Landtagswahl

Was Grünen-Star Habeck in der AfD-Hochburg Sachsen erlebt

Grünen-Chef Robert Habeck bei seinem Auftritt in Sachsen am vergangenen Montag.

Grünen-Chef Robert Habeck bei seinem Auftritt in Sachsen am vergangenen Montag.

Foto: MATTHIAS RIETSCHEL / Getty Images

Freiberg.  Grünen-Chef Robert Habeck ist auf Wahlkampfreise in Sachsen unterwegs. In Freiberg versucht er die Ostdeutschen von sich zu überzeugen.

Die Abendsonne steht tief über Schloss Freudenstein und scheint auf einen Mann, der Großes vorhat. Wo im Erzgebirge einst Markgraf Otto, der Reiche, im Freiberger Silber badete, ist Robert Habeck auf Stimmenfang. Eine ältere Dame, die auf den Betonstufen am Schlossplatz sitzt, klatscht verzückt in die Hände und flüstert ihrem Nebenmann zu: „Vielleicht ist das der Kanzler.“

Der Grünen-Star hat zunächst mit profaneren Dingen zu kämpfen. Der Ton ist miserabel. Nur zwei Standboxen haben die Grünen mitgebracht. Habeck und sein Mitstreiter Wolfram Günther, der grüne Spitzenkandidat für die Landtagswahl, haben mit weniger Andrang gerechnet. „Das Problem ist, dass sie so viele sind“, ruft Habeck in sein krächzendes Headset-Mikro.

Habeck versucht die AfD in Sachsen zurückzudrängen

Fast 500 Freiberger sind zum Town­hall-­Meeting mit Habeck gekommen, das die Grünen als Demonstration angemeldet haben. Auf dem Schlossplatz gilt deshalb ein Glasflaschen-, Alkohol- und Vermummungsverbot, was angesichts der Akademiker- und Kleinkinddichte absurd wirkt. Da hat Freiberg schon ganz andere Sachen von rechts gesehen.

In der nach der Wende mit vielen Millionen herausgeputzten Universitätsstadt, die auf eine lange Silberbergbautradition zurückblickt, sorgen angehende Ingenieure aus vielen Nationen auf den ersten Blick zwar für eine weltoffene Atmosphäre. Wie im Rest Sachsens ist die AfD in der mittelsächsischen Kreisstadt aber längst ein ernstzunehmender Faktor.

Oberbürgermeister Sven Krüger erzählt, Flüchtlinge seien kein wirkliches Thema mehr. „Das kommt eher durch die sozialen Medien hoch, wenn irgendwo in Deutschland wieder ein Verbrechen passiert ist.“ Mehr werde über die Infrastruktur gemeckert. Krügers Rezept: Anpacken. Für 17 Millionen Euro wurden zwei neue Schulen gebaut, die Stadtbeleuchtung soll auf LED umgestellt werden. Den Bahnhof, ein Schandfleck, will er zurückkaufen.

Grünen-Chef Habeck skeptisch gegenüber höherem Steuersatz für Fleisch

Oberbürgermeister nach fast 20 Jahren aus der SPD ausgetreten

Im Vorjahr machte Krüger bundesweit Schlagzeilen. Er trat nach fast 20 Jahren aus der SPD aus, aus „Fremdscham“ über die Bundesspitze. „Mir tut es leid um die SPD. Die wird eigentlich gebraucht.“ Am 1. September will Krüger CDU-Ministerpräsident Michael Kretschmer wählen: „Er macht einen super Job.“ Was hält der OB vom Habeck-Rummel? Er sei gespannt, ob die Grünen Klimaschutz nicht nur Städtern, sondern auch Leuten auf dem Land schmackhaft machen könnten, „die sich Öko nicht leisten können“.

Habeck sagt, seiner Partei, die Jahrzehnte in der Nische Politik für ein kleines Milieu gemacht habe, werde jetzt Verantwortung für das große Ganze zugetraut. „Diesen Erwartungen wollen wir auf jeden Fall standhalten“, ruft er unter freundlichem Applaus, um postwendend demütig die ostdeutsche Seele zu streicheln.

Westdeutsche Grüne, „Leute wie ich“, hätten nach der Wende die Erfahrungen aus der Bürgerrechtstradition von Bündnis 90 sträflich vernachlässigt. „Wir haben nicht erkannt, was das für ein Schatz ist.“ Das betont Habeck in den Wahlkämpfen in Brandenburg und Sachsen bei jeder sich bietenden Gelegenheit.

Grüne feierten Erfolge in Leipzig und Dresden

Das Desinteresse an den grünen Schwestern und Brüdern im Osten lag auch daran, dass die über viele Jahre keine Rolle spielten. Die sächsischen Grünen waren von 1994 bis 2004 nicht im Landtag. Bei der Wahl 2014 kamen sie gerade mal auf 5,7 Prozent. Seit dem Dürresommer, Greta, „Fridays for Future“ und den erfolgreichen Europawahlen gibt es jetzt im lange tiefschwarzen Sachsen viele grüne Flecken.

In Leipzig holten sie bei Europa 20 Prozent, in Dresden 17 Prozent. Umfragen sagen den Grünen bei der Entscheidung am 1. September landesweit zwölf oder mehr Prozent voraus. Das sind keine Hammerzahlen. Aber die Sorgen der grünen Chefs, die Erfolgswelle im Westen werde im Osten brechen, haben sich verflüchtigt.

Werden Kreuzfahrten, Fleisch und Fliegen verboten?

Dabei ist dort Klimaschutz kein Selbstläufer. Viele müssen weit mit ihren Autos pendeln, der Ausstieg aus der Braunkohle bis 2038 sorgt für Ängste. Ein junger Mann will von Habeck wissen, ob mit den Grünen eine „Öko-Diktatur“ drohe. Werden Kreuzfahrten, Fleisch und Fliegen verboten? Habeck verabreicht Beruhigungspillen. Einen „Veggieday“, die Forderung nach einem fleischlosen Donnerstag, die den Grünen bei der Wahl 2013 das Genick brach, werde es nicht geben.

Überhaupt: Die Gesellschaft sei längst viel weiter als die Politik. Er persönlich finde es gar nicht schlimm, wenn einer beim „Marktbeschicker“ (so werden in Habecks norddeutscher Heimat die Marktverkäufer genannt) zehn Äpfel in eine Plastiktüte packe. „Wir sind nicht alle Engel. Wir sind verführbar, geizig, weiß der Geier was“, säuselt der grüne Beschicker. Seine Partei wolle künftig alle mit einem „Klimabonus“ belohnen, die sich ökologisch klug verhielten.

Habeck bringt Zwei-Grad-Ziel und Zwei-Prozent-Ziel durcheinander

Habeck räumt ein, dass selbst mit Umsetzung aller grünen Maßnahmen das im Pariser Weltklimavertrag angepeilte Ziel unsicher sei, bis 2050 die Erderwärmung auf zwei Grad oder weniger zu begrenzen. Mehrfach spricht Habeck statt vom Zwei-Grad- vom Zwei-Prozent-Ziel. Letzteres gilt für die Militärausgaben der Nato-Staaten gemessen an der Wirtschaftsleistung – aber die Außen- und Sicherheitspolitik ist ja das Feld von Co-Chefin Annalena Baerbock.

Nicht perfekt vorbereitet ist Habeck beim Thema Lithium. Der seltene Rohstoff wird in Südamerika teils unter menschenunwürdigen Bedingungen gewonnen und als Leiter für E-Auto-Batterien verwendet. Lithium könne in Deutschland und Sachsen nicht abgebaut werden, behauptet Habeck. Da tuscheln die Freiberger. Ein Student klärt den Ex-Landesumweltminister aus Flensburg auf, dass in den alten Silberminen im Erzgebirge Lithium-Vorkommen von mehr als 100.000 Tonnen vermutet werden.

Nur ein einziges Mal erwähnt Habeck die Flüchtlinge

Habecks Stärke ist seine Empathie. Geschickt dimmt er Heilserwartungen an die Grünen herunter. Niemand nimmt ihm übel, dass er unkonkret bleibt. Die Kanzlerin lässt grüßen. „Die Vorstellung, dass 100 Prozent der Menschen in Sachsen oder Deutschland die Grünen wählen, ist dann auch ein Albtraum.“ Nur ein einziges Mal erwähnt er die Flüchtlinge. Wer sich als guter Mitbürger integriert habe, müsse hierbleiben dürfen.

Dann sind 97 Minuten vorbei. Habeck wertet Treffen wie in Freiberg als „Kraftquellen“, die Mut für ganz Sachsen machten. Eine Zuhörerin sieht das explizit anders. Das Meeting mit dem Grünen, das wie ein hochklassiges Hauptseminar ablief, spiegele nicht die Normalität in der Stadt wider. Das Klima nehme sie als aggressiv wahr. Da kann selbst Freibergs Oberbürgermeister Krüger nicht komplett widersprechen: „Es gibt einen gewissen Teil der Leute, die haben ihren Empfänger auf schlechte Nachrichten eingestellt.“

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