Rechtsextremismus

Wie Neonazis ein kleines Dorf am Niederrhein verstören

Das Grundstück von Kevin G. in Hoerstgen.  Foto: FUNKE Foto Services

Das Grundstück von Kevin G. in Hoerstgen. Foto: FUNKE Foto Services

Foto: FFS / FUNKE Foto Services

Hoerstgen.  Hoerstgen ist ein Dorf mit 1000 Einwohnern. Mit der Ruhe ist es vorbei, seit ein Rechtsextremist in dem Dorf ein Grundstück erworben hat.

In der kleinen evangelischen Kirche von Hoerstgen stehen an einer Wand die Namen der Gefallenen des Zweiten Weltkriegs, wie in so vielen anderen Kirchen am Niederrhein. In Hoerstgen stehen allerdings auf dieser Wand die Namen der jüdischen Bürger, die dem Nazi-Terror zum Opfer fielen. Darauf hatte seinerzeit Eduard Hesse bestanden, der ein Vierteljahrhundert Pfarrer in Hoerstgen war. Ein unerschrockener Mann, der während der Nazi-Zeit Widerstand leistete und seinen Bruder im KZ verlor. Gegenüber der Kirche an der Dorfstraße wird die Nazi-Zeit verherrlicht. Dort hat vor einigen Jahren ein Rechtsextremist ein Grundstück erworben, auf dem er mit Gesinnungsgenossen regelmäßig feiert. Einige Bürger halten dagegen.

Ausrichtung: Glorifizierung des Nationalsozialismus

Das Grundstück gegenüber der Kirche gehört Kevin G.. Er ist ein alter Bekannter des Verfassungsschutzes, der ihn als Neonazi einstuft. G. ist seit den neunziger Jahren Jahren aktiv, mehrfach vorbestraft, und gründete unter anderem die „Kameradschaft Moers-Rheinberg“. Jetzt ist er der Anführer der „Volksgemeinschaft Niederrhein (VGN)“. Die ideologische Ausrichtung der VGN sei die „Glorifizierung des Nationalsozialismus“, so die Verfassungsschützer, zudem verbreite sie „fremdenfeindliche Propaganda“.

Aus seiner Gesinnung macht G. keinen Hehl. Über dem Grundstück flattert eine große Reichskriegsflagge, umgeben ist es von einem schwarz-weiß-roten Zaun. Auf dem Nummernschild eines Lieferwagens des Umzugsunternehmens, für das seine Frau Lisa G. verantwortlich zeichnet, prangt die Buchstabenfolge HH (für „Heil Hitler“) und die Zahlenfolge 1488 (Nazicode für die „14 Wörter“ eines von einem US-Rassisten formulierten Glaubenssatzes, in dem das Überleben der arischen Rasse gefordert wird, sowie die Buchstaben HH, also erneut „Heil Hitler“).

Das Grundstück mit Wohnhaus, Nebengebäuden und einem großen Garten hat G. 2015 oder 2016 gekauft, berichtet Stefan Maser, der seit 22 Jahren evangelischer Pfarrer in Hoerstgen ist. Seitdem finden gegenüber der Kirche an den Wochenenden regelmäßig Veranstaltungen statt, unter anderem rechtsextremistische Balladenabende.

Briefaktionen für „nationale Gefangene“

Die VGN berichtet selbst von Briefaktionen für „nationale Gefangene“, etwa für die notorische Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck, einer Ikone der rechtsextremen Szene. „Ich biete einen Ort des Rückzugs, einen Ort, an dem man Kraft tanken kann“, wirbt G. in einem kürzlich veröffentlichten Video.

Für die Anwohner in dem 1000-Einwohner-Dorf sind die Nachbarn vor allem eins: ein Ärgernis. Zu den Veranstaltungen kommen Gäste aus ganz NRW, 25 Autos sind keine Seltenheit. Im Umfeld der Veranstaltungen tauchen immer wieder entlang der Dorfstraße massenhaft Nazi-Aufkleber auf, die Trafohäuschen des RWE an den Ortseingängen wurden in schwarz-weiß-rot besprüht.

„Bei Veranstaltungen hört man auch mal Parolen wie ‚unser Führer Adolf Hitler‘“, erzählt Pfarrer Maser. Mit einigen Bürgern hält Maser gegen den braunen Spuk. Er hat G. in einem Gespräch deutlich gemacht, dass „ich nicht zu dem schweigen werde, was von ihrem Grundstück ausgeht“. Er weiß: Rechtlich sind der Stadt die Hände gebunden. „Die bleiben fast immer unter der Grenze des Sagbaren“.

Maser berichtet aber auch von Einschüchterungsversuchen. Leuten, die mit Ku-Klux-Klan-Kapuze durch das Dorf laufen, Leuten, die Beile in der Hand halten, Leuten, die vor seiner Tür stehen und laut seinen Namen vorlesen. Bei einem Ehepaar in direkter Nachbarschaft seien ein Stein ins Fenster geflogen und Reifen zerstochen worden.

Polizei im Kreis Wesel hat ein „wachsames Auge“ auf Hoerstgen

Die Polizei fahre an der Dorfstraße öfter Einsätze, formuliert ein Sprecher der Kreispolizeibehörde. „Wir haben ein wachsames Auge auf die Vorgänge in Hoerstgen.“ Kamp-Lintforts Bürgermeister Christoph Landscheidt bezeichnet das Treiben als „störend“, aber wiegelt ab: „Wir nehmen das ganz niederschwellig war“. Es sei eben auch „ein Streit unter Nachbarn.“

Wie groß die „Volksgemeinschaft Niederrhein“ ist, ist unklar. Auf einem Bild auf der Internetseite der Truppe posiert ein gutes Dutzend Neonazis. Maser schätzt, dass ihr 20 Leute angehören. Auf den einschlägigen Demonstrationen etwa der neonazistischen Partei „Die Rechte“ tauchen die VGNler nicht auf, sie dürfen nicht mitmarschieren.

Kevin G. gilt in der Szene als Verräter

Für den größten Teil der Szene in NRW gilt G. als Verräter, weil er sich Anfang der 2000er Jahre dem Verfassungsschutz angedient haben und Geld vom Innenministerium genommen haben soll. Zuletzt erschienen Mitglieder der VGN mit einem Banner Anfang Juni bei bei einer Demonstration der rechtsextremen Organisation „Mönchengladbach steht auf“, die von einem der Gründer von „Hooligans gegen Salafisten“ ins Leben gerufen wurde.

G. war für unsere Redaktion nicht erreichbar. Seine Ehefrau wollte sich auf Anfrage nicht äußern.

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