Bildung

Wie die Schultafel mit dem Whiteboard intelligenter wird

Für Joyce (10) und ihre Lehrerin Lena Broedner (27) ist das Arbeiten am digitalen Whiteboard längst Schulalltag in Gelsenkirchen.

Foto: Lars Heidrich

Für Joyce (10) und ihre Lehrerin Lena Broedner (27) ist das Arbeiten am digitalen Whiteboard längst Schulalltag in Gelsenkirchen. Foto: Lars Heidrich

Essen/Gelsenkirchen.   Städte wie Gelsenkirchen wollen die Kreide mit Whiteboards aus allen Klassenräumen verbannen. Die nächste Tafel-Generation folgt.

Zweite Stunde in der Gesamtschule Erle. Lehrerin Lena Broedner (27) steht an der Tafel, in der Hand hält sie einen Stift, mit dem sie auf der weißen Tafel schreiben kann. Doch der Stift hinterlässt keine Kreidespur, sondern eine feine, schwarze Linie. Auf Knopfdruck wird der Stift zum Radiergummi, oder zum Textmarker.

Die Tafel ist keine gewöhnliche Tafel, sondern ein interaktives „Whiteboard“. Ein Beamer wirft das Bild auf den riesigen Touchscreen. Der berührungsempfindliche Bildschirm ist an einen Computer angeschlossen, kann so das Bild speichern, Videos abspielen und vieles mehr als die klassische Tafel. „Endlich keine Kreidehände mehr“, freut sich die Lehrerin.

Große Pläne für Gelsenkirchen

Bereits im vierten Jahr gibt es die Whiteboards an der Gesamtschule. Bis 2020 sollen in Gelsenkirchen alle Kreidetafeln durch sie ersetzt werden. Auch andernorts wittern Ausstatter digitaler Klassenzimmer ein lukratives Geschäft. So entwickelt beispielsweise die Stadt Bochum einen Plan, um alle Unterrichtsräume mit moderner Präsentationstechnik auszurüsten.

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Unterricht ohne Tafel ist kaum vorstellbar, bei den Grundschülern am Krausen Bäumchen ist ein Unterricht ohne Whiteboard, der interaktiven Tafel 2.0, wohl nicht mehr wegzudenken. Wie es funktioniert erklärt uns der Klassenlehrer.
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Von einer „rasanten Entwicklung in allen Bundesgebieten“ spricht Claudia van Bürck von der Firma Promethean. Das in Seattle ansässige US-Unternehmen bedient von seinem Essener Standort aus den deutschsprachigen Markt. „Alle Leute kennen die Kreidetafel. Die erste Weiterentwicklung war dann hin zu den interaktiven Whiteboards, die an den Computer angeschlossen werden müssen“, erläutert ihr Kollege Lenhard Bonna. Das neuste Produkt der Firma, das „Activ Panel“, ist die nächste Generation, ein interaktiver Flachbildschirm. Im Gegensatz zum Whiteboard braucht das Panel weder Computer noch Beamer, die Bildqualität sei deutlich höher.

Große Preisunterschiede

Optisch ähnelt das Panel (englisch für Tafelbild oder Bedienfeld) einem großen Tablet. „Windows ist für manche Benutzer eine echte Herausforderung. Mit dem Tablet oder Handy fühlen sich die Leute aber wohl. Wir haben deshalb einen Android-Mini-PC verbaut, um die Bedienung intuitiv zu gestalten“, sagt Bonna. So finden sich die gespeicherten Tafelbilder im Bilderordner wieder. Auch Screenshots, also Fotos vom Bildschirm, sind wie beim Handy immer möglich, etwa während eines Films über das Sonnensystem. Auf dem digitalen Tafelbild können Schüler dann zum Beispiel die Planeten benennen. „So ein buntes Bild kann der Lehrer nicht einfach schnell ausdrucken, das ist den Schulen viel zu teuer“, sagt Bonna. 15 Jahre lang sei das Panel mit Pädagogen entwickelt worden.

Noch verkaufen Promethean und die Wettbewerber aber auch Whiteboards. Grund dafür sei besonders der Preisunterschied: „Die Whiteboards gehen bei 1600 Euro los. Die Panels liegen zwischen 2000 und 7000 Euro“, sagt Hartmut Becker, der bei Promethean für Zentraleuropa zuständig ist. Für die Panels spreche, dass sie länger halten. „Die laufen bis zu 50 000 Stunden, sind auf 20 Schuljahre ausgelegt. Die Projektoren der Whiteboards halten maximal 8000 bis 10 000 Stunden.“ Mittlerweile verkaufe das Unternehmen mehr Panels als Whiteboards.

„Im Kollegium helfen wir uns gegenseitig“

Das deutsche Investitionsverhalten nennt Promethean langsam. Etwa 740 000 Klassenzimmer gebe es in Deutschland, 22 Prozent davon seien bereits mit digitalen Technologien ausgestattet. „In Großbritannien gibt es eine Marktabdeckung von 94 Prozent, in den Niederlanden liegt sie zwischen 70 und 80 Prozent. Es ist schon traurig, dass wir, die einen hohen technologischen Anspruch haben, so weit zurückliegen“, findet Becker.

Für die Schüler sei die moderne Technik kein Problem. „Die kennen das nicht anders“, sagt Andreas Lisson, Schulleiter der Gesamtschule Erle. Kreidetafeln gibt es in der Schule nicht mehr, die zum Teil wenig technikaffinen Lehrer müssen sich mit der Technik vertraut machen. „Die Funktionsweise ist sehr einfach zu verstehen, man muss sich nur trauen. Im Kollegium helfen wir uns gegenseitig“, sagt Lehrerin Broedner. Schulleiter Lisson sieht noch einen positiven Nebeneffekt: „Die moderne Ausstattung macht unsere Schule für arbeitssuchende Lehrer attraktiver.“

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