Erziehung

Whatsapp-Chats: So leicht machen sich Schüler strafbar

Schüler schicken sich in Whatsapp-Gruppen einiges zu, was nicht erlaubt ist.

Schüler schicken sich in Whatsapp-Gruppen einiges zu, was nicht erlaubt ist.

Foto: Jens Kalaene / dpa

Berlin.  Hasskommentare, Mobbing und sogar Kinderpornos – Polizei und Schulen sind alarmiert wegen sinkender Hemmschwellen in Schülerchats.

  • Schon jeder Dritte in Deutschland zwischen acht und neun Jahren besitzt ein Smartphone.
  • Wer zwölf oder älter ist, hat fast immer eins.
  • Und fast immer nutzen die Jugendlichen verschlüsselte Messengerdienste für ihre Klassenchats.
  • Viele Schüler wissen nicht, dass sie sich strafbar machen, wenn sie pornografisches oder hetzerisches Material in die Schüler-Chats posten

Vor einigen Wochen bekommt Schulleiter Paul Schötz einen Anruf. Es sind Eltern von Jugendlichen aus einer seiner neunten Klassen. Es sei dringend. Als die Eltern vor Schulleiter Schötz sitzen, gehen sie einen Chat durch, einen Kanal beim Messengerdienst Whatsapp, in dem sich 29 Schüler austauschen.

Einige Neuntklässler hatten ihren Eltern berichtet, dass sich manche dort nicht nur über Hausaufgaben oder Klassenarbeiten austauschen: Sondern über Hakenkreuze, Sprüche machen über die Vernichtung der Juden in Gaskammern – und ein Lied tauchte auf, das aus der NS-Zeit stammt und heute in der rechtsextremen Szene weit verbreitet ist. Der Liedtext ruft dazu auf, Juden mit Messern zu töten.

Schüler hatten Fotos aus dem Chat als Beweise gespeichert. So erzählt es der Schulleiter im Gespräch mit unserer Redaktion. Schötz verkündete den Eltern: „Ich muss die Polizei einschalten.“

Whatsapp: Verfassungswidrige Inhalte auf Handys von Minderjährigen

Kurz darauf rückten die Beamten an, beschlagnahmten die Handys der Schüler in der neunten Klasse. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt gegen mehrere Jugendliche, auch wegen der Verwendung verfassungswidriger Kennzeichen. Vor allem der Schüler, der das Kampflied der Nationalsozialisten in der Chatgruppe verbreitet hatte, steht im Fokus. Am Gymnasium im bayerischen Grafing herrscht seither Alarmstimmung.

Schötz schrieb einen Brief an die Eltern, in dem er über den Vorfall informiert. Die Schule sei „bestürzt“ über die „abstoßenden und brutalen Inhalte“. Der Schulleiter mahnte in dem Schreiben auch den „verantwortungslosen und unkontrollierten Umgang mit dem Smartphone“ an. Er bat die Eltern: „Wenn Ihnen problematische Inhalte jedweder Art in sozialen Medien Ihrer Kinder bekannt werden, zögern Sie nicht, sich vertrauensvoll an uns zu wenden.“

Chats: Von Enthauptungen bis hin zur Kinderpornografie

Schon jeder Dritte in Deutschland zwischen acht und neun Jahren besitzt ein Smartphone. Wer zwölf oder älter ist, hat fast immer eins. Und fast immer nutzen die Jugendlichen verschlüsselte Messengerdienste für ihre Klassenchats.

Unsere Redaktion hat mit Lehrern gesprochen, mit Verbänden, mit dem Bundeskriminalamt, mit Rechtsanwältinnen und Medientrainern. In allen Gesprächen war der Tenor deutlich: Radikalisierung und Verrohung in Schülerchats ist ein großes Problem, Hemmschwellen sinken.

An einer Schule in Sachsen-Anhalt flog ein Chat mit Hetze auf, weil ein Schüler versehentlich seine Eltern in die Gruppe einlädt. Eine andere Gruppe wurde aufgedeckt, weil ein Mädchen zusammengebrochen war, als im Klassenchat ein Video geteilt wurde, in dem ein Mann mit einer Kettensäge enthauptet wird. In einem sächsischen Gymnasium ermittelte der Staatsschutz, weil Schüler im Klassenchat mit „Sieg Heil“ grüßten.

Immer wieder werden Fälle öffentlich. Und dennoch ist die größte Sorge von Schulen und Polizei: Die Schülerchats bleiben im Verborgenen, ohne dass Eltern oder Lehrer etwas von Hasskommentaren, frauenfeindlichen Sprüchen und sogar dem Verbreiten von Kinderpornografie erfahren.

Hass und Hetze existieren in jeder Schulform

Eine, die tiefe Einblicke in die verschlüsselte Welt an deutschen Schulen bekommen hat, ist die Rechtsanwältin Gesa Stückmann. An einem Novembermorgen schaltet sie den Monitor ihres Computers ein, per Video ist sie in mehrere Klassen eines Gymnasiums zugeschaltet. Über den Bildschirm flackern Fotos mit rassistischen Sprüchen, mit Hitler-Bildern, auch Gewaltvideos schneidet Stückmann an, ohne die Taten zu zeigen. Sie will demonstrieren, aber trotzdem nichts verherrlichen.

Eine ganze Sammlung verfassungsfeindlicher und volksverhetzender Dokumente aus Schüler-Chatgruppen besitzt Stückmann schon, oft zugesandt von Schulsozialarbeiterinnen oder Lehrern. Seit mehreren Jahren gibt die Juristin Video-Seminare, klärt Fünftklässler oder Neuntklässler über die Rechtslage auf, gibt Tipps für die Pädagogen. „Ich bekomme Rückmeldungen von Nordrhein-Westfalen bis Sachsen, von Gymnasien bis Berufsschulen.“ Hass und Hetze sind nicht begrenzt auf Regionen und Schulformen.

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Whatsapp: Teenager sind schutzlos vor den ständigen Nachrichten

Auch früher haben Schüler fremdenfeindliche Sprüche auf dem Schulhof gemacht, andere gemobbt und niedergemacht. Aber etwas hat sich durch die Chats verändert. Wer in einem verschlüsselten Raum einen anderen Menschen beleidigt, sieht nicht, wie der andere reagiert. Das ist im Klassenzimmer anders. Junge Menschen stehen sich dort gegenüber. Chatgruppen sind anonym. Manchmal ist den Jugendlichen gar nicht klar, wer alles Teil der Gruppe ist.

Und anders als der Unterricht machen Chatgruppen keine Pausen. Oft posten Schüler spät am Abend oder sogar nachts. Wer gemobbt wird, hat auch im Teenager-Zimmer keinen Schutz.

In Chatgruppen verschwimmen Grenzen – oder werden überschritten. „Manche Schüler gehen aus den Gruppen raus. Für andere werden diese Chats zu einem Wettbewerb, nach dem Motto: Kann ich noch krasseres Material posten? Gehe ich noch weiter als andere?“, berichtet Juristin Stückmann.

Schüler sind selten Neonazis, aber häufig Straftäter

Auch Schulleiter Schötz erzählt, dass manche Jugendliche in dem Chat gesagt hätten, dass das nicht in Ordnung sei. „Andere sagten: Wieso? Ist doch lustig. Teilweise waren Schüler an rechtsextremen Posts in der Chatgruppe beteiligt, die selbst aus Zuwandererfamilien kommen und sogar in der Flüchtlingshilfe aktiv sind“, erzählt Schötz.

Aus Sicht der Experten sind die Jugendlichen jedoch nur selten überzeugte Neonazis. Es gehe vielmehr darum, zu provozieren, Mitschüler zu beeindrucken. Nur: Viele wissen nicht, dass ihre „Provokationen“ Straftaten sind.

Wer ein Hakenkreuz verbreitet, dem drohen Geldstrafen oder sogar Haft. Wer volksverhetzende Sprüche bringt, der muss mit bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe rechnen. Für den, der kinderpornografisches Material verbreitet, gilt dasselbe: drei Monate bis fünf Jahre Haft sieht das Gesetz vor.

Behörden greifen durch – und machen Razzien bei Schülern

„Aber schon wer in einer Chatgruppe ist, in der Kinderpornografie verbreitet wird, macht sich strafbar: Denn auch der Besitz wird mit bis zu einem Jahr Haft bestraft“, sagt Stückmann. Vor allem Administratoren von Chats stehen rechtlich in der Verantwortung, denn sie müssen strafrechtlich relevante Posts löschen. Auch in harmlosen Schülergruppen.

Klar ist auch: Für Jugendliche gilt ein geringeres Strafmaß. Häufig werden Ermittlungen ohnehin eingestellt. Gerade weil das Phänomen neu ist, weiß die Justiz noch nicht, wie sie reagieren sollen. Das Verfahren gegen die Schüler am Gymnasium Grafing läuft nach Angaben der Staatsanwaltschaft noch.

Und so könnten erste Urteile bald folgen. Denn die Strafverfolgungsbehörden nehmen Schülerchats deutlich stärker in den Blick. Ende Oktober gab das Bundeskriminalamt dazu eine Pressekonferenz. Zuvor gab es Razzien bei Schülern, die Beamten durchsuchten 21 Wohnungen, Handys, Computer, Spielkonsolen wurden beschlagnahmt. Der Vorwurf: Verbreitung von Kinderpornografie. Die Tatverdächtigen sind fast alle unter 18 Jahre.

WhatsApp: Internationale Zusammenarbeit bei kinderpornografischen Material

Für die „Operation Leichtsinn“ will das BKA viel Aufmerksamkeit erzielen. Denn: Die Ermittler erkennen, dass Videos mit Kindesmissbrauch in Schülerchats häufiger geteilt werden. „Die Darstellungen wurden meist mit vermeintlich lustigen Kommentaren oder Musik versehen“, sagt Markus Koths, Leitung Cybercrime beim Bundeskriminalamt.

Das zeige auch, dass die Täter nicht pädophil sind. „Aber wir sagen ganz klar: Das ist kein Spaß – hinter jedem dieser Videos oder Bilder steckt ein missbrauchtes Kind“, sagt Ermittler Koths.

Regelmäßig bekommt die deutsche Polizei aus den USA Hinweise auf kinderpornografische Filme oder Fotos übermittelt. Vor allem zwei Videos fielen zuletzt auch unter deutschen Schülern auf: Das eine zeigt laut BKA, wie zwei Jugendliche mutmaßlich in Afghanistan ein Kind vergewaltigen. In dem anderen Video werden Kinder, wohl aus den USA oder Kanada, dazu gezwungen, sexuelle Handlungen an sich vorzunehmen.

Wer sich wehren will, muss laut sein

Auch Sandra Rüger bekommt immer wieder Anrufe von Schulen. In einer achten Klasse habe ein Mädchen aus einer türkischen Familie von einem anderen Jugendlichen Penisbilder über einen Whatsapp-Chat zugeschickt bekommen. „Für sie war das mit großer Scham behaftet“, erzählt Rüger. Die selbstständige Social-Media-Managerin gibt seit zehn Jahren Workshops an Schulen. Lange habe sich die Schülerin nicht getraut, mit jemanden über die Chats zu sprechen. „So geht es vielen jungen Mädchen.“

In einem anderen Fall haben Jugendliche an einer Schule in Niedersachsen Hitlergrüße, Hakenkreuze und rechtsextreme Sprüche in Chatgruppen verschickt. „Es ging von den Klassenstufen sechs bis neun, viele Jugendliche machten mit.“

Wer als junger Mensch selbst von Mobbing betroffen ist oder Hassparolen in Chats widersprechen will, rät Rüger „laut“ zu sein. „Die Kinder wissen, wie es auf der Straße richtig ist: Wenn du dort von einem Fremden unangenehm angesprochen wirst, musst du laut sein, um dir Hilfe zu holen.“ Genauso funktioniere es im digitalen Raum.

Schulleiter: Auch Eltern in der Pflicht – Schule umbenannt

Auch das Bundeskriminalamt setzt im Kampf gegen Hetze und Gewalt in Schülerchats nicht nur auf Strafverfolgung, sondern auch auf Bildung. „Hier wäre zum Beispiel die Einführung von Medienkompetenz als Schulfach ein wichtiger Schritt“, sagt Ermittler Koths.

Schulleiter Schötz hat den beschuldigten Schülern an seinem Gymnasium bereits Konsequenzen angedroht. Von der Schule schmeißen wolle er sie aber nicht. „Wir setzen darauf, dass die Schüler aus ihren Fehlern lernen.“ Und Schötz setzt auf die Eltern.

In dem Brief appelliert er an die „Erziehungspartnerschaft“ zwischen Eltern und Schule. Väter und Mütter sollten mit ihren Kindern über Fremdenfeindlichkeit und Medienmissbrauch sprechen.

Schötz habe die Hetze gegen Juden in dem Schülerchat ganz besonders getroffen, weil er den Kampf gegen Diskriminierung als eine „Hauptaufgabe der Erziehungsarbeit“ sehe. Seit Januar ist sein Gymnasium Grafing auch nach Max Mannheimer benannt, Schülerinnen und Schüler hatten sich für den neuen Namen eingesetzt.

Mannheimer hatte den Schülern in Grafing immer wieder aus seinem Leben erzählt. Vor drei Jahren starb er. Mannheimers Familie wurde 1943 von den Nationalsozialisten in das Vernichtungslager Auschwitz verschleppt, weil sie jüdisch war. Nur Max und einer seiner Brüder überlebten den NS-Terror.

Infos zu Medienkompetenz und Verantwortung von Kindern und Jugendlichen:

Ab wie viel Jahren sollten Kinder eigentlich ein eigenes haben dürfen. Ein Ratgeber für alle Altersklassen. Doch welche Geräte eigenen sich, wie sichert man die Displays: Alles zu Geräten und Sicherheit. Vielen Eltern ist nicht klar, dass eine erhöhte Bildschirmzeit und ein hoher Medienkonsum für Kinder schädlich sein kann.

Ob nun Tablet, TV oder Handy, je nach Alter variieren die Bildschirmzeiten, zu viel kann schädlich für die Gesundheit sein. Unsere Autorin schreibt über ihre Instagram-Sucht und was das mit ihrer Psyche macht. Grundsätzlich sagt sie, schöne, verlorene Stunden des Glücks sind.

Mehr zum Thema: Antisemitische Lieder nach KZ-Besuch: Was den Schülern droht

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