Gleichstellung

Warum Frauen es in der Wissenschaft immer noch schwer haben

„Es fängt damit an, dass Frauen ab einem gewissen Level nicht mehr gefördert werden von den meist männlichen Vorgesetzten“: Katja Sabisch forscht an der Ruhr-Universität Bochum im Fachbereich „Gender Studies“.

„Es fängt damit an, dass Frauen ab einem gewissen Level nicht mehr gefördert werden von den meist männlichen Vorgesetzten“: Katja Sabisch forscht an der Ruhr-Universität Bochum im Fachbereich „Gender Studies“.

Foto: Marit Langschwager

Essen.   Viele Studentinnen aber wenige Professorinnen – Wissenschaft als Beruf ist für Frauen nicht einfach. Zwei Wissenschaftlerinnen erklären, warum.

Der Frauenanteil in der Wissenschaft liegt weltweit bei weniger als einem Drittel. Mit dem „Internationalen Tag der Frauen und Mädchen in der Wissenschaft“ am 11. Februar wollen die Vereinten Nationen darauf aufmerksam machen, wie wichtig ist es ist, Forscherinnen auf allen Karrierestufen zu fördern. Dr. Beate Kortendiek vom Netzwerk Frauen- und Geschlechterforschung NRW und Prof. Dr. Katja Sabisch vom Fachbereich Gender Studies der Ruhr-Universität Bochum über den aktuellen Stand der Entwicklung.

Frau Kortendiek, an welchem Punkt steht die Gleichstellung der Geschlechter in der Wissenschaft heute?

Kortendiek: Es gibt einen großen Unterschied zwischen der gefühlten und der faktischen Gleichstellung. Bei der gefühlten Gleichstellung wird häufig darauf verwiesen „aber wir haben doch schon“, „wir sind doch schon“, oder auch „das ist doch eine Auseinandersetzung der vorherigen Frauengeneration, nicht der jetzigen“.

Und dem widerspricht die faktische Gleichstellung?

Kortendiek: Absolut. Die Zahlen belegen, die Anteile von Frauen – insbesondere von Professorinnen – sind gering. Gerade das Argument, dass sich das Problem mit der nächsten Generation erledige, kann man mit einem Blick auf die Zahlen einfach widerlegen. Medizin ist beispielsweise ein Studiengang mit vielen Studentinnen, aber dafür mit vergleichsweise wenigen Professorinnen. Bereits vor 25 Jahren gab es einen großen Anteil von Frauen, die Medizin studiert haben. Das Potential für Professorinnen war also da, wurde jedoch nicht in dem Maße ausgeschöpft wie bei männlichen Medizinern.

Sie meinen, dass der Grad der Gleichstellung auch immer mit dem jeweiligen Fachgebiet zusammenhängt?

Kortendiek: Es gibt Unterschiede, ja. In der Medizin, in den Rechtswissenschaften und in der Theologie wirkt sich der jahrhundertlange Ausschluss von Frauen aus, bis in unsere heutige Zeit. In den jungen Fächern stellt sich manches anders dar. Es gibt ganz interessante Initiativen, bei denen versucht wird, durch neue Studiengänge traditionelle Strukturen aufzubrechen. Beispielsweise an der Hochschule Bonn Rhein-Sieg, dort gibt es den Studiengang „Technikjournalismus“, in dem durch die Verknüpfung zweier Fachgebiete versucht wird, den Anteil von Frauen in diesen Fächern aktiv zu erhöhen.

Frau Sabisch, wie sehen Sie die Entwicklung von Frauen in der Wissenschaft als auch die Entwicklung der Politik in der Sache?

Sabisch: Wir haben eine hohe Anzahl an Studienanfängerinnen in bestimmten Fächern, in der Psychologie sind es beispielsweise weit über 50 Prozent. Aber wir haben nach der Promotion diesen Abfall, dass dieser wissenschaftliche Weg nicht weitergegangen wird. Das hat sehr unterschiedliche Gründe. Viele sagen, das hat mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu tun, weil Frauen ja nach wie vor noch zuständig sind für die Familienarbeit und die Wissenschaft gerade in den ersten Jahren sehr unsicher sein kann, was Bezahlung und Länge der Arbeitsverträge angeht. Das ist aber nicht der einzige Grund. Was die Politik angeht glaube ich, dass sie schon die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zum Thema gemacht hat, aber ich denke nicht, dass da der Hund begraben liegt.

Woran liegt es noch?

Sabisch: Es gab Befragungen in deutschen Unternehmen, warum es so wenig Frauen in Führungspositionen gibt. Dabei kam heraus, dass es eben nicht unbedingt immer familiäre Verpflichtungen sind, die dazu führen, sondern es gibt eine sogenannte Gläserne Decke, unterschiedliche Barrieren, auf die Frauen in ihrer Karriere stoßen.

Was sind das für Barrieren?

Sabisch: Es fängt damit an, dass Frauen ab einem gewissen Level nicht mehr gefördert werden von den meist männlichen Vorgesetzten. Also während Wissenschaftler mitgenommen werden auf Tagungen und Konferenzen, hört das bei Frauen dann irgendwie auf, die werden nicht mehr mitgefördert und bleiben in dem mittleren Segment hängen. Es gibt noch unterschiedliche Barrieren, die vor allem mit Stereotypen zusammenhängen, beispielsweise dass Männer eher Männer fördern. Und wenn wir diese Strukturen durchgängig in der Wissenschaft haben, wirkt sich das eben auf die Karrieren von Frauen aus, egal wie viele ein Studium anfangen.

Kortendiek: Deswegen sind Wissenschaftlerinnen auch so wichtig. Sich vorstellen zu können, in der Wissenschaft arbeiten zu können, hängt natürlich stark damit zusammen, ob ich in meinem Studiengang Professorinnen erlebe.

Würden Sie sagen, dass eine Quote da hilfreich ist?

Kortendiek: Eine Quote ist hilfreich, und wir haben in NRW auch eine, sie ist Teil des Hochschulgesetztes und orientiert sich an dem Kaskadenmodell. Das heißt, bei gleicher Qualifikation sind Frauen zu fördern, damit sie den Weg zur Professur gehen können.

Und dennoch fallen viele Entscheidungen für die Vergabe einer Promotion und Professur aufgrund von persönlicher Vorliebe. Wie kann man dem entgegentreten?

Sabisch: Wir haben durch die Einführung der Juniorprofessur ein sehr formalisiertes Verfahren, um Nachwuchs zu fördern. Es gibt ja den Lehrstuhlinhaber, der gucken kann, wer arbeitet für mich, wen fördere ich bis zur Habilitation. Mit der Juniorprofessur ist das diversifiziert, da gibt es eine ganze Kommission, die darüber entscheidet, wer bis zur Habilitation gefördert wird. Und da haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Stellen viel öfter mit Frauen besetzt werden. Wenn wir also ein formalisiertes Verfahren haben, wo mehrere Leute draufschauen, dann wird tatsächlich nach Qualität entschieden und nicht nach persönlicher Vorliebe. Ich glaube schon, dass je formalisierter das Verfahren ist und je weniger das an dem Lehrstuhl gebunden ist, desto mehr Chancen haben Frauen.

Kortendiek: Weil dann wird es auch transparenter. Während persönliche Beziehungen im optimalen Sinne förderlich sind, sind sie im schlimmsten Sinne Abhängigkeitsbeziehungen, wo man ganz schnell abgestellt werden kann.

Würden Sie sagen, dass man von einem Gehalt in der Wissenschaft gut leben kann – auch eine Familie gründen kann?

Sabisch: Das Problem sind die Befristungen. Wir haben auf dem Weg zur Promotion und Habilitation nur befristete Stellen. Ein Kind zu bekommen mit dem Wissen, in zwei Jahren muss ich mir was anderes suchen, vielleicht kann ich nicht an der Universität bleiben – das ist die Schwierigkeit. Es gibt keinen gesicherten Status, der eine Planbarkeit der Wissenschaftskarriere, der Lebensplanung und auch Familienplanung ermöglicht – und das ist ein Riesenproblem in Deutschland.

Die Politologin Prof. Dr. Annette Zimmer von der Universität Münster hat 2008 gesagt: „Am besten wäre es, wenn eine Wissenschaftlerin ihre Kinder nicht erst kriegt wie die durchschnittliche Akademikerin, wenn sie 35 oder älter ist. Dann droht der Zug sowohl in der Forschung als auch in Sachen Schwangerschaft abzufahren. Will eine Frau Vollzeit-Forscherin werden, sollte sie am besten schon im Studium Kinder bekommen.“ Das war vor elf Jahren. Sehen Sie Veränderungen, dass es heute Wege und Mittel gibt, dass man (als Frau) auch beruhigt nach der Promotion mit der Familienplanung beginnen kann?

Sabisch: Heute ist die Situation nicht anders als vor elf Jahren, es bleibt immer ein Problem, bestimmt nicht nur in der Wissenschaft. In der Wissenschaft verschärft sich das Problem zusätzlich durch die befristeten Stellen, von einer Entschärfung des Problems kann deswegen nicht die Rede sein. Die U3-Betreuung beispielsweise ist nach wie vor eine Katastrophe. Die Frage ist, sind Kinder in den wissenschaftlichen Alltag zu integrieren? Eigentlich nicht. Universitäten setzen auf Mobilität, Auslandsaufenthalte und Flexibilität.

Kortendiek: In den Studienalltag auch nicht, weil er verschulter geworden ist. Ich habe in den 1970ern studiert, da hatten wir die Möglichkeit, die Seminare flexibler zu legen, das ist heute nicht mehr in dem Maße möglich. Dann ist es auch noch abhängig, wer lehrt. Nicht jeder Dozent oder jede Dozentin akzeptiert, wenn Kinder mitgebracht werden.

Sabisch: Universitäten können sich Familienfreundlichkeit zertifizieren lassen, trotzdem starten Sitzungen abends um 18 Uhr. Es ist nach einer männlichen Normalbiographie ausgerichtet: Ich gehe morgens hin, kann abends ganz lange bleiben, komme nach Hause, Wäsche gewaschen, Kind versorgt – aber so ist es halt nicht mehr. Wir haben eine Forschung dazu gemacht zu Vätern-Elternzeit, dieses Hausfrau-Ernährer-Modell hält sich in Deutschland unglaublich hartnäckig.

Welche Angebote zur Kinderbetreuung gibt es denn von Seiten der Hochschulen in Deutschland, damit die Vereinbarung von Familie und Beruf erleichtert wird?

Kortendiek: Bis 2004 durften Hochschulen in NRW keine Gelder für Kinderbetreuung verwenden. Da musste das Hochschulgesetz verändert werden, damit das überhaupt erst möglich wurde. Es gab die Einstellung, das ist nicht unsere Aufgabe, wir sind für die Ausbildung der Studierenden, für Forschung und Lehre zuständig. Wir haben jetzt 2019, da ist schon Zeit ins Land gegangen. Aber im Verhältnis zur Veränderung von Strukturen – zum Bespiel dem Bauen von Kitas – da braucht man einen langen Atem. Die Kinderbetreuungsangebote an den Hochschulen haben in der Regel noch Projektstatus. Einige Hochschulen haben Kitas, wie die TU Dortmund, aber es gibt noch keine lange Tradition von Kitas an Hochschulen.

Sabisch: Wenn wir international wettbewerbsfähig bleiben wollen, dann brauchen wir sowas allerdings, sonst kommen die Talente nicht, da ist die Situation in der Wissenschaft nicht anders als bei Wirtschaftsunternehmen.

Was müsste ihrer Meinung passieren, dass sich die Situation merklich verbessert?

Kortendiek: Die Notwendigkeit einer Weiterentwicklung der Wissenschaft und Hochschulen auch unter Genderaspekten muss erkannt und dementsprechend gehandelt werden. Wir merken ja auch, dass wir mit diesen prekären Arbeitsbedingungen nicht wirklich gut wissenschaftlich arbeiten können. Grundständiges Arbeiten, das Gefühl zu wissen, wo man hingehört, Zeit, um auch mal länger an einer Sache zu forschen und zu entwickeln. Das ist ungemein wichtig – nicht zuletzt auch, um Frauen in der Wissenschaft zu stärken.

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