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Google-Analyse: Putins Propaganda beginnt zu bröckeln

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Ukraine-Krieg: Rolle von Google Maps im Krieg

Ukraine-Krieg: Rolle von Google Maps im Krieg

Forscher, die Google Maps-Daten analysiertn, sollen den Krieg als eine der ersten erahnt haben. Der Navigationsdienst zeigt Bewegungen von Autos in Echtzeit an. Jetzt reagiert der US-Konzern mit Folgen.

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Berlin.  Die Suchmaschinen-Eingaben zeigen, wie die Unterstützung für den Krieg schwindet. Dabei entlarven sie auch eine Propaganda-Lüge Putins.

Suchmaschinen geben einen guten Aufschluss darüber, welche Informationen Menschen zu einem bestimmten Thema haben wollen. Das zählt auch und insbesondere für Ereignisse wie den Ukraine-Krieg. Daten-Analysen haben nun gezeigt, wonach die Bevölkerung in Russland auf Google und dem russischen Pendant Yandex gesucht hat. Daraus ergibt sich eine überraschende Bewegung in der öffentlichen Meinung zum russischen Angriffskrieg.

Denn wie die Daten verraten, scheinen sich Teile der russischen Bevölkerung immer kritischer gegenüber dem Kriegsverhalten Russlands und des Präsidenten zu verhalten. Die ukrainische Zeitung "Kyiv Post" erhielt von Google die meistgesuchten Begriffe Russlands der vergangenen zwölf Monate – die sogenannten Google Trends. Das meistgesuchte Wort war demnach "Mobilmachung".

Populär waren auch Suchen nach "Ukraine-Bevölkerung", "Ukraine – Land in Europa" und "VPN". Die Abkürzung "VPN" steht für "Virtual Private Network" und beschreibt eine geschützte und private Internet-Verbindung, die für Dritte nicht einsehbar ist. Eine VPN-Verbindung verschafft Nutzenden mehr Anonymität im Netz. Sie hilft aber auch dabei, den Standort zu verbergen, geografisch bedingte Zensuren zu umgehen und im eigenen Land blockierte Webseiten zu besuchen.

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Russland: Suchanfragen zeigen Stimmungswechsel im Land

Der britische Journalist und Propaganda-Experte Peter Pomerantsev erklärte im Interview mit "Kyiv Post", die Suchmaschinen-Anfragen eines Landes gäben häufig einen verlässlicheren und demokratischeren Einblick in die Stimmung im Land als offizielle Angaben.

So stiegen Pomerantsev zufolge auch die russischen Suchen nach Depressionen und anderen psychischen Problemen. "Man sollte solche Indikatoren beobachten", forderte Pomerantsev. Verfolgt man diesen Ansatz, zeigt die Suche nach "VPN", wie die russische Bevölkerung im Ausland nach Informationen sucht, die im eigenen Land nicht verfügbar sind.

Besonders im Zuge der Sanktionen und Sperrungen in Russland dürfte ein VPN den dortigen Nutzern und Nutzerinnen dabei helfen, unabhängige Nachrichtenquellen abzurufen und blockierte Dienste wie Facebook und Instagram zu besuchen. Russland hatte die Dienste Anfang des Jahres wegen "extremistischer Aktivitäten" verboten. Nachdem ein Gericht das Verbot aufgehoben hatte, sind sie weiterhin erreichbar – allerdings nur über VPN.

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Die Erkenntnisse aus den Google Trends stehen zudem nicht alleine da: Daten aus dem in Russland bevorzugten Suchmaschinendienst Yandex zeigen eine ähnliche Bewegung – und einen spannenden Wandel, der offenbar erst seit kurzem stattfindet.

Ab Mitte August haben sich auf Yandex demnach nicht nur die Suchen nach "Mobilisierung" gehäuft und mit 50 Millionen Aufrufen im September ihren Höhepunkt erreicht. Auch nach "Atomkrieg" suchte die russische Bevölkerung im September mit einer halben Million Eingaben so oft wie in keinem anderen Monat.

Bereits Ende September hatte es Berichte über die Suchanfragen nach der Verkündung der russischen Teilmobilisierung gegeben: Besonders populär waren demnach Suchen wie "Russland verlassen", "Hand zuhause brechen" oder "Armee umgehen". Ebenfalls oft gesucht: Wie verlässt man Russland "ohne Geld" oder "ohne Pass".

Ukraine-Krieg: Google-Daten entlarven Putins Propaganda

Putins Kriegstreiben scheint demnach nicht einmal mehr die eigene Bevölkerung zu unterstützen. Das legen die Suchbewegungen hinter den wichtigsten Propaganda-Begriffen des russischen Präsidenten nahe. Putin hatte den Angriffskrieg auf die Ukraine nach einer Propaganda-Lüge wiederholt als "Militäroperation zur Entnazifizierung und Entmilitarisierung der Ukraine" bezeichnet. Doch wie es mit dem vermeintlichen Ziel Russlands forangeht, scheint kaum mehr einer wissen zu wollen.

Demnach hatte das Suchvolumen nach "Entmilitarisierung" und "Entnazifizierung" in den ersten beiden Wochen nach Kriegsbeginn zugenommen und seither rapide abgenommen. Allein die Suchen nach "Entmilitarisierung" sanken von anderthalb Millionen Aufträgen Mitte Februar auf knapp 69.000 im September. Für mehr Suchaufträge sorgten dabei ausgerechnet gegenteilige Suchen: Wie Suchdaten zeigen, erlebten besonders der Begriff "Rückzug" und die Frage "wie ergibt man sich" im Sommer 2022 jeweils einen Ausreißer in den Anfragen.

Das zeigt: Genau wie große Teile der Weltbevölkerung sorgt sich auch die Bevölkerung in Russland um die weitere Entwicklung des Krieges. Und das vermag selbst die hartnäckigste Propaganda irgendwann nicht mehr zu verbergen.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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