Ukraine-Krieg

Klimakosten: Das Desaster des Krieges, das übersehen wird

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Kiew: Russland bombardiert Gelände von Akw Piwdennoukrainsk

Kiew: Russland bombardiert Gelände von Akw Piwdennoukrainsk

Die Ukraine hat hat Russland vorgeworfen, das Gelände eines Atomkraftwerks rund 100 Kilometer nordwestlich der südukrainischen Stadt Mykolajiw beschossen zu haben. Präsident Wolodymyr Selenskyj veröffentlichte ein schwarz-weißes Überwachungsvideo von einer schweren Detonation.

Video: Katastrophe, Unglück, Krise, Krieg, Konflikt
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Berlin   Verschmutztes Grundwasser, verseuchte Böden, brennende Wälder. Wie Putins Krieg in der Ukraine auch das Sterben der Natur beschleunigt.

Der Ukraine-Krieg ist eine Woche alt, als Sarah Fuchs Alarm schlägt. Bewaffnete Konflikte hinterlassen verschmutztes Grundwasser, verseuchte Böden, brennende Wälder, notiert sie. Der Krieg ist auch ein Verbrechen an der Umwelt. Und ein Klimakiller.

Fuchs ist Umweltökonomin beim Kölner Institut der Wirtschaft. Sie hat auf dem Radar, was anderen politisch exotisch vorkommen mag, weil in der Ukraine Tag für Tag Menschen getötet werden. Sie beobachtet auch die Klimakosten des Krieges.

„Diese Debatte müssen wir führen“, mahnt Angelika Claußen, Co-Vorsitzende der deutschen Sektion der Organisation Internationale Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges, die mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. „Wenn wir unseren Planeten zerstören, dann zerstören wir auch unsere Lebensgrundlage", sagt sie unserer Redaktion.

Ukraine-Krieg: Putin 27 Milliarden Euro in Rechnung stellen

Beim Kyoto-Protokoll 1997 wurde das Militär ausgeklammert. Auch der Weltklimarat IPCC hat es nicht im Fokus. Im mehrere Tausend Seiten langen IPCC-Bericht taucht das Wort „Militär“ nur sechs Mal auf, inklusive einem Literaturhinweis und einer Fußnote. Das ist seltsam, weil allein die amerikanischen Streitkräfte nach einer britischen Studie mehr CO2-Emissionen als ganze Staaten verursachen, schon in Friedenszeiten, wohlgemerkt.

Welche Folgen die russische Invasion für die Umwelt hat, ist der Ukraine nicht gleichgültig; schon um eines Tages Schadensersatzansprüche geltend zu machen und Kremlchef Wladimir Putin eine Rechnung zu präsentieren. Der Kiewer Umweltminister Ruslan Strilets schätzt die Kosten auf eine Billion Hrwnja. Das entspricht etwa 27 Milliarden Euro.

Ukraine-Krieg: Geschossen wird in den Industriezentren

Staatliche Inspekteure besuchten die Orte von Umweltverbrechen, wo immer dies möglich sei. „Wir erfassen auch Schäden mit Hilfe von Satellitendaten. Wir bewahren die Daten auf, auch wenn wir keinen physischen Zugang zu den Orten der Umweltkriminalität haben, und beurteilen den Schaden“, erzählte er jüngst der „Ukrainian Pravda“.

Im Allgemeinen habe kaum jemand Interesse daran, solche Studien über die ökologischen Schäden durch Militärs in Auftrag zu geben, meint Claußen, „weder Russland noch die EU, oder China“. Es wäre eine Rechnung mit vielen Posten, wie das Beispiel Ukraine-Krieg zeigt:

  • Die unmittelbare Belastung von Luft, Boden und Grundwasser nach Explosionen.
  • Die Folgen an Gebäuden, insbesondere, wo Asbest als Baustoff eingesetzt wurde und der krebserregende Stoff in die Luft entweicht.
  • Der Beschuss von Stahl- und Chemiewerken, Raffinerien, Öllagern und Waffendepots – mit länger anhaltenden Bränden, die Rußpartikel, Methan und eben Kohlendioxid (CO2) emittieren.
  • Was heute zerstört wird, muss morgen wieder aufgebaut werden, unweigerlich abermals mit einem Ausstoß an CO2.
  • Eine mittelbare Folge für den Klimaschutz ist, dass Staaten wie Deutschland im Zuge von Sanktionen und Gegensanktionen auf Kohlekraftwerke setzen, um von russischem Gas unabhängiger zu werden.

Ukraine-Krieg – Hintergründe und Erklärungen zum Konflikt

Auf den Karten der Online-Plattform Ecodozor erkennt Claußen: „Geschossen wird gerade dort, wo die industriellen Zentren der Ukraine liegen.“ Am Ende kann man von Glück reden, dass bei der Bombardierung des Asow-Stahlwerks in Mariupol nicht – als Kollateralschaden – auch noch Tonnen giftiger Schwefelwasserstofflösung in den Asowschen Meer geflossen sind.

Man habe festgestellt, dass es in der Ukraine bisher „mehr als doppelt so viele Waldbrände gab als im Vorjahr, die meisten davon durch Militärs ausgelöst.“ 20 Prozent der Naturschutzgebiete der Ukraine seien vom Krieg betroffen, „fast drei Millionen Hektar Wald“, so Claußen.

Ukraine-Krieg: Klimawandel wird „in die Tonne getreten“

Auch die Waffensysteme selbst sind Klimakiller. Ein einziger russischer T-72 Panzer benötigt 250 Liter pro 100 Kilometer, im Gelände deutlich mehr. Würde Bundeskanzler Olaf Scholz der Bitte der Ukraine nachkommen und den Export des „Leopard 2“ genehmigen, müssten die Militärs für die gleiche Strecke im Schnitt über 400 Liter Treibstoff an Verbrauch einkalkulieren.

Der Tarnkappenjet F-35, der auf der Einkaufsliste der Bundeswehr ist, produziert nach Recherchen der österreichischen Zeitung „Standard“ mit einer einzigen Tankfüllung circa 28 Tonnen CO2-Äquivalent. Das ist mehr als das Doppelte des durchschnittlichen Pro-Kopf-Verbrauches eines Bundesbürgers. Völlig unklar ist die C02-Rechnung für die Herstellung der Waffen.

Ukraine-Krise – Die wichtigsten News zum Krieg

Laut einem „Science“-Bericht haben Experten errechnet, dass 1991 mehr als zwei Prozent der weltweiten CO2-Emmissionen auf den Irak-Krieg zurückgingen, auf Brände. Schätzungen zufolge werden für den Wiederaufbau Syriens 22 Millionen Tonnen CO2 emittiert werden.

Genaue Daten zum Ukraine-Krieg liegen laut Claußen nicht vor. Außer Frage steht, dass der Konflikt die Welt in ihrem Bemühen zurückwerfen wird, den Anstieg der Erderwärmung in den nächsten Jahren auf 1,5 Grad zu begrenzen.

„Das Schlimmste“ ist für Claußen dass durch den Krieg die Klimadebatte in den Hintergrund gerät; sie rutscht auf der politischen Prioritätenliste ab. Es werde ausschließlich über das Militär und Aufrüstung geredet, so Claußen. „Alle Anstrengungen für den Klimawandel werden gerade in die Tonne getreten."

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Dieser Artikel erschien zuerst auf www.morgenpost.de

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