Ukraine-Krieg

Humanitäre Hilfe: Angst vor dem Eis-Winter in der Ukraine

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Ukraine: Oberhausen liefert Hilfsgüter nach Saporischschja

Ukraine- Oberhausen liefert Hilfsgüter nach Saporischschja

FUNKE-Reporter Jan Jessen und Fotograf André Hirtz sind in Saporischschja in der Ukraine und begleiten die Ankunft eines LKWs aus Oberhausen, der mit mehreren Tonnen Hilfsgütern das Land unterstützen will.

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Berlin/Kiew.  Millionen Menschen der Ukraine sind auf der Flucht. Bald beginnt der Winter. Doch es fehlt an sicheren Unterkünften – und an Spenden.

Salam Aldeen hat seine letzte Fahrt gemacht. Ein Bus, zwölf Stunden bis nach Saporischschja. 50 Menschen hat er aus dem umkämpften Gebiet gerettet, vor allem Mütter mit Kindern. Dann zwölf Stunden wieder zurück, in sichere Gebiete der Ukraine. Jetzt stehen die Busse geparkt, Aldeens Organisation „Team Humanity“ rettet keine Menschen mehr. Es fehlt das Geld, für Benzin vor allem, aber auch für Reparaturen. Kaum jemand, sagt Aldeen, spende noch für die Ukraine. Doch jetzt sei Hilfe wichtiger denn je, sagt er. „Es droht ein brutaler Kriegswinter.“

Mehrere Helfer und internationale Organisationen berichten davon, wie die Spenden – auch aus Deutschland – zurückgehen. Die Folgen, so warnen Menschen wie Aldeen, könnten fatal sein. „Menschen werden frieren, Menschen werden sterben.“

17,7 Millionen Menschen im Land sind auf humanitäre Hilfe angewiesen

Laut dem Flüchtlingshilfswerk der sind knapp acht Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer aus dem Land geflohen, nach Polen, nach Deutschland und weiter. Aber viele Menschen, mehr als sechs Millionen, sind aktuell Binnenvertriebene, flohen etwa aus dem Osten der Ukraine in den Westen. Nach Angaben des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) sind 17,7 Millionen Menschen im Land auf humanitäre Hilfe angewiesen – gerade ältere Menschen, Verletzte oder Erkrankte und Menschen mit Behinderungen sind oftmals in Kampfgebieten gefangen, weil ihnen die Kraft und das Geld für die Flucht fehlt. Weil sie auf Helfer wie Aldeen angewiesen sind.

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Die Lage ist brisant, es fehlt in vielen Regionen an Trinkwasser, weil die Infrastruktur zerstört ist. Heizsysteme in Wohnhäuser umkämpfter Gebiete sind kaputt, Energieversorgung ohnehin kritisch. Temperaturen von minus zehn oder minus 15 Grad sind in Winternächten in der Ukraine nicht ungewöhnlich. In einigen Regionen schneit es über Monate.

Nach Beginn des Krieges sei es erst einmal darum gegangen, „Unterkünfte, die noch nicht zerstört waren, überhaupt zu finden. Jetzt geht es darum, sie zu reparieren und zu isolieren, damit man Winterwetter in ihnen überstehen kann“, teilt das UNHCR auf Nachfrage mit. Eine alte Schule, eine Turnhalle, ein zerstörtes Einkaufszentrum: 390 Einrichtungen hat das Hilfswerk in der Ukraine bisher winterfest gemacht – und 107.975 Betten eingerichtet.

Vertriebene im Land leben in vielen Fällen bei Gastfamilien

Teams seien zudem derzeit unterwegs, technisch bei der Versorgung mit Wasser und Wärme zu helfen. Die Organisation verteilt Schlafsäcke, Hygieneartikel, warme Kleidung, Matratzen, Solarlampen und „Spezialdecken“ aus doppelt dicker Wolle. Zu Beginn des Krieges hatte das UNHCR bereits 28.000 dieser Decken ins Land geliefert.

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Vertriebene im Land leben in vielen Fällen bei Gastfamilien, andere sind in öffentlich betriebenen Notunterkünften untergebracht. Das DRK plant in Zusammenarbeit mit dem Ukrainischen Roten Kreuz Hilfe für die Haushalte, die Geflüchtete aufgenommen haben: Sie reparieren Heizungen und Rohre, aber geben einfach auch nur Geld, damit die Familien die höhere Rechnung für Strom und Wärme zahlen können. „Zudem planen wir weiterhin Binnenvertriebene durch Einkaufsgutscheine zu unterstützen. Mit Einkäufen in lokalen Geschäften unterstützen sie so auch die ukrainische Wirtschaft“, sagt DRK-Geschäftsführer Christian Reuter im Gespräch mit unserer Redaktion. Das UNHCR gibt „cash assistance“, kleine Bargeldbeträge, an Flüchtlinge aus. Insgesamt erreichen die Vereinten Nationen derzeit mehr als zwei Millionen Menschen in der Ukraine.

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„Eine Zuspitzung der Lage in den umkämpften Gebieten vor dem Wintereinbruch kann auch zu neuen Fluchtbewegungen im Land führen“, sagt DRK-Generalsekretär Reuter. Die Lage im Land könnte sich verschärfen. „Bereits jetzt sind die Gesundheitssysteme in der Ukraine vielerorts überlastet.“ Ein weiteres Risiko: Die Ausbreitung von Corona in den kalten Monaten.

UNHCR braucht nach eigenen Angaben für die Ukraine-Situation 1,25 Milliarden Dollar

Doch wie hart der Winter für die Ukraine wird, hängt auch am Geld, das aus dem Ausland fließt. Das UNHCR braucht nach eigenen Angaben für die Ukraine-Situation 1,25 Milliarden Dollar, die Mittel fließen zum Teil auch in Hilfe für die Nachbarstaaten wie Polen. Doch aktuell sind diese Etats nur zu etwa drei Viertel gedeckt.

Auch das DRK berichtet von sinkenden Spendeneinnahmen, nennt jedoch keine genaue Zahl. Dass Hilfsbereitschaft abnimmt, je länger eine Krise dauert, ist nicht ungewöhnlich. Organisationen wie das DRK und das UNHCR haben ihre Arbeit so aufgestellt, dass sie auch helfen können, wenn Konflikte aus dem Fokus der Öffentlichkeit schwinden.

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Für Menschen wie Salam Aldeen, der mit einem kleinen Team direkt vor Ort in Frontnähe hilft, ist das nicht so einfach. Er bekommt die Spenden oftmals von kleineren Hilfsgruppen auch aus Deutschland, vielfach lokal und ehrenamtlich. Die Helfer starten Aktionen, sammeln, verteilen. Doch ebbt die ab, fehlt Zeit und Personal, um dauerhafte Finanzierung zu sichern.

„Leider werden wir in der nächsten Zeit nicht mehr in die Ukraine kommen“, schreibt eine Helferin einer kleinen Organisation aus Köln auf Facebook. „Seit Wochen bleiben Sach- und Geldspenden für die Ukraine fast aus. Die Ergebnisse der aktuellen Spendenaufrufe sind fast null.“

Auch Aldeen, der Zivilisten mit Bussen aus den umkämpften Gebieten rausholt, spürt diese Bilanz. „Wir müssen jetzt erst einmal unsere Hilfe einstellen. Das Geld ist aufgebraucht“, sagt er. Ausgerechnet jetzt, wo der Ukraine der erste lange Kriegswinter droht.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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