Ukraine-Krieg

Staudamm nahe Cherson: Russland evakuiert ganze Region

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Selenskyj spricht nach russischem Truppenabzug aus Cherson von "historischem Tag"

Selenskyj spricht nach russischem Truppenabzug aus Cherson von "historischem Tag"

Angesichts des Rückzugs russischer Truppen aus Cherson hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj von einem "historischen Tag" gesprochen. "Wir erobern Cherson zurück", sagte er in seiner täglichen Videobotschaft im Onlinedienst Telegram am Freitag.

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Berlin   Nach dem Abzug russischer Truppen in Cherson wächst in der Region die Sorge vor einer möglichen Sprengung des Kachowka-Staudamms.

Nach der Befreiung der Stadt Cherson von russischen Besatzern richten sich alle Blicke auf den nahegelegenen Staudamm des Wasserkraftwerks Kachowka. Wie am Samstagabend bekannt wurde, evakuiert Russland seine Truppen aus der Stadt Nowa Kachowka. Auch die Verwaltung und die Bürger zögen sich an einen sicheren Ort zurück, teilte der örtliche Besatzungschef Pawel Filiptschuk nach Angaben der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Tass am Samstag in einer Rede an die Bevölkerung mit. Er rief die Menschen in einer festgelegten Zone von 15 Kilometern auf, ihre Wohnungen zu verlassen.

Befürchtet wird, dass der Staudamm durch Beschuss zerstört und das Gebiet überflutet werden könnte. Russen und Ukrainer werfen sich seit Wochen gegenseitig vor, eine solche Provokation zu planen. Die ukrainischen Streitkräfte hätten die Verwaltung von Kachowka als Ziel „Nummer eins für einen Terroranschlag“ in der Region ausgemacht, behauptete Filiptschuk. Die Ukraine weist Sabotageabsichten zurück.

Nach Angaben der Regierung in Kiew hatten russische Truppen den Staudamm des Wasserkraftwerks Kachowka vermint, um mit einer Flutwelle eine ukrainische Gegenoffensive in Cherson zu stoppen. Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte am Donnerstagabend vor „einer Katastrophe großen Ausmaßes“ gewarnt. Im Falle eines Dammbruchs seien hunderttausende Menschen am Fluss Dnipro in Gefahr.

Staudamm in Gefahr: Ukrainische Armee rückt vor

Das Leben der Menschen sei durch Kampfhandlungen in Gefahr, sagte Filiptschuk. Die Menschen sollten in die südrussische Region Krasnodar gebracht und dort versorgt werden. Filiptschuk versprach den Flüchtenden eine warme Unterkunft, regelmäßige Mahlzeiten und 100 000 Rubel (rund 1600 Euro) Hilfe. Die Ukraine wirft den Besatzern vor, die Menschen zu verschleppen.

Örtlichen Berichten zufolge waren die ukrainischen Einheiten bereits in die Kleinstadt Beryslaw unweit des Staudamms vorgerückt. Russland hatte am Freitag den angekündigten Rückzug vom westlichen Ufer des Flusses Dnipro für abgeschlossen erklärt. Demnach zogen sich die russischen Soldaten auf das Gebiet östlich des Flusses zurück.

Ukraine-Krieg: Russland soll Staudamm bei Cherson vermint haben

„Russland bereitet eine menschengemachte Katastrophe vor“, sagte Selenskyjs Berater Mychailo Podoljak Ende der Woche. Russland vermine den Damm und Transformatoren des Kraftwerks, um einen Dammbruch und eine Flutwelle zu verursachen. Das Ziel sei, den ukrainischen Vormarsch zu stoppen.

In einer Videoansprache sagte Selenskyj, eine Unterbrechung der Wasserversorgung in der Südukraine würde auch das Kühlsystem des Atomkraftwerks Saporischschja beeinträchtigen. Im Falle einer Zerstörung des Staudamms würde zudem „der Nord-Krim-Kanal einfach verschwinden“, welcher die 2014 von Russland annektierte Schwarzmeer-Halbinsel Krim mit Wasser versorgt.

Der Staudamm des Wasserkraftwerks Kachowka liegt am Dnipro in der Region Cherson, die derzeit von russischen Truppen kontrolliert wird und von Moskau annektiert wurde. Angesichts der vorrückenden ukrainischen Truppen hatte die Besatzungsverwaltung am Mittwoch mit ihrem Rückzug aus der Stadt Cherson und der „Evakuierung“ von Zivilisten begonnen. Inzwischen seien 15.000 Menschen ans linke Ufer des Dnipro gebracht worden, erklärte der Verwaltungsvertreter Kirill Stremussow. Kiew verurteilt das Vorgehen als „Deportation“ von Zivilisten nach Russland.

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Angriffe auf Energie-Infrastruktur: Selenskyj spricht von „Schlachtfeld“

Nach zahlreichen russischen Angriffen auf die Strom-Infrastruktur im Land sind die Ukrainer seit Donnerstag zum Stromsparen aufgerufen. Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko bat die Bewohner der Hauptstadt, zwischen 07.00 und 23.00 Uhr keine größeren Elektrogeräte zu nutzen. Selbst eine kleine Energieeinsparung in jedem Haushalt werde dabei helfen, den Betrieb des ukrainischen Energiesystems zu stabilisieren, erklärte er.

In einer Videoansprache beim EU-Gipfel in Brüssel warf Selenskyj Russland vor, die Energie-Infrastruktur seines Landes in ein „Schlachtfeld“ verwandelt zu haben. Russland löse dadurch eine neue Flüchtlingswelle in die EU-Länder aus. Moskau verfolge damit die Absicht, der Ukraine im Herbst und Winter Strom- und Heizprobleme zu bescheren und „so viele Ukrainer wie möglich in Ihre Länder zu schicken“, sagte Selenskyj an die EU-Staaten gerichtet.

Der ukrainische Staatschef forderte die EU-Länder auf, Kiew mit mehr und ausgefeilteren Luftabwehrsystemen auszustatten und Moskau mit weiteren wirtschaftlichen Sanktionen zu belegen. „Wir haben von Deutschland bereits ein sehr effektives Iris-T-System erhalten“, sagte Selenskyj. „Ich danke dem Herrn Bundeskanzler dafür.“ Die Ukraine brauche aber noch mehr Luftverteidigungs- und Raketenabwehrsysteme, „um einen wirklich zuverlässigen Luftschutzschild zu schaffen“. (afp/dpa/fmg)

Dieser Artikel erschien zuerst auf www.morgenpost.de

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