Schule

HSK-Schulpsychologin: „Manche Kinder haben Schulangst“

Leere Stühle in einem Klassenzimmer: Schwänzen kann verschiedene Ursachen haben.

Leere Stühle in einem Klassenzimmer: Schwänzen kann verschiedene Ursachen haben.

Foto: Detlev Kreimeier

Meschede.   Die Zahlen der Schulschwänzer steigen: Schulpsychologin Cornelia Heinz weiß, dass das Fernbleiben aus der Schule verschiedene Gründe haben kann.

Übelkeit bis zum Erbrechen, Durchfall: Manche Kinder werden krank, wenn sie zur Schule gehen müssen, andere haben einfach keine Motivation. Die Zahl der Kinder und Eltern, gegen die im Regierungsbezirk Arnsberg ein Bußgeldverfahren wegen des Fernbleibens von der Schule eingeleitet wurde, ist gestiegen. Waren es im Jahr 2015 noch 1808 Fälle, sind es im Jahr 2017 schon 2734. Wir haben mit der Mescheder Schulpsychologin Cornelia Heinz über diese Zahlen und die verschiedenen Ursachen von Schulabsentismus gesprochen.

Dunkelziffer liegt viel höher

Die Zahlen der Schüler, die der Schule fern bleiben, sind in den vergangenen zwei Jahren für den Regierungsbezirk Arnsberg gestiegen, was sagen Ihnen diese Zahlen?

Cornelie Heinz: Das Problem ist, dass die Zahlen nur zeigen, wo im Regierungsbezirk Arnsberg Bußgeldverfahren eingeleitet worden sind. Sie sind also nur die Spitze des Eisbergs. Die Dunkelziffer liegt viel höher.

Welche Arten von Schulabsentismus gibt es?

Wir unterscheiden zwischen vier Arten. Einmal gibt es die Kinder, die Schulangst haben. Damit ist alles gemeint, was in Bezug auf die Schule Angst machen kann, also zum Beispiel ein Test, das vom Lehrer drangenommen werden oder auch Mobbing oder Konflikte mit Mitschülern. Die Kinder wissen meist ziemlich genau, warum sie nicht zur Schule gehen wollen. Anders ist das bei der zweiten Kategorie, da spricht man von einer Schulphobie. Diese Kinder haben in der Regel Trennungsängste. Es fällt ihnen schwer, sich von zu Hause zu lösen. Sie schlafen zum Beispiel auch nicht gerne woanders. Ursachen können Probleme innerhalb der Familie sein, die Kinder haben dann unterbewusst vielleicht das Gefühl, die Eltern nicht alleine lassen zu können.

Wie sehen die anderen beiden Kategorien aus?

Die dritte Kategorie kommt zum Glück nicht sehr häufig vor. Hier geht es darum, dass Kinder von den Eltern von der Schule ferngehalten werden. Das kann mit Vorbehalten der Schule gegenüber zu tun haben, beispielsweise beim Schwimm- oder Religionsunterricht. Oder es werden zu Hause einfach andere Prioritäten gesetzt, zum Beispiel, sich um jüngere Geschwister zu kümmern Manchmal passiert das auch bei Missbrauch. Hat ein Kind ein blaues Auge, darf es so lange nicht zur Schule gehen, bis die Verletzung abgeheilt ist. Die vierte Kategorie sind dann die klassischen Schulschwänzer, bei denen die Motivation, zur Schule zu gehen, am Boden ist. Die Eltern wissen dabei häufig gar nicht, dass ihre Kinder schwänzen. Aber auch für dieses Schwänzen gibt es natürlich Gründe. So etwas hat immer eine Vorgeschichte und kann auch mit Ängsten zu tun haben.

Mit dem Kind zu sprechen

Was können Eltern und Lehrer tun, wenn ein Kind nicht zur Schule gehen will?

Ganz wichtig ist es natürlich, mit dem Kind zu sprechen und es zu fragen, was das Problem ist. Was löst die Angst vor der Schule aus? Gibt es Gründe, die man abstellen kann? Gibt es Streit oder Konflikte? Wenn ja, muss auch die Schule aktiv werden. Wenn der Auslöser Trennungsängste sind, müssen diese natürlich in der Familie gelöst werden. Man kann aber auch immer einen Schulpsychologen mit ins Boot holen. Wir beraten dann Lehrer, Eltern und auch die Schüler selbst, je nachdem, was gerade gebraucht wird.

Was sind Symptome für Schulangst oder eine Schulphobie?

Bei Menschen zeigt sich Stress in unterschiedlichen Symptomen, zum Beispiel können Bauchschmerzen auftreten, oder auch Übelkeit am Morgen oder Durchfall. Erkennen, ob es sich um Stress handelt, kann man am besten, wenn man beobachtet, ob die Beschwerden abklingen, sobald die Stresssituation vorbei ist, wenn das Kind zum Beispiel zu Hause bleiben darf, sollten die Beschwerden nachlassen. Wenn es dem Kind plötzlich wieder gut geht und der Durchfall weg ist, kann man davon ausgehen, dass eine psychische Komponente vorhanden ist.

Mit den Lehrkräften vor Ort absprechen

Sollte man das Kind zu Hause lassen?

Nein, Eltern sollten das Kind behutsam wieder zurück zur Schule schicken. Wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, zu Hause zu bleiben, wird es nur noch schwieriger, wieder zurück zu gehen. Auch wenn noch Beschwerden da sind, sollte man das Kind zur Schule bringen, als Kompromiss kann man mit den Lehrkräften vor Ort Absprachen treffen, dass zum Beispiel erst einmal nur die ersten zwei bis drei Stunden besucht werden. Für manche Kinder ist schon das Betreten des Schulgebäudes zu viel. Dann muss man sehr geduldig vorgehen.

Wie müssen sich Lehrer in einem solchen Fall verhalten?

Die Lehrer müssen informiert sein und sollten auch mit den Mitschülern besprechen, dass ein Kind, das vielleicht länger nicht da war, wieder zurück zur Schule kommt und dass die Mitschüler sich nett verhalten. Ein Spruch wie „Lässt du dich auch mal wieder hier blicken“ kann schon der Todesstoß für ein Kind sein, das gerade erst wieder zur Schule geht. Der Klassenlehrer muss dann dafür sorgen, dass das Kind wieder eingegliedert wird und bleibt. Auch zu diesem Thema können sich Lehrkräfte im Fall der Fälle immer begleitend von der Schulpsychologie beraten lassen.

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