Ukraine-Krieg

Ukraine-Krieg: So treffen die westlichen Sanktionen Russland

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Russland liefert derzeit nur noch 20 Prozent der üblichen Menge Gas durch die Pipeline Nord Stream 1. Hier die Gasempfangsstation in Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern.

Russland liefert derzeit nur noch 20 Prozent der üblichen Menge Gas durch die Pipeline Nord Stream 1. Hier die Gasempfangsstation in Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern.

Foto: Stefan Sauer / dpa

Berlin.  Zwar verdient Moskau mit Energie-Exporten sehr gut. Aber der Import-Stopp bei Hightech-Produkten wie Computer-Chips schadet massiv.

Für den russischen Präsidenten Wladimir Putin läuft es gerade verdammt gut – und gleichzeitig verdammt schlecht. Bei den Energie-Exporten kann er immer noch aus dem Vollen schöpfen, die Staatskasse füllen und damit seine Kriegsmaschinerie in der Ukraine schmieren.

Der Import-Stopp für Hightech-Produkte aus den USA oder Europa trifft hingegen viele Branchen. Er könnte in einigen Monaten wichtige Sektoren der russischen Wirtschaft zum Stillstand bringen. Wie wirksam sind die westlichen Sanktionen gegen Russland – und können sie Putins Macht ernsthaft gefährden?

Russland verdient pro Tag immer noch eine Milliarde Dollar mit Energie-Exporten

Klar ist: Der schnelle Einbruch der russischen Volkswirtschaft ist ausgeblieben. Die Staatseinnahmen aus Energie-Exporten sind sogar gestiegen. So hat Russland zwischen Januar und Mai 2022 rund 68 Milliarden Euro an den Ausfuhren von Öl, Gas und Kohle in EU-Länder verdient. Der Löwenanteil entfällt auf Öl (43 Milliarden Euro) und Gas (21 Milliarden Euro).

Im Vorjahreszeitraum waren es noch 32,5 Milliarden Euro – also knapp die Hälfte davon. Die Lieferungen in die Europäische Union machen etwa die Hälfte aller weltweiten Energie-Ausfuhren aus. Insgesamt verdient Russland pro Tag immer noch rund eine Milliarde Dollar damit.

Das liegt auch daran, dass das Ölembargo der EU erst ab Dezember greift. Einige Länder wie Deutschland haben jedoch die Öleinfuhren bereits heruntergefahren. Dennoch bemüht sich Russland schon heute um Ersatz.

Indien importiert rund achtmal so viel Öl aus Russland wie vor dem Ukraine-Krieg

„Die Rückgänge der russischen Rohöl-Exporte nach Europa wurden kompensiert durch den Anstieg der Öltanker-Ausfuhren nach China oder Indien. Indien importiert rund achtmal so viel Öl aus Russland wie vor dem Ukraine-Krieg“, sagte Gabriel Felbermayr vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo) in Wien unserer Redaktion.

Allerdings seien die Öltransporte in den vergangenen Wochen leicht zurückgegangen. „Die Drohungen des Westens, Sekundär-Sanktionen aufzulegen, scheinen eine gewisse Wirkung zu haben“, so Felbermayr.

Russisches Gas ist derzeit etwa dreimal so teuer wie noch vor einem Jahr

Auch bei den Gas-Exporten kassiert Moskau kräftig. „Russisches Gas ist derzeit etwa dreimal so teuer wie noch vor einem Jahr. Und vergleicht man den Preisanstieg von März 2021 bis März 22, dann sprechen wir von einer Versiebenfachung“, sagte Guntram Wolff von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin unserer Redaktion.

Die reduzierten Gas-Einfuhren in die EU haben den Ertrag für Putin & Co. noch einmal gesteigert. „Die russischen Einnahmen ergeben sich aus Menge mal Preis. Die Menge der Energie-Importe aus Russland ist geschrumpft. Der Preis ist seit Kriegsbeginn nach oben gegangen. Putin verdient dadurch mehr als vor dem Krieg. Erst seit Juni fällt der Preis wieder“, erläutert DGAP-Direktor Wolff.

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Der IWF rechnet für 2022 mit einem Einbruch der Wirtschaft um sechs Prozent

Putin hat diese Entwicklung noch befeuert, indem er die Gaslieferungen in den Westen gedrosselt hat – derzeit fließen nur rund 20 Prozent der üblichen Menge durch die Pipeline Nord Stream 1.

Doch trotz der Milliardenerlöse sind massive Schäden für die Ökonomie absehbar. „Die russische Wirtschaft wird durch die Sanktionen erheblich geschwächt. Dadurch werden auch die militärischen Kapazitäten Russlands bald beeinträchtigt – spätestens im kommenden Jahr“, erklärt Wolff. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet für 2022 mit einem Einbruch des Bruttoinlandsprodukts von sechs Prozent.

Ersatzteile für Airbus- und Boeing-Flugzeuge fehlen

Vor allem die westliche Export-Sperre für Hightech-Güter dürfte russische Unternehmen massiv einschränken. „Die Sanktionen wirken vor allem bei Hightech-Produkten wie Computer-Chips, ohne die moderne Waffen nicht funktionieren“, unterstreicht Wifo-Chef Felbermayr. „Eine Umgehung dieser Hightech-Sanktionen dürfte nur sehr schwer möglich sein. Die westlichen Länder von den USA über Europa bis hin zu Japan, Südkorea oder Taiwan haben in vielen dieser Hightech-Segmente Monopole.“

Hinzu kommt, dass Russland auf Nachschub-Lieferungen und Wartungen aus dem Westen verzichten muss. „Aber auch Ersatzteile, zum Beispiel für Airbus- und Boeing-Flugzeuge oder komplexe Maschinenanlagen aus Deutschland, spielen hier eine Rolle. All dies beeinträchtigt die Produktions-Kapazitäten in Russland“, so Felbermayr.

„Im Spätherbst oder Winter Engpässe bei den Produktions-Kapazitäten“

Derzeit repariere die russische Staatslinie Aeroflot Flugzeuge, indem sie einzelne Jets ausschlachte, die dann nicht mehr für den Betrieb zur Verfügung stünden, heißt es in Moskau. „Die Engpässe, die die Produktions-Kapazitäten ernsthaft einschränken, erwarte ich erst für Spätherbst oder Winter. Dann könnte es sein, dass Flugzeuge nicht fliegen können, weil Ersatzteile fehlen“, betont Felbermayr.

Die amerikanische Elite-Universität Yale kommt in einer im Juli veröffentlichten Studie zu dem Ergebnis: „Trotz einiger anhaltender Schlupflöcher sind die russischen Einfuhren zum großen Teil kollabiert. Das Land steht vor großen Herausforderungen bei der Beschaffung entscheidender Produkte, Ersatzteile und Technologie von zögerlichen Handelspartnern. Dies führt zu weitverbreiteten Lieferengpässen innerhalb der Binnenwirtschaft.“

Mehr als 1000 ausländische Firmen haben Russland bereits verlassen

Mehr als 1000 internationale Firmen, die 40 Prozent der Wirtschaftskraft des Landes ausmachten, hätten Russland bereits den Rücken gekehrt. „Der Rückzug der Betriebe und die Sanktionen lähmen die russische Wirtschaft katastrophal“, resümiert der Yale-Report.

Der Moskauer Ökonom Andrej Jakowlew schätzt die Lage ähnlich düster ein. „Die Wirkung der Sanktionen wird im Herbst deutlich. Das wird Industriesektoren betreffen, die stark von importierter Technologie abhängig sind“, prognostiziert Jakowlew, seit Januar Visiting Scholar am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin.

Mit Ausnahme der Autoindustrie hätten diese bislang noch weitgehend weiterarbeiten können. Viele Branchen hingen aber von westlichen Komponenten ab. „Das betrifft fast alle Bereiche, die sich in den vergangenen Jahren modernisiert hatten, darunter die Ölförderung und auch die Landwirtschaft.“

Seit 2014 ist die russische Wirtschaft in einem permanenten Krisenmodus

Jakowlew verknüpft seine Bewertung allerdings mit einem Vorbehalt: „Was von ausländischen Beobachtern zu wenig gesehen wird, ist Russlands enorme Fähigkeit zur Anpassung.“ Die westlichen Sanktionen nach der Annexion der Krim 2014 hätten die russische Wirtschaft in eine Art permanenten Krisenmodus versetzt. „Auf Unternehmensebene schlägt sich das nieder in traditionell sehr hohen Lagerbeständen und traditionell pessimistischen Geschäftsaussichten: Russische Firmen sind es gewohnt, immer mit dem Schlimmsten zu rechnen.“

Trotz dieser Widerstandsfähigkeit sind Russlandexperten überzeugt, dass die Sanktionen schwere Konsequenzen haben werden. Janis Kluge von der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin formuliert dies so: „Die russische Wirtschaft kann die Kooperation mit dem Westen niemals vollständig ersetzen. Russland wird deshalb in den kommenden Jahren deutlich ärmer und technologisch rückständiger werden.“ Fazit: Der Handelsboykott setzt den Kremlchef unter Druck. Ob er seine Macht gefährdet, ist offen.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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