Bildung

Schon die Kita trennt arme und reiche Kinder

Kinder lernen in der Kita wichtige soziale Fähigkeiten, die sie fit für die Grundschule machen. Vielen Eltern ist dieser positive Einfluss nicht bewusst.

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Kinder lernen in der Kita wichtige soziale Fähigkeiten, die sie fit für die Grundschule machen. Vielen Eltern ist dieser positive Einfluss nicht bewusst. Foto: dpa

Essen.   Zugewanderte Kinder profitieren besonders von der Kita, wenn sie nicht nur unter sich sind. Das zeigen Studien. Die Praxis ist oft anders.

Ob Gelsenkirchen, Essen oder Oberhausen: Überall in der Region arbeiten die Rathäuser derzeit an neuen Kindertagesstätten, um dem hohen Bedarf an Betreuungsplätzen nachzukommen. Allein seit Einführung des Rechtsanspruchs auf U3-Betreuung 2013, sind in den NRW-Kitas über 30 000 neue Plätze geschaffen worden. Kinder aus armen oder zugewanderten Familien indes, das zeigen zwei aktuelle Studien, besuchen seltener eine Kita – und wenn, dann bleiben sie meist unter sich.

Die Bertelsmann-Stiftung hat das schwerpunktmäßig am Beispiel Mülheims nachgewiesen. In einem über 80-seitigen noch unveröffentlichten Bericht, der vorab dieser Zeitung vorliegt, haben die Forscher die 86 Kitas untersucht und mit den Sozialdaten aus den jeweiligen Stadtteilen verglichen. Dabei ist deutlich geworden, dass die Zahl der Kinder aus armen oder zugewanderten Familien in einzelnen Kitas oftmals höher ist, als ihr Anteil in dem Stadtteil erwarten ließe. In manchen Kitas konzentrieren sich daher die Probleme besonders.

Eltern scheuen weite Anfahrt nicht

Während in den Mülheimer Stadtteilen der Anteil von Kindern aus Hartz-IV-Familien zwischen null und 64 Prozent liegt, beträgt er an den Kitas bis zu 71 Prozent. In der südlichen Altstadt etwa lebt weniger als jedes fünfte Kind in Armut, in der dortigen Kita sind aber über die Hälfte aus Hartz-IV-Familien. Ähnlich schwanken die Quoten bei Migrantenkindern: In Stadtteilen mit hoher Zuwanderung gibt es Kitas, in denen bis zu 91 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund haben – am anderen Ende der Skala rangieren Kitas mit einer Quote von acht Prozent. Ähnlich sieht es laut Studie in Hamm und Gelsenkirchen aus.

Studienleiterin Regina von Görtz spricht von „Segregation“, der Trennung sozialer Gruppen. Gründe seien etwa, dass freie Träger eher Kinder einer bestimmten Konfession bevorzugten. In evangelischen und katholischen Kitas ist der Anteil von Zugewanderten und Kindern aus Hartz-IV-Familien geringer als er rein rechnerisch sein müsste. Städtische Einrichtungen betreuen überproportional viele muslimische Kinder.

Zudem machten besser situierte Eltern stärker vom Wahlrecht Gebrauch, so von Görtz. „Sie suchen sich bewusst eine Kita für ihr Kind heraus und fahren dafür im Zweifel auch weiter.“ In Mülheim besuchen sechs von zehn Kindern eine Kita, die nicht im direkten Umfeld liegt. Von Görtz mahnt zur Abhilfe: Kinder aus benachteiligenden Verhältnissen haben bessere Startchancen, wenn sie in der Kita nicht nur unter sich sind: „Kinder lernen voneinander.“

Kinder von Berufstätigen erhalten eher einen Platz

Das deckt sich mit einer Untersuchung des Londoner University College und des Essener RWI-Leibniz-Instituts. Aus einer Langzeitbetrachtung der Schuleingangsuntersuchungen in der Weser-Ems-Region von mehr als 130 000 Kindern zwischen 1994 bis 2002 fand das Team um Ökonom Christian Dustmann heraus, dass besonders Kinder aus benachteiligten Familien von der Kita profitieren. Besuchen sie frühzeitig einen Kindergarten, steigert das ihre Schulfähigkeit. Das gilt vor allem im direkten Vergleich zum Nachwuchs aus besser gestellten Familien.

Umso kritischer: „Wir fanden gleichzeitig heraus, dass gerade die Kinder, die am meisten von den positiven Einflüssen der Kita profitieren würden, dieses Bildungsangebot seltener nutzen“, erklärte Dustmann. Er führt das auch darauf zurück, dass Kinder von berufstätigen Eltern eher einen Platz erhalten als Kinder, deren Mütter keinen Job haben. Durch den Kitaplatzmangel spitze sich dies zu. Erschwerend komme hinzu, dass sich gerade sozial benachteiligte Familien der positiven Effekte von frühkindlicher Bildung nicht bewusst seien, oftmals auch kulturelle und sprachliche Barrieren bestünden.

Automatische Kita-Anmeldung würde helfen

Die Politik müsse nach Einschätzung der Wissenschaftler Einfluss darauf nehmen, dass gerade diese Kinder zum Kita-Besuch ermutigt werden. „Ein gebührenfreier Kitabesuch mag einige Familien dazu bewegen, das reicht aber als alleinige Maßnahme nicht aus“, sagt Dustmann. Zudem könne eine automatische Kita-Anmeldung helfen: Alle Eltern würden demnach regulär von der Stadt auf einen Platz hingewiesen, den sie aktiv ablehnen müssten. Dann könne über die Gründe gesprochen werden.

Dem Mülheimer Jugenddezernent Ulrich Ernst sind die Studienergebnisse nicht fremd. Bereits seit Jahren beobachtet er, dass in einigen Kitas der Anteil sozial benachteiligter Kinder höher sei als in dem jeweiligen Stadtteil. Die Stadt habe deshalb begonnen, das Personal in diesen Kitas intensiv zu schulen und damit die Betreuung zu fördern. „Wir haben fünf Millionen Euro investiert, um Kita-Kräfte zu qualifizieren“, so Ernst.

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