Milliarden Euro die Qualität von Studium und Ausbildung an den Universitäten gesichert und verbessert werden. Maike Finnern: „Mit dem Geld kann die Landesregierung finanzielle Anreize für die Universitäten schaffen, mehr in Dauerstellen für die Lehrerausbildung zu investieren.“

In Köln studieren besonders viele Menschen für das Lehramt

Das Lehramtsstudium kann in NRW an elf Universitäten absolviert werden. Der größte Standort ist die Uni Köln mit rund 13.400 eingeschriebenen Lehramtsstudenten, gefolgt von Duisburg-Essen (8200), Paderborn (7100) und Dortmund (6600).

In Bonn ist sogar schon das für alle Lehramtsstudenten obligatorische Fach „Bildungswissenschaften“ zulassungsbeschränkt. Folge: Sämtliche Lehramts-Studiengänge haben dadurch einen NC. Eine solche Hürde für Bildungswissenschaften gab es in den vergangenen Jahren auch an der TU Dortmund.

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