Favorit

Stunde des Gauklers – Komiker könnte Ukraine-Wahl gewinnen

Der Komiker Wolodymyr Selenskyj tritt bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine an – und führt die Umfragen an.

Der Komiker Wolodymyr Selenskyj tritt bei der Präsidentschaftswahl in der Ukraine an – und führt die Umfragen an.

Foto: Valentyn Ogirenko / Reuters

Kiew/Berlin  In den Umfragen ist er der Favorit: Der Fernsehkomiker Wolodymyr Selenskyj könnte am Sonntag der neue Präsident der Ukraine werden.

Der haushohe Favorit für die Präsidentschaftswahl in der Ukraine ist ein Geisterkandidat. Der Fernsehkomiker Wolodymyr Selenskyj führt nach aktuellen Umfragen kurz vor der Stichwahl an diesem Sonntag mit rund 73 Prozent, der Amtsinhaber Petro Poroschenko kommt demnach nur auf 27 Prozent. Doch keiner weiß, was der Herausforderer eigentlich vorhat.

Als er vor einigen Wochen einen Vortrag vor westlichen Botschaftern halten sollte, trauten die Diplomaten ihren Ohren nicht. „Selenskyj war erschreckend uninformiert. Es fehlt ihm in jeder Hinsicht an Wissen und Hintergrund“, sagt ein Teilnehmer aus einer EU-Botschaft. Der Kandidat habe so gut wie kein Programm.

Am Sonntag sind etwa 30 Millionen Ukrainer zur Wahl des Präsidenten aufgerufen. Viele sind von der Bilanz des Amtsinhabers Poroschenko enttäuscht. Die Hoffnungen auf mehr Wohlstand haben sich als Illusion erwiesen. Im Kampf gegen Korruption gab es zwar Fortschritte, aber keinen wirklichen Durchbruch.

Das Versprechen, den Krieg in der Ostukraine zu beenden, konnte Poroschenko nicht einhalten. Mehr als 13.000 Menschen sind bislang getötet worden. Das unter maßgeblicher Initiative von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eingefädelte Minsker Abkommen von 2015 blieb wirkungslos.

Selenskyj antwortet am liebsten per Videoclip

Im Wahlkampf hat sich Selenskyj rar gemacht. Politische Auftritte: Fehlanzeige. Der Schauspieler lässt Poroschenko einfach sitzen – so auch am vergangenen Sonntag. Da taucht der Präsident im Olympiastadion in Kiew auf, um sich einem TV-Duell mit seinem Kontrahenten zu stellen.

Wie so oft antwortet Selenskyj, der seinen Wahlkampf vor allem in den sozialen Netzwerken und im Fernsehen führt, per Videoclip: Während Poroschenko im Stadion herumschreie und ihn (Selenskyj) überall verfolge, warteten auf den Präsidenten des Landes doch ernste Aufgaben. „Machen Sie Ihre Arbeit!“, befiehlt Selenskyj kühl. „Denn ein Showman kann Präsident werden, aber ein Präsident, der ein Showman werden will, ist peinlich.“

• Hintergrund: Wird die Ukraine bald von einem Komiker regiert?

Bekannt ist Selinskyj im ganzen Land durch seine Rolle als Fernsehkomiker. Seit Jahren spielt er in der extrem erfolgreichen Serie „Diener des Volkes“ einen Geschichtslehrer, der sich durch Zufall im Präsidentenamt wiederfindet und es mit den korrupten Machtstrukturen aufnimmt. Das ist der Ursprung von Selenskyjs Popularität. Er bekämpft die Oligarchen und macht in der ehemaligen Sowjetrepublik Front gegen Bestechung und Vetternwirtschaft.

Der 41 Jahre alte Schauspieler ist Hoffnungsträger vieler – vor allem junger – Ukrainer. Ein politischer Quereinsteiger mit rauchig-warmer und durchdringender Stimme, der sich jungenhaft und sportlich gibt. Der „Clown aus Krywyj Rih“, seiner Geburtsstadt in der Südukraine, wie der verheiratete Vater zweier Kinder sich selbstironisch in seinen Wahlkampfspots bezeichnen lässt, präsentiert sich geschickt in Netzwerken wie Instagram. Begonnen hat der ausgebildete Jurist mit einer studentischen Humoristentruppe. Mehrere Jahre lebten sie in Moskau.

Auch Selenskyi steht für EU-Kurs

Anders als Poroschenko will Selenskyj auf Russland zugehen. Der Medienstar, der seit 2003 durch eine Sonnabendabend-Show führt, will mit einem russischsprachigen Fernsehkanal den Kampf um die Köpfe der Menschen gewinnen. In Sprachfragen gibt er sich liberaler: „Man darf den Menschen das russischsprachige Fernsehen nicht nehmen.“ Hier unterscheidet sich Selenskyj von Poroschenko, der sich vehement für eine Dominanz der Amtssprache Ukrainisch einsetzt.

Doch wie Poroschenko steht auch Selenskyj für einen EU-Kurs. Einen Nato-Beitritt will er über ein Referendum ausloten lassen. Aber das sind bislang nur vage Ankündigungen und Absichtserklärungen. Kritiker halten Selenskyj für eine Marionette des Oligarchen Igor Kolomoiski, in dessen Fernsehsender 1+1 seine Show läuft. Dagegen beteuert der Schauspieler immer wieder, sein eigener Herr zu sein.

Kolomoiski ist ein schillernder Unternehmer, der es mit Geschäften in der Finanz-, Öl-, Nahrungsmittel- und Medienbranche zu einem Milliardenvermögen gebracht hat. Der 56-Jährige gilt als wenig zimperlich. Nach Angaben des Wirtschaftsmagazins „Forbes“ hat er 2006 bewaffnete Schläger angeheuert, um eine Stahlfabrik in Krementschuk zu übernehmen. Seine Firmen-Aktivitäten verglich er mit den Beutezügen eines Wolfs, der den Wald reinigt, indem er „die kranken und schwachen“ Tiere tötet.

„Ein Oligarch wird einen anderen ersetzen“

Nach der Annexion der Halbinsel Krim durch Russland im März 2014 finanzierte Kolomoiski Freiwilligenbataillone, die im Donbass gegen pro-russische Separatisten kämpften. Der im Juni 2014 gewählte Präsident Poroschenko machte Kolomoiski zum Gouverneur der Region Dnipropetrowsk. Doch bald zerbrach die Allianz. 2016 wurde Kolomoiskis Bank, die Privatbank, verstaatlicht. Viele vermuten deshalb hinter Kolo­moiskis Unterstützung für Selenskyj einen Rachefeldzug gegen Poroschenko.

Die Beziehungen zwischen den beiden sind jedenfalls eng. Das ukrainische Politikmagazin „Schemata“ berichtete, dass Selenskyj in den Jahren 2017 und 2018 neunmal nach Genf geflogen sei, wo Kolomoiski damals wohnte. Zudem schützen offenbar auch Leibwächter des Oligarchen den Präsidentschaftskandidaten. Darüber hinaus kommt der Chefjurist von Selenskyjs Wahlkampfstab, Andrij Bohdan, aus dem Hause Kolo­moiski. Und: Nach Kolomoiskis Umzug nach Tel Aviv in Israel soll Selenskyj mindestens zweimal dort gewesen sein.

Viele Beobachter bezweifeln, dass ein Machtwechsel in der Ukraine wirklich frischen Wind oder nachhaltige Reformen bringen würde. „Es wird sich kaum etwas ändern, weder innen- noch außenpolitisch“, prophezeit der Politikwissenschaftler Oleksandr Solontai. „Ein Oligarch wird einen anderen ersetzen.“ Er meint die Milliardäre Kolomoiski und Poroschenko. (Michael Backfisch)

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