Vortrag

Ötzi-Forscher berichtet Neues vom Mann aus dem Eis

Albert Zink (r.) und Eduard Egarter-Vigl untersuchen in ihrem Institut in Bozen die Mumie des 5250 Jahre alten Ötzi,

Foto: Samadelli Marco, dpa

Albert Zink (r.) und Eduard Egarter-Vigl untersuchen in ihrem Institut in Bozen die Mumie des 5250 Jahre alten Ötzi, Foto: Samadelli Marco, dpa

Duisburg.   Dr. Albert Zink studiert seit vielen Jahren die Gletschermumie Ötzi. Nun sprach er an der Uni Duisburg-Essen über Erkenntnisse seiner Forschung.

Als Erika und Helmut Simon beim Bergsteigen in den Ötztaler Alpen im Sommer 1991 über Ötzi „stolpern“, ahnen sie kaum, dass dort die älteste Mumie Europas aus dem Eis ragt. 5250 Jahre soll Ötzi alt sein, längst ist er zum Star aus dem Gletscher avanciert, sein Leben und Sterben aktuell sogar als Krimi im Kino zu sehen. Dr. Albert Zink kennt ihn ganz genau. Denn der renommierte Mumienforscher studiert die Eismumie im Eurac Forschungszentrum in Bozen seit vielen Jahren. Gestern berichtete er Zuschauern in der Uni Duisburg-Essen (UDE) von seiner Arbeit.

Herr Zink, wie wird man eigentlich Mumienforscher?

Mumienforschung ist eine Mischung aus Medizin und Biologie. Ich bin ursprünglich Anthropologe, komme aus der Biologie, war aber auch lange in der Pathologie in München tätig. Neben dem Studium habe ich mich früh für Mumien interessiert und dann meine Diplomarbeit zu südamerikanischen Mumien geschrieben. Bald darauf reiste ich zu den ersten Ausgrabungen nach Ägypten.

Nun sind Sie auf Einladung der UDE-Physiker in Duisburg. Was hat Ötzi mit Physik zu tun?

Sie spielt eine große Rolle, weil viele Untersuchungsmethoden auf physikalischen Verfahren beruhen. Zum einen sind das Isotopenuntersuchungen, die bestimmte Elemente nachweisen und damit Aufschluss geben über die Herkunft von Personen. Bei Ötzi konnten wir mit Hilfe von Strontiumisotopen feststellen, dass er tatsächlich in Südtirol aufgewachsen ist und dort auch die letzten Monate seines Leben verbracht hat. Ein anderes physikalisches Verfahren, das auch in Duisburg angewendet wird, ist die Nanotechnologie. Damit haben wir gut erhaltene Blutkörperchen bei Ötzi nachweisen können – was nach über 5000 Jahren erstaunlich ist! Das bestätigte auch, dass die Pfeilschusswunde in seiner Schulter frisch war und er unmittelbar an dem Pfeilschuss gestorben ist. Mit den Nanoforschern wollen wir daher im Austausch bleiben, um Untersuchungsmethoden weiterzuentwickeln.

Worum geht es in Ihrem Vortrag am Campus?

Zum einen berichte ich über den Fund und warum der Ötzi so bedeutend für uns ist, zum anderen über die neusten Erkenntnisse unserer Forschungen.

Was gibt es Neues über Ötzi?

Wir haben erst vor kurzem damit begonnen, Ötzis Mageninhalt zu erforschen und festgestellt, dass er ein Magenbakterium in sich trug – den Helicobacter pylori. Eine wichtige Erkenntnis, weil das auch heute ein verbreiteter Keim ist. Nun wollen wir noch den gesamten Mageninhalt kartografieren, um ein komplexes Bild zu bekommen, von was er sich ernährt hat. Der nächste Schritt ist dann, Ötzis Mikrobinom zu erforschen, also die Gemeinschaft der Bakterien, die in seinem Körper gelebt haben. Das wollen wir bei Ötzi rekonstruieren, um etwas über seinen allgemeinen Gesundheitszustand herauszufinden, über Ernährung, Allergien, chronischen Krankheiten und seine Abwehrkräfte.

War Ötzi denn ein kranker Mensch?

Er hatte viele Wehwehchen: Abnutzungserscheinungen am Rücken, an den Gelenken, Darmparasiten, verkalkte Arterien, Magenprobleme, Gallenblasensteine. Dafür war er aber doch relativ fit und konnte immerhin auf über 3200 Meter aufsteigen. Er war zwischen 40 und 50 Jahre alt und hätte sicher noch zehn,15 Jahre leben können.

Wenn Ötzi heute neben Ihnen sitzen würde, was würden Sie ihn fragen?

Wie ist dein wahrer Name? Wir nennen ihn immer Ötzi oder ,Mann aus dem Eis’, dabei hieß er wohl ganz anders. Noch spannender wäre zu erfahren, was für ein Mensch er war. Denn das sind Dinge, die man nicht rekonstruieren kann: Wir können alles über seinen Körper sagen, aber nicht, wie er gefühlt hat oder was für einen Charakter er hatte. Man neigt dazu, ihn positiv zu sehen. Es könnte aber auch ganz anders sein, etwa, dass er verdient getötet wurde, weil er etwas Schlimmes getan hat. Ich hätte ihn gerne kennengelernt und herausgefunden, was für ein Typ er war.

Werden Mumienfunde aufgrund der Erderwärmung und Gletscherschmelze in Zukunft häufiger?

Durchaus. Es ist jedoch nicht damit zu rechnen, dass nun hunderte Mumien aus dem Eis schmelzen. Die Körper sind in den Gletschern eingeschlossen und werden von diesen transportiert. Die dadurch entstehenden Scherkräfte zerstören sie. Ötzi wurde erhalten, weil er in einer Felsrinne lag – ein großer Zufall.

Gibt es eine Art „Wunschmumie“, die sie gerne entdecken würden?

Schön wäre es, jemanden zu finden, der etwas mit Ötzis Tod zu tun hatte – etwa seinen Mörder. Oder Hinweise auf seine Angreifer zu finden. Darüber wissen wir ja noch gar nichts. Die Indizien sprechen aber für einen Mord aus Heimtücke.

Ötzis Schicksal wurde nun verfilmt. Haben Sie am Film mitgewirkt?

Ja, ich habe beraten und das Begleitbuch zum Film geschrieben, den wissenschaftlichen Teil beigesteuert. Das Filmteam hat sich sehr viel Mühe gegeben, um zu recherchieren, was die Menschen damals trugen, wie die Dörfer und Hütten aussahen. Das ist alles sehr authentisch. Die Geschichte, wie er zu Tode kommt, bleibt natürlich fiktiv.

Ötzi könnte weitere 5000 Jahre „überleben“

Der Mumienforscher Dr. Albert Zink ist 51 Jahre alt, stammt ursprünglich aus München und forscht seit 2003 an der Ötzi-Mumie. Seit zehn Jahren leitet er das Eurac Research Institut für Mumienforschung in Bozen/Südtirol. Zink forschte bereits an Mumien wie Ramses III oder Tutanchamun.

Das Team besteht hauptsächlich aus Naturwissenschaftlern, das weltweit für Mumienforschungen angefragt wird. Ein großer Teil ihrer Arbeit befasst sich mit der Konservierung. „Wir wollen die Mumien auf lange Zeit erhalten“, sagt Zink. Ötzi könne durchaus weitere 5000 Jahre „überleben“.

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