Ukraine-Krieg

Verdächtige Drohnenflüge: Hat Putin Deutschland im Visier?

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Gas-Lecks in Nord Stream-Pipelines geben Rätsel auf

Gas-Lecks in Nord Stream-Pipelines geben Rätsel auf

Lecks in den Gaspipelines Nord Stream 1 und 2 geben den Ostsee-Anrainern Rätsel auf. Zur Ursache gab es zunächst keine sicheren Erkenntnisse. Moskau schließt einen möglichen Sabotageakt nicht aus. of the pipeline Nord Stream 1

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Brüssel/Berlin.  Sicherheitsbehörden sind alarmiert von Sabotage und Drohnen. Ein Experte warnt: Wir sind Ziel von Russlands hybrider Kriegsführung.

Durchtrennte Unterseekabel, verdächtige Drohnenflüge, Spionage an deutschen Truppenübungsplätzen: Nach den Anschlägen auf die Gaspipelines Nord Stream 1 und 2 häufen sich in Westeuropa Berichte über Ausspähaktionen an sensiblen Zielen. Zudem gibt es Hinweise auf neue Sabotageakte. Westliche Sicherheitsexperten sind alarmiert und richten den Verdacht auf Russland. Wenn Moskau dahinter steckt – wie gefährlich wäre dann das Vorgehen von Präsident Wladimir Putin?

Im Visier ist derzeit vor allem Norwegen. Das Land ist nach dem Nord-Stream-Ausfall zum wichtigsten Gaslieferanten Europas geworden – und sieht sich wohl deshalb massiven Spionageangriffen auf seine Energie-Infrastruktur ausgesetzt. Immer wieder werden Drohnen an den großen Gasaufbereitungsanlagen gesichtet, aber auch an Offshore-Plattformen für Öl und Gas weit draußen in der Nordsee.

Die Regierung sieht noch keine konkrete Gefahr, hat aber die Sicherheitsvorkehrungen massiv erhöht, auch wegen „unserer besonderen Verantwortung als größter Gaslieferant“, wie Regierungschef Jonas Gahr Støre sagt.

Verbotene Drohnenflüge: Norwegen nimmt sieben Russen fest

Die Drohnenflüge würden so ausgeführt, dass die Urheber schwer zu ermitteln seien, erklären die norwegischen Sicherheitsbehörden. Aber es sei offensichtlich, dass es sich nicht um Hobbyflieger handele.

Der Polizeisicherheitsdienst spricht deshalb offen von einer russischen Urheberschaft: „Russland hat mit den Geheimdienstaktivitäten einfach mehr zu gewinnen und weniger zu verlieren als vor dem Ukrainekrieg.“ In den letzten Tagen sind in Norwegen sieben russische Staatsbürger bei verschiedenen Ausspäh-Aktivitäten ertappt worden.

So wurde der Sohn des Putin-Vertrauten und Ex-Eisenbahnchefs Wladimir Jakunin in Hammerfest im Norden des Landes festgenommen, nachdem er illegal eine Drohne über der Inselgruppe Spitzbergen gesteuert hatte.

Belege, dass russische Geheimdienste die Auftraggeber sind, gibt es zwar nicht. Aber offensichtlich steckt ein System dahinter: Die dänische Polizei meldet jetzt ebenfalls unbefugte Drohnenflüge in der Nähe von Erdgasfeldern in der Nordsee, auch hier wurden Sicherheitsmaßnahmen erhöht.

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Militär-Nachrichtendienst warnt vor Ausspähung von Truppenübungsplätzen

Auch deutsche Sicherheitsbehörden schlagen Alarm: Über dem Bundeswehr-Truppenübungsplatz im bayerischen Wildflecken, wo gerade ukrainische Soldaten an gepanzerten Dingo-Transportern ausgebildet werden, wurden ein Dutzend Drohnen gesichtet. Die Bundeswehr ermittelt, der Hintergrund ist unklar.

Aber auch an zwei weiteren Bundeswehr-Standorten in Grafenwöhr und Idar-Oberstein, an denen ukrainische Soldaten trainiert werden, wurden offenbar Drohnen entdeckt - der Militärische Abschirmdienst (MAD) soll in der Nähe auch russische Geheimdienstler auf Beobachtungsmission erkannt haben.

MAD-Präsidentin Martina Rosenberg spricht mit Blick auf die Ausspähaktionen von einem „unmittelbaren Gefährdungspotenzial“. Die Bundeswehr suche noch nach einem wirksamen Konzept, um ihre Standorte und Übungsplätze gegen die Ausspähung durch Drohnen zu schützen.

Wer für die Drohnen-Überflüge verantwortlich ist, lässt sich auch für den MAD nicht klar beantworten. Doch halten es Sicherheitsexperten für wahrscheinlich, dass Russland hinter den Spionageattacken steckt. Zunehmend wird sogar der Verdacht geäußert, dass russische Täter auch den Anschlag auf Bahnkabel verübt haben, der am 8. Oktober den Eisenbahnverkehr in Norddeutschland lahmlegte.

Der Grünen-Abgeordnete Konstantin von Notz, der im Bundestag das Kontrollgremium für die Nachrichtendienste leitet, spricht von einer „ernsten Situation“: Nach den russischen Angriffen vor allem auf Einrichtungen in der Ukraine gerate jetzt auch kritische Infrastruktur in Deutschland und Europa ins Visier, sagt von Notz unserer Redaktion.

„Die offensichtliche Sabotage an den Nord Stream-Pipelines, die jüngsten Angriffe auf die deutsche Schieneninfrastruktur, aber auch Vorfälle wie die Drohnenüberflüge über Gelände der Bundeswehr – das alles sind sehr beunruhigende Vorgänge, die darauf hinweisen, dass auch Deutschland längst Ziel einer hybriden Kriegsführung ist.“

Aber was sollte damit bezwecken? Der Londoner Sicherheitsforscher Peter Neumann sagt, Russland habe ein Interesse daran, in Europa Panik zu verursachen und zu signalisieren, dass es das Leben lahmlegen könne. Bundeswehr-General Carsten Breuer stellt klar, bei solchen hybriden Aktionen gehe es nicht um den Angriff einer feindlichen Armee mit Soldaten und Panzern, sondern um Einflussnahmen.

Anschläge auf die Infrastruktur etwa oder Aufklärungsflüge mit Drohnen über Kasernen seien „Nadelstiche, die in der Bevölkerung Verunsicherung schüren und das Vertrauen in unseren Staat erschüttern sollen.“

Sicherheitsexperten: Putin warnt den Westen vor weiterer Ukraine-Hilfe

Der US-Militärforscher Benjamin Jensen vom Center for Strategic and International Studies (CSIS) verweist darauf, dass die Zerstörung kritischer Infrastruktur in den Plänen der russischen Militärstrategie seit langem einen festen Platz hat. Wenn Russland wie vermutet hinter den Attacken auf Nord Stream oder die Deutsche Bahn stecke, „könnten das Vorboten der nächsten Stufe des Ukraine-Konflikts sein.“

Moskau sende das klare Signal an Länder, die die Ukraine unterstützen, dass sie nicht sicher vor Attacken auf die Infrastruktur sind. „Putin erinnert wahrscheinlich die Welt daran, wie groß sein Aktionsradius ist“, sagt Jensen.

Solche Warnungen Russlands habe es auch kurz vor Beginn des Ukraine-Kriegs gegeben: Damals sei etwa ein Unterwasser-Glasfaserkabel zwischen Norwegen und dem Svalard-Archipel, einer riesigen Satelliten-Station in der Arktis, zerstört worden – als Mahnung an die Nato, sich nicht in den Krieg einzumischen.

Ob neue Beschädigungen von Unterseekabeln zu den schottischen Shetland-Inseln und im Mittelmeer vor der französischen Stadt Marseille einen ähnlichen Hintergrund haben, ist noch unklar.

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In den deutschen Sicherheitsbehörden kursieren Szenarien, nach denen in Deutschland russische Sabotageaktionen etwa gegen Waffentransporte in die Ukraine denkbar seien. Es wäre nicht das erste Mal. 2014 flog in Tschechien ein Munitionslager in die Luft, in dem offenbar auch Material für die Ukraine gelagert wurde. Dahinter steckten wohl Agenten des russischen Militärgeheimdienstes GRU, die später zum Teil auch am Attentat auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal beteiligt waren.

Nicht mehr ganz Frieden, aber auch noch kein Krieg – für Russland könnten die hybriden Angriffe zwar ein geeignetes Mittel sein, um Angst zu schüren, aber sie wären auch ein Spiel mit dem Feuer. Wenn größere Sabotageakte nachweislich auf das Konto Moskaus gehen, könnte der Westen das als Angriff werten und entsprechend reagieren.

Die Nato warnt Russland: Auch hybride Angriffe können Bündnisfall auslösen

Die Allianz ist gewappnet: Sie hat einerseits die Sicherheitsvorkehrungen für die kritische Infrastruktur zuletzt noch einmal verstärkt, die Präsenz in der Ost- und Nordsee zum Schutz von Pipelines und Kabeln wurde auf über 30 Schiffe verdoppelt. In allen Nato-Staaten werden Schlüsselanlagen jetzt stärker überwacht.

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg spricht aber auch eine klare Warnung an Moskau aus: Die Nato habe schon vor Jahren festgelegt, dass auch Hybridangriffe den Beistands-Artikel 5 des Allianz-Vertrags auslösen können. „Es würde also wie ein bewaffneter Angriff auf einen Nato-Verbündeten behandelt“, sagt Stoltenberg.

Russland müsste mit Gegenattacken rechnen. Wo genau die rote Linie verläuft, lässt das westliche Bündnis absichtlich offen.

Dieser Text erschien zuerst auf morgenpost.de

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