Terrorprozess

Zwillinge aus Castrop-Rauxel starben für den IS

Mark und Kevin K. (von links) aus Castrop-Rauxel auf einem Propagandafoto des IS.

Mark und Kevin K. (von links) aus Castrop-Rauxel auf einem Propagandafoto des IS.

Foto: Screenshot/Dabiq

Celle/Castrop-Rauxel.   Im Prozess gegen IS-Prediger Abu Walaa schildern Angehörige der Brüder Mark und Kevin K., wie sich die Zwillinge radikalisierten und starben.

Detlef K. hat lange auf diesen Tag gewartet. Er würde dem Mann, der seine Jungs verführt hat, gerne in die Augen sehen, hat er es in einem Gespräch mit der „Zeit“ gesagt. Jetzt betritt der 61-Jährige den Saal 94 des Oberlandesgericht in Celle, er stellt sich vor den Angeklagten und schaut ihm direkt ins Gesicht. Dann setzt er sich an den Zeugentisch. Zwischen ihnen: eine Scheibe aus Panzerglas.

Der Mann, der nach Ansicht des Polizeibeamten seine Jungs auf dem Gewissen hat ist Ahmad Abdulaziz Abdullah A., genannt Abu Walaa, bis zu seiner Festnahme Prediger in Hildesheim und laut Anklage verantwortlich dafür, dass sich zahlreiche junge Männer radikalisiert und der Terrormiliz Islamischer Staat angeschlossen haben. Junge Männer wie die Zwillinge Mark und Kevin aus Castrop-Rauxel, die Söhne von Detlef K.

150 Menschen starben bei ihren Attentaten

Die Geschichte der beiden Brüder ist eine der erschütterndsten in der Reihe von jungen Terror-Kämpfern, die in den letzten Jahren bekannt geworden sind. Weil sie bereit waren für den Glauben nicht nur sich selbst, sondern auch andere zu töten. Weil sie als Selbstmordattentäter an dem Tod von mehr als 150 Menschen beteiligt waren.

Die Zwillinge werden im Dezember 1989 geboren, die Eltern trennen sich, sie sind nicht besonders religiös. Mit 17 ziehen die Brüder zu ihrem Vater, den Kontakt zur Mutter brechen sie ab. Kevin macht sein Abitur, Mark eine Lehre zum Dachdecker. Als Kevin ein türkisches Mädchen kennenlernt, beginnt er, sich zu verändern, schildert der Vater. Er konvertiert zum Islam. „Doch er war nicht salafistisch geprägt oder radikal“, sagt er.

Auch der Bruder verändert sich

Doch er kapselt sich immer mehr ab, wirft seiner Freundin vor, sie sei keine richtige Muslima. Er beginnt ein Jurastudium, während sein Bruder zur Bundeswehr geht, nach Afghanistan. Als Mark von dem Einsatz zurückkommt, beginnt auch seine Veränderung. Der Vater will wissen, was mit seinen Söhnen passiert, durchsucht die Zimmer, findet Schriften in arabischer Sprache, Predigten von Salafisten wie Pierre Vogel.

Es sind meist Männer mit Brüchen in ihrer Biografie, mit einem schwierigen Verhältnis zu den Eltern und nagenden Selbstzweifeln, die es in die Fänge radikaler Islamisten treibt. Mark und Kevin sollen laut Anklage über zwei Fürsprecher aus dem Ruhrgebiet zu dem Prediger Abu Walaa gelangt sein, es sind Boban S. und Hasan C. aus Dortmund und Duisburg, die sich ebenfalls unter anderem wegen Mitgliedschaft und Unterstützung der Terrormiliz IS in Celle vor Gericht verantworten müssen. Doch ob es tatsächlich eine Verbindung zu den Angeklagten gegeben hat, wissen die Angehörigen nicht.

Der besorgte Vater informiert die Polizei

Detlef K. beobachtet, dass seine Söhne radikaler werden und informiert die Polizei. Das Amtsgericht in Castrop-Rauxel erlässt eine einstweilige Anordnung, in der den Zwillingen zum Schutz des Vaters und der Stiefmutter die Rückkehr ins Haus untersagt wird. Sie ziehen wieder zu ihrer Mutter, gehen dort regelmäßig in die Ditib-Moschee in Castrop-Rauxel, fahren nach Duisburg und Dortmund – wohin genau, weiß die 56-Jährige nicht.

Im Juli 2014 nehmen die Brüder einen Flug in die Türkei. Dort treffen sie noch einmal ihre Mutter und Schwester, die dort Urlaub machen. Wann genau die Zwillinge in den Irak weiterziehen, was ihre letzten Stationen sind, ist nicht bekannt. Im Dezember melden sie sich noch einmal bei der Mutter. „Sie sagten, dass sie nicht mehr kommen würden und kommen könnten. Das war der letzte Kontakt zu meinen Söhnen“, erzählt die 56-Jährige stockend.

Sie sterben bei den Attentaten

Pfingsten 2015 liest sie in der Zeitung von „Terror-Zwillingen“, die für den IS kämpften. Laut Anklage soll Mark im März 2015 als Selbstmordattentäter in der Region um die Stadt Tharthar gestorben sein – und mit ihm zwölf Regierungssoldaten. Kevin raste am 11. April 2015 mit einem Sprengstoff-Laster in das Hauptquartier des 4. Regiments der irakischen Armee bei Bagdad. 140 Soldaten sollen bei dem Angriff ums Leben gekommen sein. Die IS-Propaganda feiert die Zwillinge als „Märtyrer-Soldaten“.

Auch Detlef K. erfährt aus der Zeitung von dem Tod seiner Söhne. „Ich bin ein tiefes Loch gefallen“, sagt er. „Ich will, dass Rattenfänger wie...“, er bricht ab. Rattenfänger wie Abu Walaa und die anderen Angeklagten? Er spricht es nicht aus. Nach seiner Aussage verlässt er schnell den Saal.

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