Denken

Wer Solidarität verlangt, muss sagen, wozu und mit wem

Sie war ein wenig aus der Mode geraten, jetzt ist Solidarität das Wort und das Gebot der Stunde. Aus der Geschichte wissen wir: Sie braucht Zeit.

Gut, dass es all die Krankenpfleger, Ärztinnen, Kinderbetreuer, Zuhausebleiber und Einkaufshelferinnen gibt: Sie zeigen uns, wie Gesellschaft wirklich geht. Und wer fassungslos vor den leergeräumten Nudelregalen steht oder von einem Partyrudel beim Tanz auf dem Vulkan hört, weiß dann auch, wie es nicht geht. Wie es in den Abgrund geht. Solidarität ist das Wort der Woche, das Gebot der Stunde. Selbst die Bundeskanzlerin hat es in den Mittelpunkt ihrer Rede ans Volk gestellt. Und es wird ihr nicht unbedingt leicht gefallen sein. Schließlich hat sie fast die Hälfte ihres Lebens in einem Land verbracht, in dem „Solidarität“ in jeder zweiten Parole vorkam, in jeder Parteitagsrede und tausendfach in jedem Fünfjahresplan. Solidarität kann auch zur Floskel verkommen, missbraucht werden, ja eine Werbe- und Image-Maßnahme sein. Aber dazu später.

Wer Solidarität braucht, ist arm dran. Aber noch ärmer dran ist eine Gesellschaft, die keine kennt. „Wenn jeder an sich selbst denkt, ist an alle gedacht“? In Zeiten der Corona-Krise wird plötzlich klar, wie dumm und tödlich der Zynismus dieser Redensart sein kann, die das Grundprinzip der marktliberalen Ordnung auf das Verhalten der Einzelnen in der Gesellschaft herunterbricht.

Die Stärke der Gemeinsamkeit

Wir lernen gerade wieder, Solidarität als Verhaltensweise, ja als Wert zu schätzen.

Sie war ein bisschen aus der Mode geraten. Solidarität war in der Geschichte verbunden mit der Entdeckung, dass viele Einzelne mit einem gemeinsamen Willen weitaus mehr erreichen können als jeder Einzelne für sich. Und während das in den Sklavenaufständen bei den Römern oder den Bauernkriegen im ausgehenden Mittelalter noch erfolglos ausging, stürzte die Solidarität der Unterprivilegierten in der Französischen Revolution von 1789 eine ganze Gesellschaftsordnung. Damals war die Solidarität aber nicht nur Mittel zum Zweck, sie wurde zum Ziel, zum allgemein anerkannten Wert, zum Ideal: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Worin auch die Wahrheit steckt, dass Solidarität letztlich nur unter Freien und Gleichen möglich ist: Erzwungene Solidarität gibt es nicht, sie setzt Einsicht in ihre Notwendigkeit voraus; Diktaturen wie China brauchen keine. Und: Solidarität nach unten ist herablassende Barmherzigkeit, Solidarität nach oben fast immer Opportunismus. Deshalb müssen alle, die heutzutage von anderen Solidarität einfordern, immer auch sagen, mit wem die Menschen solidarisch sein sollen.

Man kann nicht mit dem Staat solidarisch sein und auch schlecht mit einem Hund oder einem Stein. Solidarität funktioniert am besten unter Menschen, die einander kennen – in der Verwandtschaft, unter Kollegen, in der Nachbarschaft (sofern man dort einander noch kennt). Ein Fall von Einsicht in die Notwendigkeit war denn auch die Solidarität unter Bergleuten, wie sie gerade im Ruhrgebiet so oft beschworen worden ist. Unter Tage war sie eine Lebensversicherung, über Tage war sie, mehr oder minder, Lebensform – die Knappschaftskassen sind die ältesten Rentenversicherungen überhaupt. Dass Solidarität freilich auch ihre Grenzen hat, erwies sich in den vielen, vielen Streiks, mit denen die Bergarbeiter oft nicht nur höhere Löhne, sondern auch bessere Arbeitsbedingungen erreichen wollten: Die meisten dieser Streiks scheiterten am unerbittlichen Willen der Grubenbesitzer, denen es nicht nur um ihren Profit ging, sondern auch um die Macht – darum, eine Sozialisierung dessen, was sie als ihr Eigentum ansahen, zu verhindern. Der erfolgreichste Streik, der deutschlandweite Generalstreik vom März 1920, der dem Kapp-Lüttwitz-Putsch nach nur wenigen Tagen ein Ende bereitete, mündete denn auch in einem Blutbad, als die Arbeiter im Ruhrgebiet nach der Niederwerfung des Putsches forderten, die Zechen zu Gemeineigentum zu machen.

Die Macht der Masse

Bezeichnender Weise haben die christlichen Kirchen im Zuge der Corona-Epidemie nicht etwa zur Barmherzigkeit oder zur Nächstenliebe aufgerufen, sondern zu Solidarität. Sie unterscheidet sich von der durchaus verwandten christlichen Nächstenliebe vielleicht am ehesten dadurch, dass sie ihre beabsichtigte Wirkung letztlich erst in der mehrfachen, wiederholten, ja massenhaften Ausübung erreicht, in einem großen „Wir“. Genau darin lag schon das Ziel des Begriffs „Brüderlichkeit“: die Gemeinschaft der Gleichberechtigten, die nun nicht mehr ein Königreich und das Eigentum eines Einzelnen war, sondern eine Nation, die allen gehörte, musste auch zusammengehalten werden – durch ein gemeinsames Gefühl: ein Gefühl der Verwandtschaft, das über die bloße Verfolgung gemeinsamer Interessen hinausging. Die Macht, die von einem solchen Gefühl der Volks-Gemeinschaft ausgeht, macht es allerdings auch zu einem gefügigen, hochwirksamen Mittel der Manipulation, wie es im Nationalismus und erst recht im Nationalsozialismus deutlich wurde.

Eben diese Gefühls-Komponente der Solidarität macht sie in Zeiten des Corona-Virus so schwierig: Solidarität ist Zusammenhalten, Corona aber verlangt Auseinanderbleiben. Solidarität will Umarmung, will Anfassen, will Massen miteinander, Corona erfordert Winken von ferne, Handschuhe und Mundschutz, nicht mehr als drei auf einem Fleck. Solidarität will etwas tun, die Ärmel aufkrempeln, auf die Straße gehen – und Corona erfordert Seinlassen, Geduld und Zuhausebleiben. Wie böse jetzt der französische Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal recht bekommt, der meinte, alles Unglück der Menschen rühre nur daher, dass sie nicht in der Lage seien, ruhig in ihrem Zimmer zu bleiben.

Vertrauen auf Gegenseitigkeit

Man kann Solidarität aber auch vom Gefühl ablösen, und niemand wäre dazu besser geeignet als der heimliche Staatsphilosoph der Bundesrepublik Deutschland Jürgen Habermas. Er erklärte erst im März vor drei Jahren in einem Podiumsgespräch dem damaligen Bundesaußenminister Sigmar Gabriel und dem französischen Staatspräsidenten Emanuel Macron, die solchen Nachhilfeunterricht beide gut gebrauchen konnten, das Konzept Solidarität punktgenau und ohne Sentimentalität: „Wer sich solidarisch verhält, nimmt im Vertrauen darauf, dass sich der andere in ähnlichen Situationen ebenso verhalten wird, im langfristigen Eigeninteresse Nachteile in Kauf.“ Daran wird ersichtlich, dass im Vertrauen auf die Gegenseitigkeit doch das Kalkül, doch die Vernunft und letztlich auch der wohl verstandene Eigennutz eine Rolle spielen kann, als Freiheit zur Einsicht in die Notwendigkeit.

Spenden, auch für das eigene Wohl

Und meistens lassen sich Eigen- und Gemeinnutz gar nicht so genau trennen. Die Nationalmannschaft hat 2,5 Millionen für Corona-Opfer gespendet. Und ganz abgesehen davon, dass man Typen wie Leon Goretzka durchaus abnimmt, dass es sich für ihn um einen Akt der Solidarität handelt, springt nebenbei natürlich auch noch eine Verbesserung des Images für die Mannschaft heraus, die bei der Nation nicht wegen ihres mangelnden Erfolgs bei der jüngsten Fußballweltmeisterschaft schwer in Verschiss geraten ist, sondern wegen ihrer Haltungsmängel, ihrer arroganten Millionärsmentalität. Der Autobauer Ford stoppt in den USA seine Werbekampagnen für einzelne Modelle und ersetzt sie durch Corona-Spots – vergisst aber auch nicht, das der Öffentlichkeit ausdrücklich mitzuteilen; dass die Firma Leasing-Kunden Zahlungserleichterungen anbietet, verdankt sich erst recht kaufmännischem Kalkül.

Solidarität braucht manchmal Zeit

Und manchmal zahlt sich Solidarität erst viel später aus: Kaum noch jemand weiß, dass es bei den „Stuttgarter Vorfällen“ von 1948 einen eintägigen Generalstreik gegen die Währungsreform und die Auflösung von Festpreisen für Lebensmittel gab, an dem sich rund 10 Millionen Menschen beteiligten; in Stuttgart endete diese Bewegung vor Panzern der US-amerikanischen Besatzungsmacht, doch langfristig stellte auch dieses Ereignis das Ruder der Wirtschaftspolitik in Richtung sozialer Marktwirtschaft mit Zugeständnissen an die Arbeitnehmer, die kein Streik zuvor je erreicht hätte. Auch in der DDR wurde der Streik der Arbeiter gegen die Erhöhung der Arbeitsnormen am 17. Juni 1953 zwar von sowjetischen Panzern niedergeschlagen – aber die Erhöhung der Normen wurde zurückgenommen. Letztlich bedeutete ja eine ungemein solidarische Bewegung ironischerweise auch das Ende der DDR – das wiederum einen finanziell beispiellosen Akt der Solidarität auf Seiten der Westdeutschen zur Folge hat. Die doppelte Ironie will es, dass das Ende dieses nun fast drei Jahrzehnte lang erhobenen Zuschlags möglicherweise schneller kommt als geplant: als Akt der Solidarität mit denjenigen, für die die Corona-Krise zur wirtschaftlichen Existenzbedrohung geworden ist.

Erfolgreich auch ohne Erfolg

Im Niedergang der Stahl- und Kohle-Industrie, den das Ruhrgebiet seit sechs Jahrzehnten erlebt, war Solidarität fast immer gleichbedeutend mit Kampf gegen den Abbau von Arbeitsplätzen. Immer war die ganze Region solidarisch mit denen, die sich gegen Werks- und Zechenschließungen wehrten. Und wer als Student aus der saturierten Beamtenstadt Münster 1987 nach Rheinhausen fuhr, um solidarisch mit den Krupp-Arbeitern gegen die Stilllegung des Hochofens zu protestieren, erntete bei den Westfalen nur verständnisloses Kopfschütteln. Als die wütenden Kruppianer nicht nur die Villa Hügel besetzten, sondern auch die Rheinbrücke zwischen den Duisburger Stadtteilen Hochfeld und Rheinhausen am Stromkilometer 775, begann deren Geschichte als „Brücke der Solidarität“, zu der sie dann am 20. Januar 1988 wurde, als 50.000 Stahlkocher aus allen deutschen Hüttenwerken dort demonstrierten. Am Ende aber wurde keine einzige Zechen- oder Stahlwerksschließung verhindert – aber immerhin die Solidarität der gesamten Gesellschaft mit jenen erreicht, die ihre Arbeitsplätze verlieren sollten.

Solidarität funktioniert nur wechselseitig. Dabei ist sie durchaus eine Einbahnstraße, weil sie für alle in dieselbe Richtung führt, weil alle dasselbe Ziel haben. Es geht eben auch in Zeiten, in denen es darum geht, so wenig Mitmenschen wie möglich krank werden zu lassen, um einander: nicht nur um einen selbst, sondern auch um die anderen, für die man selbst ja auch ein anderer ist.

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