Ukraine-Krieg

Ukraine: So leiden Hunde im Horror des Krieges

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Ukrainischer Minen-Spürhund erhält in Cannes einen Ehrenpreis

Ukrainischer Minen-Spürhund erhält in Cannes einen Ehrenpreis

Auch Hunde stehen beim Filmfestival von Cannes im Rampenlicht: Der ukrainische Minen-Spürhund "Patron" erhält beim diesjährigen "Palm Dog Award" den Ehrenpreis "Dog-manitarian".

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Charkiw.  Eine junge Tierärztin in der Ukraine versucht, die Traumata zu lindern, die Raketen bei Mensch und Tier anrichten. Können Hunde heilen?

Vor Beginn des russischen Krieges gegen ihr Land hatte Irina Bezuglaia in Charkiw im Osten der Ukraine einen Laden. „Sunny Dog“ hieß er. Dort beriet die 32-Jährige Kunden beim Kauf eines Hundes und später bei dessen Dressur. „Dann kam der Krieg, und plötzlich war alles anders“, erzählt die junge Tierärztin, die Hundetrainerin wurde und schon sechs Bücher über den besten Freund des Menschen geschrieben hat. Jetzt kümmert sich Irina vor allem um die Traumata, die die Kämpfe bei Menschen, aber auch Tieren, angerichtet haben.

Wenn die Raketen einschlagen, sind ihre Kunden mit ihren Hunden eingeschlossen und dem Bombardement ausgesetzt. „Ich habe mit Kunden telefoniert, die gerade eine Panikattacke hatten. Die musste man trösten, während im Hintergrund die Kinder schrien und die Hunde bellten. Das war sehr schwierig.“

Krieg: „Bombardierungen haben die Tiere völlig verrückt gemacht“

Über die Videokonferenzsoftware Zoom habe sie täglich mit fast 15 Personen gesprochen, um diese zu beruhigen und ihnen zu erklären, was sie mit ihren Tieren machen mussten. „Die Bombardierungen haben die Tiere völlig verrückt gemacht“, berichtet Irina. „Den ganzen Tag waren sie eingeschlossen in Schutzräumen oder Kellern. In solchen Situationen kann ein Tier schnell aggressiv oder auch vollkommen niedergedrückt werden. Wie seine Halter ist es Phasen von Dauerstress ausgesetzt.“

Zehn Tage lang versuchte Irina, ihre Arbeit in dem unter Beschuss stehenden Charkiw und ihre eigene Sicherheit unter einen Hut zu bringen. Sie hat eine Wohnung in einem Häuserblock im Nordosten der Millionenstadt. Ihr Viertel Saltiwka wurde als meistbombardierter Teil der Stadt schnell berühmt. Die russische Artillerie hat die Wohnblöcke für die Bewohner jedoch in eine Hölle verwandelt. „Anfang März ist eine Rakete direkt neben unserem Haus niedergegangen. Da habe ich begriffen, dass wir die Stadt so schnell wie möglich verlassen mussten.“

Ukraine: Kinder gefangen in ihrem Trauma

Mit ihren drei Hunden flüchtet Irina in die etwa 100 Kilometer entfernte Stadt Poltawa. „Wir haben zwölf Stunden gebraucht, weil die Straße von den Flüchtenden, die dem Beschuss entkommen wollten, völlig verstopft war.“ In der dortigen Flüchtlingsunterkunft trifft Irina auf ganze Familien samt deren Hunden.

„Die Kinder saßen niedergeschlagen in einer Ecke, als würde die Welt sie nichts angehen“, erinnert sich die 32-Jährige. Wenn die Sirenen losheulten, kauerten sich die Kinder völlig verängstigt zusammen oder legten sich auf den Boden, während die Eltern, von panischer Angst ergriffen, herumbrüllten und sie aufforderten, still zu sein. Nach einigen Tagen zieht Irina in eine andere Flüchtlingsunterkunft in Krementschuk, noch weiter südlich von Charkiw, um.

„Viele Kinder dort waren gestresst, alle Muskeln angespannt, der Blick ein wenig leer und verloren. Sie konnten stundenlang bewegungslos in einer Ecke sitzen, als hätten sie keine Verbindung mehr ins Leben, wie gefangen in ihrem Trauma. Das war sehr eindrücklich. Oft ging es den Eltern selbst schlecht, sie verfielen in Hysterie, dann in die totale Niedergeschlagenheit, dann weinten sie. Die Kinder machten es ihnen nach, und das war schrecklich anzusehen“, erzählt die 32-Jährige.

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Ukrainische Kinder malen Orte der Sicherheit

Irina beschließt, ihre Hilfe anzubieten. „Ich habe ihnen erzählt, dass ich Tierärztin bin und dass ich mich seit ich klein war um Hunde kümmere. Und dass ich mich um die Kinder kümmern könnte, wenn sie das wollten.“

Irina arbeitet ein Programm aus. „Wir haben damit begonnen, sie Objekte aus Papier machen zu lassen. Papiervögel, Flugzeuge oder kleine Schiffe. Sie mussten wieder über irgendetwas die Kontrolle bekommen.“ Sie fährt fort: „Ihre Welt war zusammengebrochen. Sie hatten fliehen müssen und überhaupt keinen Rückhalt mehr. Eines Tages haben wir sie gebeten, den Ort aufzumalen, an dem sie sich am meisten in Sicherheit fühlen.“

Die Zeichnungen sprechen für sich. „Ein Kind hat eine Höhle gezeichnet, die von drei Drachen bewohnt war. Es hatte den Drachen Namen gegeben. Sie waren sein Vater, seine Mutter und sein Onkel. Ein anderes Kind hatte einen Bunker auf dem Meeresgrund gemalt. Wieder ein anderes hatte sein ehemaliges Haus gezeichnet, aber sehr genau, bis ins kleinste Detail, als wollte es nichts vergessen“, berichtet Irina.

Hündin Lata holt einen verstörten Jungen ins Leben zurück

Am meisten hat sich ihr ein kleiner Junge eingeprägt, den die Bombardements ebenfalls schwer zugesetzt hatten. „Er hat seine Eltern weinen, schreien und aus ihrem Haus fliehen sehen.“ In der Folge habe er nicht mehr mit Erwachsenen sprechen wollen. „Er blieb stumm in seiner Ecke. Als ich ihn gesehen habe, habe ich begriffen, dass die Hunde ihm vielleicht helfen konnten.“

Irina schickt einen ihrer drei Hunde, Labrador Lata, zu dem Jungen. „Sie ist zu ihm gegangen und hat begonnen, ihm die Pfote zu geben, dann zwei. Dann hat sie angefangen, ihn zu lecken und ihn mit ihrer Schnauze anzustupsen, um ihm zu zeigen, dass sie spielen will.“ Durch den Bombenhagel, so erzählt Irina, habe der Junge die Kon­trolle über sein Leben verloren gehabt. Mithilfe von Hündin Lata habe er es geschafft, diese Kontrolle wieder ein Stück weit zurückzugewinnen.

Ukraine: Therapieprogramm soll traumatisierten Hunden helfen

Neben ihrer Hilfe für Geflüchtete gibt Irina weiterhin über Videokonferenzen verzweifelten Hundehalterinnen und -haltern Ratschläge. Die Fragen sind stets die gleichen: „Irina, der Hund ist aggressiv. Wir wissen nicht, was wir machen sollen.“

Immer klarer wird der jungen Ärztin: Auch viele Tiere sind traumatisiert. „Die Hunde sind bei Bombardierungen dem gleichen Stress wie die Menschen ausgesetzt und entwickeln die gleichen Krankheitsbilder.“ Beim geringsten lauten Geräusch schrecken sie auf oder laufen davon, um sich zu verstecken.

Irina hat auch für die Tiere ein Therapieprogramm entwickelt. „Wir haben sie beschäftigt wie die Kinder. Wir haben sie um Plastikklötze laufen lassen. Während sie sich auf die Übung konzentriert haben, haben wir einen Luftballon platzen lassen oder eine Tür zugeschlagen. Der Hund schreckt auf, aber man macht ihm klar, dass das normal ist und dass er darauf nicht mehr achten muss, dass es keine Gefahr gibt und dass er seine Übung beenden soll.“

Für ihre nächste Videokonferenz haben sich bereits 100 Tierbesitzer angemeldet. Auf dem Tisch liegt ihr nächstes, fertiggeschriebenes Buch. Es heißt „Die Kommunikation zwischen Hund und Kind“.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf www.waz.de

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