Panzermuseum

Warum ein Deutscher Millionen Menschen Putins Krieg erklärt

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Ukraine: Tote durch russischen Angriff auf Saporischschja

Ukraine- Tote durch russischen Angriff auf Saporischschja

Bei russischen Angriffen auf die Stadt Saporischschja sind nach ukrainischen Angaben zwei Menschen getötet und fünf weitere verschüttet worden. Die gleichnamige Region wurde von Moskau vor kurzem annektiert, auch das Akw Saporischschja ist unter russischer Verwaltung.

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Munster.  Ralf Raths leitet das Deutsche Panzermuseum. Was durch die Ukraine rollt, steht auch dort. Mit dem Krieg wurde Raths zum Youtube-Star.

Ralf Raths schaut auf das, was für ihn den Niedergang der russischen Armee auf dem Schlachtfeld der Ukraine symbolisiert: ein Kanonenrohr, einige Meter lang, der dicke, glänzende Stahl seitlings aufgeschweißt, damit die Besucher ins Innere dieser Kriegstechnik blicken können.

Raths, schwarze Jeans, schwarzes Hemd, Pferdeschwanz, steht vor dem T-62, olivgrün gestrichen, schwere Ketten, bemalt mit roten Sowjetsternen. Dieser Panzer war eine Meisterleistung russischer Ingenieure. Raths erklärt, warum: Bis zum T-62 feuerten alle Panzer die Geschosse aus Rohren mit kleinen, gefrästen Rillen, wie Spiralen gedreht. So rotierte die Munition beim Abschuss, hielt dadurch in der Luft die Flugbahn, so wie ein sauber geworfener Football. Das Geschoss kam nicht ins Strudeln. Doch die Rotation kostete jede Menge Durchschlagskraft.

Der T-62 war anders – der weltweit erste Panzer mit „Glattrohrkanone“, ohne Rillen. Das Geschoss war eingebettet in einen Mantel, der nach Abschuss abfiel – und die Munition dann mit Flügeln gestützt wurde, wie ein Pfeil. Der Effekt: 25 Prozent mehr Durchschlag als alle anderen Panzer der Welt. „Für das viele Nato-Militärs war diese Erfindung der größere Schock als der Erfolg des sowjetischen Erdsatelliten Sputnik“, sagt Raths.

Alles lange her – und wieder hochaktuell

Damals, alles lange her. Kalter Krieg. Die Sowjets entwickelten den T-62 in den 50er-Jahren. Heute, weit mehr als ein halbes Jahrhundert später, hat Wladimir Putin ein Problem. Sein Angriffskrieg in der Ukraine stockt, die Gebietsverluste der vergangenen Wochen sind groß. Das russische Militär wirkt wenig motiviert, chaotisch geführt. Und dann macht im Sommer eine Nachricht die Runde, die in dieses Bild passt: Russlands Armee mobilisiert die alten T-62-Bestände für die Ukraine. Eine Art „Volkssturm“ der Militärtechnik.

Immerhin setzt Russlands Armee ein neueres T-62-Modell aus den 1980er-Jahren ein, aber immer noch „völlig veraltet“, wie Raths sagt. Unbrauchbar für den heutigen Panzerkampf, in dem es nicht mehr darum geht, wer die größte Wucht abfeuert, sondern darum, wer zuerst schießt. „Wer schießt, der trifft. Und wer trifft, der tötet“, sagt Raths. Das ist die Kriegslogik im Jahr 2022.

Entscheidend sind Geschwindigkeit und Präzision der Waffensysteme. Der T-62 aber ist langsam, halb blind im Schlachtfeld. Ihm fehlt die Zieloptik moderner Panzer, wie etwa die „Waffennachführanlage“, wie Raths sagt. Der Panzer war einst Ingenieurskunst, ist jetzt aber vor allem Symbol russischer Verzweiflung.

Wer mit Ralf Raths, Mitte 40, über den T-62 spricht, wähnt einen Ingenieur vor sich, einen Militärliebhaber, vielleicht gar einen Waffennarr. Raths aber ist Historiker. Er leitet das Deutsche Panzermuseum. Hier in den Hallen im niedersächsischen Munster stehen mehr als 150 große Geräte, Kampfpanzer, Schützenpanzer, Spähpanzer, Panzerartillerie. Neben dem T-62 steht ein „Gepard“, ein Flugabwehrpanzer, den Deutschland an das ukrainische Militär geliefert hat.

„Wir sind Kriegsgewinnler, das kann man schon sagen“

Ralf Raths‘ Museum ist ein Schaufenster in den Ukraine-Krieg. Die Modelle, die zwischen Charkiw und Cherson über das Schlachtfeld rollen, stehen hier in Niedersachsen wie auf einem riesigen Parkplatz nebeneinander. Und Raths ist mit dem Angriff Russlands zum gefragten Kriegserklärer geworden.

Nicht nur hier in den Hallen in Munster, sondern auch im Internet. Auf der Videoplattform Youtube folgen Hunderttausende Raths Wissen, schon seit Jahren klicken Menschen seine Filmchen, in denen er über den „Königstiger“ spricht oder das Antriebssystem der Wehrmachtspanzer beschreibt. Mit dem Krieg in der Ukraine wurde er zum Youtube-Star. Kein Museum hat mehr Publikum im Netz, seine „Ukraine-Specials“ gingen durch die Decke. „Wir sind Kriegsgewinnler, das kann man schon sagen. Auch wenn der Anlass ein trauriger ist“, sagt Raths.

Als Raths an diesem Tag vorbei an den Panzern in den Hallen geht, hat er ein wenig Muskelkater. „Vom Kampfsport-Training gestern.“ Ohnehin mag er gerne Vergleiche zum Boxsport, wenn er über die Panzer spricht. Der sowjetische T-62, zum Beispiel, der bekomme seinen K.O.-Treffer vom Gegner auf dem Feld schon dann, wenn er noch nicht einmal seine Boxhandschuhe übergesteift habe.

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Kein „Cyberwar“, sondern konventionelle Kriegsführung mit Artillerie und Panzern

Raths spricht mit Faszination in seiner Stimme, zu dem Kriegsgerät, zu der Panzertechnik. Aber er wird nie emotional, nie pathetisch. Immer auch schwingt ein wenig Distanz zu den Waffensystemen mit. Raths ist ein Kriegserklärer – ohne jemanden den Krieg erklären zu wollen.

Und weil jetzt wieder Krieg in Europa herrscht, ist Raths ein gefragter Experte. Er gibt Interviews, spricht auf Fachkonferenzen, tritt im Radio auf. Und eben immer wieder auch im Internet, mit dem er auch Publikum im Ausland erreicht. An diesem Tag in der Halle grüßt ihn ein Besucher aus Israel. Der ältere Herr schiebt Komplimente rüber, dann reden Raths und er ein paar Augenblicke über den israelischen Merkava-Panzer und dessen Ausstattung mit Telefonanlagen im Innenraum.

Der Krieg in der Ukraine ist erstaunlich altmodisch. Es ist kein „Cyber War“, kein ausschließlicher Kampf mit Drohnen oder ferngesteuerten Waffen. Was selbst Fachleute für wenig wahrscheinlich hielten: In Europa tobt wieder ein konventioneller Krieg. Mit Soldaten, Schützengräben – und eben vielen Panzern.

Raths sagt, dass Panzerfahrzeuge der Nato-Staaten entscheidend zur Wende in dem Krieg beigetragen hätten. „Viele behaupteten anfangs, die Ausbildung der ukrainischen Armee an den Panzern dauere zu lange, die Ersatzteile würden fehlen, niemand könne die Geräte reparieren. Das war eine Fehleinschätzung.“ Die Ukraine beherrsche „die Masterclass des Militärhandwerks“, sagt Raths. Ganz im Unterschied zu Russland: schlecht ausgebildete Soldaten, schlechte Versorgung an der Front, schlechte Kommandostrukturen.

Das Museum in Munster ist „militärischer Sicherheitsbereich“. Die Bundeswehr stellt die Panzer, die Stadt das Museumsteam. Ab und zu grollt ein Kanonendonner durch die Halle, die Bundeswehr bildet nebenan Panzerbesatzungen aus. Wer am Foyer vorbeigeht, betritt die erste große Halle. Es ist ein Schritt in die Gehversuche der Militärtechnik. Dort steht ein deutscher Sturmpanzerwagen A7V, wie er im Ersten Weltkrieg zum Einsatz kam. Kein Original, das gibt es nicht mehr, aber eine Nachbildung, detailgetreu nach Orignalplänen, bis zur letzten Schraube. Zu lesen ist, wie die Besatzung nicht nur mit dem Gegner, sondern auch mit überhitzten Motoren, kaputten Getrieben oder entgleisten Ketten kämpften.

Ukraine-Armee stoppt den russischen Angriff mit Panzerkolonnen

Die Geschichte des Panzerkrieges ist immer auch eine des Wettrüstens: stärkere Rüstung, mehr Wucht der Kanonen, heute aber auch verbesserte Software und Radarfunktion. Und doch, sagt Raths, komme es auch auf die Taktik an. Und hier agiere die ukrainische Militärführung sehr clever. Zu Beginn des Krieges hätte die Armee mit kleinen Einheiten die russischen Panzerverbände angegriffen. Und gemerkt: Die russische Armee hat nicht die Durchschlagskraft, die Fachleute ihnen viele Jahre nachgesagt haben.

Im zweiten Schritt stoppen die ukrainischen Truppen den russischen Vormarsch und „versteifen die Front“, wie Raths sagt. „Das gab der Ukraine Zeit für die Beschaffung neuer Waffen aus dem Westen und die Ausbildung der eigenen Truppe.“ Jetzt drohe in der dritten Phase dem russischen Militär ein harter Winter, mit wenig Moral, wenig neuer Ausrüstung, aber ständigen Angriffen der Ukrainer. „Niederlagen treiben eine Armee in eine Psychologie des Hintertreffens.“

Im „Shop“ verkauft das Museum T-Shirts, Panzer aus Klemmbausteinen, Schlüsselanhänger und Bücher. Die Hallen sind ein Schauplatz für Kriegsgerät. Aber das Museum will mehr sein. Gerade wenn es nach Direktor Raths geht. „Wir verherrlichen die Waffensysteme nicht, wir sind aber auch kein Mahnmal gegen den Krieg.“

Als Raths über den Betonboden in Richtung T-62 läuft, steht eine Gruppe Bundeswehr-Soldaten vor dem „Königstiger“. Ein Offizier erzählt gerade, wie die Nationalsozialisten Zwangsarbeiter und auch KZ-Inhaftierte für die Rüstungsindustrie ausgebeutet haben. Das Konzentrationslager Bergen-Belsen ist nur eine gut halbe Autostunde entfernt vom Panzermuseum.

Einmal, erzählt Raths, habe er einen Brief bekommen. Ein Besucher habe bemängelt, warum man denn nun auch noch im Panzermuseum die Vernichtung der Juden thematisieren müsse. „Solche Reaktionen zeigen mir, dass wir alles richtig machen.“

„Wer aber den Frieden will, der rede vom Krieg“

Und so geht es im Museum viel um Motorleistung, um Bewaffnung und Munition, um Ingenieurskunst. Für Raths aber gibt es neben dieser hellen Seite auch die dunkle. „Soldaten und Soldatinnen erleben in einem Panzer an der Front maximalen Stress und Todesangst. Sie töten Menschen mit einer Hightech-Waffe und werden Sie von einer Panzerabwehr getroffen, bleibt von ihren Körpern nur noch ein Rest übrig.“

Es gibt ein Zitat Walter Benjamins. „Wer aber den Frieden will, der rede vom .“ Der deutsche Philosoph rechnete in seinem Werk „Friedensware“ mit einem leichtgläubigen Pazifismus ab. Benjamins These war, dass ein Krieg nur vermieden werden könne, wenn über seinen Schrecken, seinen „gewaltigen Ursachen, seinen entsetzlichsten Mitteln“ berichtet und erinnert werde.

Der Philosoph hat diesen Gedanken 1926 gefasst, im Nachklang der Millionen Toten auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges. Heute, im Jahr 2022, hängt das Zitat von Benjamin auf ein Plakat gedruckt am Eingang des Panzermuseums in Munster.

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Dieser Text erschien zuerst auf morgenpost.de.

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