Türkei

Nach Friedensappell - 150 türkische Akademiker vor Gericht

Große Pläne: Bei einem Besuch in Istanbul 2014 betrachten der damalige Bundespräsident Joachim Gauck (r.), der ehemalige türkische Präsidenten Abdullah Gül (2.v.l.) und Bildungsministerin Johanna Wanka (M.) ein Modell der zuvor in Betrieb gegangenen neuen Türkisch-Deutschen Uni. Foto:

Große Pläne: Bei einem Besuch in Istanbul 2014 betrachten der damalige Bundespräsident Joachim Gauck (r.), der ehemalige türkische Präsidenten Abdullah Gül (2.v.l.) und Bildungsministerin Johanna Wanka (M.) ein Modell der zuvor in Betrieb gegangenen neuen Türkisch-Deutschen Uni. Foto:

Foto: Rainer Jensen/dpa

Essen.   Horst Hippler prangert als Sprecher aller deutschen Uni-Rektoren die Verfolgung türkischer Akademiker an. Der Vorwurf lautet Terrorpropaganda.

Wegen ihrer Unterschrift unter einen Friedensappell gegen die Gewalt im Kurdengebiet müssen sich in der Türkei zurzeit rund 150 Akademiker vor Gericht verantworten. Der Vorwurf lautet Terrorpropaganda. Durch die Universitäten des Landes rauscht seit Juli 2016 eine „Säuberungswelle“.

Tausende kritische Hochschullehrer wurden inhaftiert, entlassen oder suchten Zuflucht im Ausland. Viele Hochschulen in Deutschland und in Nordrhein-Westfalen nahmen geflohene Wissenschaftler auf. Prof. Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, protestiert als Sprecher aller deutschen Uni-Rektoren scharf gegen die Prozesse und die Verfolgungen. Christopher Onkelbach sprach mit ihm.

Professor Hippler, wie bewerten Sie den Vorwurf der Terrorpropaganda gegen die türkischen Akademiker?

Hippler: Die gegenwärtige Welle von Prozessen gegen die Unterzeichner der Petition „We will not be a party to this crime“ widerspricht jedem Verständnis von demokratischen Grundwerten. Die andauernden Repressionen gegen Hochschulangehörige in der Türkei stellen eine Absage an die akademische Freiheit dar. Wer diesen Appell unterzeichnet hat, ruft nicht zu Terror auf.

Ist der Appell für die türkischen Behörden ein Vorwand, gegen Kritiker vorzugehen?

Dieser Appell wird offenbar intern genutzt, um die Universitäten von kritischen Geistern zu befreien. Das kann die akademische Welt nicht hinnehmen.

Was bezweckt die türkische Regierung damit?

Universitäten sind immer Orte der freien Meinungsäußerung. Dort setzt man sich auch mit gesellschaftspolitischen Fragen auseinander. Das ist Teil eines lebendigen Diskurses, wie ihn jedes Land braucht. Das Regime will nun die Hochschulen auf Linie bringen – Rektoren werden entlassen, neue eingesetzt. Diese massiven Eingriffe in die Hochschulen kann man nicht tolerieren.

Wieso zielt die Regierung vor allem auf Akademiker, Intellektuelle, Lehrer und Journalisten?

Das sind Vordenker, gut sichtbar und profiliert. Die Führung versteht Kritik offenbar als persönlichen Angriff und möchte Gegenrede nicht dulden.

Viele türkische Wissenschaftler sind geflohen oder können nicht mehr ins Land zurück. Was können deutsche Hochschulen für sie tun?

Deutsche Hochschulen unternehmen bereits eine ganze Menge. Viele sind Mitglied in dem internationalen Netzwerk „Scholars at Risk“, in dem über 500 Hochschulen, Forschungsinstitutionen und andere Wissenschaftsorganisationen in 38 Staaten zusammenarbeiten, um gefährdete Forscher zu schützen und Werte wie die wissenschaftliche Freiheit zu stärken. Die Humboldt-Stiftung betreibt ein Stipendien-Programm für geflohene Wissenschaftler, in diesem Jahr kommen allein 40 der 56 neu Geförderten aus der Türkei. Und die Uni Duisburg-Essen beispielsweise hat die „Akademie im Exil“ gegründet, wo bedrohte Forscher arbeiten können. Wir sehen uns in der Verantwortung für das Schicksal der Betroffenen. Und wir handeln.

2013 wurde der Lehrbetrieb an der Türkisch-Deutschen Universität in Istanbul feierlich eröffnet. Auch Hochschulen in NRW sind Partner der Uni. Was wird nun aus der Kooperation?

Das weiß ich auch nicht. Die Frage ist, sind international anerkannte Prinzipien dort noch lebendig? Die Freiheit von Forschung und Lehre sind für uns nicht verhandelbar. Das gilt auch für die Türkisch-Deutsche Universität. Die beteiligten Kollegen sind beunruhigt. Wir beobachten das sehr genau.

Auch in Deutschland machen populistische Strömungen Front gegen die akademische Elite.

Natürlich muss man sich immer um die Freiheit des Wortes und der Gedanken Sorgen machen. In Deutschland haben wir aber einen großen Vorteil gegenüber anderen Ländern: Die Freiheit von Wissenschaft und Kunst ist in unserer Verfassung verankert.

Muss die Wissenschaft deutlicher machen, wie nötig die Freiheit ist?

Aber das tut sie ja. Allerdings ist Kommunikation schwieriger geworden, seriöse Medien werden von einem gewissen Publikum nicht wahrgenommen. Heute wird in geschlossenen Zirkeln kommuniziert, kritische Stimmen kommen da nicht vor. Daher sind Universitäten so wichtige Orte, hier finden kontroverse Debatten statt, hier werden Dinge infrage gestellt. Doch darf die Wissenschaft den Menschen auch nicht zu viel versprechen. Sie kann der Politik nicht sagen, was wahr und was falsch ist. So einfach ist die Welt nicht.

Muss die deutsche Politik mehr tun für die türkischen Forscher?

Es ist immer die Frage, was wirkungsvoller ist. Eine leise Politik oder eine laute? In diesem Fall ist eine leise Diplomatie wohl erfolgversprechender. Und ich gehe davon aus, dass dies auch geschieht.

Die Türkisch-Deutsche Universität in Istanbul:

Ende 2013 wurde die Türkisch-Deutsche Universität (TDU) in Istanbul feierlich eröffnet. Für jede der fünf Fakultäten steht der TDU eine deutsche Partnerhochschule federführend zur Seite. 35 deutsche Hochschule sind Mitglieder der TDU, darunter zahlreiche in NRW und im Ruhrgebiet.

Frank-Walter Steinmeier, damals Bundesaußenminister, sagte vor der Gründung: „Wir sind sicher: Eine deutsch-türkische Universität kann weit über den akademischen Bereich hinaus die Funktion eines Leuchtturms erfüllen.“ Sie solle ein Brückenschlag zwischen Nationen, Kulturen und Religionen sein. Heute erscheint diese Vision wieder gefährdet.

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