Kommentar

Krieg in der Ukraine: Herbst der Entscheidung steht bevor

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Ein Mädchen steht auf einem zerstörten russischen Panzer. In der Kiewer Innenstadt stellt die Ukraine erbeutetes russisches Militärgerät auf den Straßen aus.

Ein Mädchen steht auf einem zerstörten russischen Panzer. In der Kiewer Innenstadt stellt die Ukraine erbeutetes russisches Militärgerät auf den Straßen aus.

Foto: DIMITAR DILKOFF / AFP

Berlin.  Der Krieg in der Ukraine steht vor einer entscheidenden Phase. Das Bittere: Der Westen vergisst gerade seine Versprechen. Mit Folgen.

Im Krieg gibt es Regeln. Grundsätze, auf denen Militärs ihre Strategien aufbauen. Zum Beispiel: Einen Ort zu verteidigen ist leichter als einen Ort einzunehmen. Wer angreift, braucht eine Vielzahl mehr an Soldatinnen und Soldaten. Dem Aggressor bleibt vor allem das Überraschungsmoment. Kommt der Angriff ins Stocken, wächst das Risiko, dass Nachschubwege und Kommunikationszentren vom Verteidiger getroffen werden.

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Fast ein halbes Jahr tobt der völkerrechtswidrige Angriffskrieg Russlands in der Ukraine. Und eigentlich läuft er schon viel länger, seit 2014. Seit der Eroberung der ukrainischen Halbinsel Krim. Doch das Moment der Überraschung konnte Putins Armee nicht nutzen – die Offensive verpuffte. Die Ukrainer verteidigen viele Regionen. Auch wenn sie einen hohen Preis zahlen.

Aktuell sieht es nicht gut aus für die Ukraine im Krieg gegen Russlands Invasion

Russland hat deshalb die Strategie in diesem Krieg gewechselt: vom Überraschen und Überrennen – hinzu einer blutigen Zermürbungstaktik. Russlands Armee ist den ukrainischen Truppen zahlenmäßig überlegen, verfügt über mehr Waffen, vor allem schwerere Artillerie. Sie zerstören nicht nur militärische Stellungen, sondern auch Wohnhäuser und zivile Infrastruktur.

Vor allem mit diesem heftigen Beschuss erzwingt Russland langsam immer mehr Geländegewinne. Der Krieg tritt deshalb nach Ansicht von Fachleuten in diesen Monaten in eine entscheidende Phase. Denn noch ein Grundsatz gilt in Kriegen. Wenn im November das Winterwetter in der Ukraine regiert, verhärten sich die Fronten. Zwischen Schlamm und Schnee bleiben Offensiven und Gegenoffensiven stecken. Der Herbst entscheidet also über die Überlegenheit im Winter – vielleicht im ganzen Krieg.

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Aktuell sieht es nicht gut aus für das ukrainische Militär. Daran trägt auch der Westen Mitschuld – noch immer stocken viele Waffenlieferungen an die Regierung in Kiew. Doch genau diese hochspezialisierten Waffen sind zentral für die ukrainische Kriegstaktik: moderne bewaffnete Drohnen und Raketenabwehrsysteme. Der Westen muss liefern. Umfangreich und schnell.

Die Ukraine nutzt die „Korrosionstaktik“ – und will Russlands Schaltstellen treffen

Warum ist das so relevant? Die ukrainische Führung hat im Laufe des Krieges die Militärtaktik verändert. Der US-Experte Mick Ryan beschreibt dies als „Korrosionstaktik“. Mit Präzisionswaffen versucht die ukrainische Armee, die Schaltstellen des russischen Angriffskriegs zu treffen: Kommunikationspunkte, Nachschubwege und Kriegslogistik, Kommandozentralen. So sollen die russischen Soldaten demoralisiert werden.

Es ist eine Asymmetrie des Krieges entstanden: Russland feuert aus allen Rohren. Die Ukraine setzt auf gezielte Schläge – und beide Seiten haben auch nicht wirklich eine andere Chance.

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Das Problem: Die ukrainische Taktik ist abhängig. Vor allem von Waffenlieferungen. Das Land braucht starke Staaten wie Deutschland. Doch Lieferungen dürfen nicht kleckerweise kommen, nicht nach Berlins Gusto. Es braucht verlässliche Lieferketten, die Ausbildung ukrainischer Soldaten müssen verstetigt, Munition produziert werden.

Der Krieg geht in eine entscheidende Wendung – doch die täglichen Meldungen, die Diskussionen und die Berichte über die Opfer der russischen Aggression werden stiller. Deutschland debattiert über Gasmangel und hohe Preise. Aber auch Deutschland darf sein Versprechen an die Ukraine nicht vergessen. Zudem ist es genau dieser Krieg, der die globale Krise befeuert. Die Ukraine kann ihn gewinnen, oder zumindest Russland an den Verhandlungstisch zwingen. Doch sie braucht dafür weiterhin vor allem eines: die Hilfe des Westens.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.

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