Rechtsextremismus

Wie Neonazis ihre Ideologie auf Spotify und Co. verbreiten

Themar: Wie Neonazis mit Rechtsrock mobilisieren
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Berlin.  Rechte Bands tummeln sich auf Streamingdiensten. Spotify, Deezer und Co. distanzieren sich vom Hass – sind aber häufig machtlos.

Bevor die verzerrten Gitarren und das Schlagzeug einsetzen, ist nur die Stimme zu hören. Sven S., Neonazi-Aktivist, verkündet eine Botschaft, spricht vom „Lebenswillen unseres Volkes“, sagt, dass „Musik eine Waffe“ sei. „Sei Teil der Armee, die lieber sterben wird, als in Knechtschaft zu leben.“

Dann beginnen Instrumente und Gesang. In dem Lied ist von „Volksgemeinschaft“ die Rede, von „Widerstand“ und vom „freien Volk“, das „im Metronom marschiert“.

Die Stimme des Sängers gehört Philipp N., bekannter Neonazi. Die Band heißt: Flak. Andere Songs tragen ebenso klare rechtsradikale Parolen. „Der Schuldkult ist uns einerlei, egal was damals einst geschah, Deutsch zu sein ist wunderbar“, heißt es in „Auf ein Wort“.

Nazi-Songs sind auf Spotify frei verfügbar

Auch wenn die Band es nicht explizit ausdrückt – mit „egal“ meint die Gruppe hier auch die Vernichtung von sechs Millionen Juden durch die Nationalsozialisten. Mit wenigen Klicks ist das Lied mit der Neonazi-Botschaft auf Streamingplattformen wie Spotify und Deezer im Internet zu finden,. Ganz legal, verfügbar für Erwachsene wie für Jugendliche.

Rechtsextreme Rockmusik gibt es über Szene-Versandhäuser im Internet zu kaufen, Neonazis verbreiten Platten auf Rechtsrock-Festivals. Doch die Bands sind auch auf sogenannten Streamingplattformen im Internet zu finden, nicht nur einzelne Gruppen, sondern etliche.

„Neonazi-Bands haben sich neben Festivals und dem Versandhandel längst neue Wege für den Vertrieb ihrer Musik erschlossen“, sagt Miro Dittrich, Rechtsextremismus-Experte der Amadeu Antonio Stiftung. „Die Streamingdienste sind ein wichtiger Baustein, mit dem Rechtsextremisten online ihre Ideologie verbreiten.“

Auswahl auf Spotify: 50 Millionen Lieder

Die Plattformen würden sich gerade unter Kindern und Jugendlichen wachsender Beliebtheit erfreuen, schreibt Thomas Salzmann von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) auf Nachfrage dieser Redaktion. „Insoweit ist es nicht verwunderlich, wenn versucht wird, Streamingdienste zur Verbreitung extremistisch motivierter Musik zu nutzen.“

Das

Die Firma bietet seinen Kunden nach eigenen Angaben über 50 Millionen Lieder an.

Jeder Nutzer kann Anbieter wie Spotify, Deezer, Bandcamp oder Soundcloud kostenfrei und mit Werbung abonnieren, oder gegen Gebühren ein „Premium“-Konto abschließen, werbefrei. Auch Apple, Google und Amazon bieten diese Plattformen an. Weltweit sind es Millionen Nutzer.

Szene erkennt die Andeutungen

Die Idee: Musik ganz bequem zum Beispiel über das Handy hören, unterwegs, mit eigenen Lieder-Mixen. Die Plattformen präsentieren so gut wie alle namhaften Künstler von Madonna und Helene Fischer bis Queen. Und auch Szene-Musik wie Black Metal, Hardcore oder Deutsch-Rap.

Firmen wie Spotify schließen Verträge meist mit Plattenfirmen ab, zahlen Geld pro abgespielte Songs. Ein Teil davon fließt an die Künstler.

– und den haben auch Rechtsrock-Bands im Visier. Experten sehen darin eine Gefahr. „Oftmals sind die Botschaften eindeutig, auch wenn sie nicht illegal sind, da beispielsweise nicht zu Gewalt aufgerufen wird“, sagt Flemming Ipsen von jugendschutz.net.

Oftmals seien in den Liedern Andeutungen versteckt, die von der Szene aber genau erkannt würden. „Doch gerade junge Menschen hinterfragen diese Musik oftmals nicht.“ So können sie an immer „härtere und drastischere Inhalte herangeführt“ werden, warnt Ipsen.

Bands heißen Stahlgewitter und Blutzeugen

Im Sommer 2017 reisten rund 6000 Neonazis ins thüringische Themar. Sie veranstalten dort das Festival „Rock gegen Überfremdung“. Es wird eines der größten Rechtsrock-Konzerte Deutschlands. Unter den Bands auch Flak von Philipp N., aber auch Stahlgewitter oder Blutzeugen.

Jedes Jahr veranstaltet der NPD-Funktionär Thorsten Heise im sächsischen Ostritz das „Schild und Schwert Festival“, auch hier treten Bands der Szene auf, Terrorsphära, Sturmwehr oder Nahkampf.

Pro Quartal sind es Dutzende Konzerte oder Liederabende, allein im Sommer 2017 besuchten 11.000 Personen Rechtsrock-Konzerte in Deutschland. Viele dieser Bands finden sich bei Spotify oder anderen Streamingdiensten, das zeigt eine Recherche unserer Redaktion.

Terrorsphära ist mit Songs auf Spotify und Deezer vertreten. Die Band gilt als das musikalische Aushängeschild des rechtsextremen Labels „Opos Records“. Genauso: Feindnah. Die Gruppe erscheint bei dem Szene-Versand „GWT Produktionen Leveler Records“. GTW steht für „Glaube, Wille, Tat“. Auf Soundcloud finden sich der Titel „Menschenfeind“ der Gruppe Blutzeugen oder das Lied „Kameraden“ von Nahkampf. Die Neonazi-Band singt: „Wir werden weiterkämpfen. Das Deutsche Reich ist unsere Richtung“.

Rechter Rap auf Spotify im Kommen

Die Liste der Rechtsrock-Bands auf Plattformen wie Spotify, Deezer und Co. lässt sich fortsetzen, etwa mit Bands wie Übermensch und Nordfront. Nicht nur Rechtsrock verbreiten die Plattformen, auch rechte Rapmusik wie von dem Cottbusser Interpreten Bloody 32, der in seinem Lied „Europa fällt“ skandiert: „Und wir kämpfen für die Freiheit einer ganzen Nation, stürzen die Tyrannen heute von ihrem Thron“.

Und gerade erst begrüßte der Rapper Chris Ares seine Fans auf Spotify. In seinem Lied „Du mein Deutschland“ rappt er von der „BRD“ als „Multikulti-USA-Schlaraffenland“ und den „Feinden“, die „dich so vergiftet haben“.

Ein Ares-Anhänger schreibt, endlich habe er es geschafft, dass man ihn auch auf den Streamingdiensten hören könne. Und: „Du bist ein Vorbild für jeden deutschen Patriot“. Klare Botschaften.

Gefährlicher Automatismus

Eine Gefahr sehen Experten durch besondere Funktionen vieler Musik-Plattformen. Hört ein Nutzer etwa Deutschrock oder Metal, schlägt der Streamingdienst automatisch „ähnliche“ Bands vor, oder „was anderen Fans gefällt“. Wer die Band Übermensch auf Spotify hört, bekommt Musik von Anthrazit oder Überzeugungstäter vorgeschlagen, weitere einschlägige Rechtsrock-Gruppen.

Ein Journalist des Magazins „Vice“ ist vor einigen Monaten mit einem neuen Konto bei Spotify eingetaucht und landete über populäre und umstrittene, aber nicht rechtsextreme Bands wie Freiwild und Böhse Onkelz nach eigenen Angaben bald bei der ersten Strophe des Deutschlandliedes, „Deutschland, Deutschland über alles“. Gesungen von Sacha Korn, der laut Verfassungsschutz 2018 bei einem Rechtsrock-Konzert in Potsdam spielte.

Dieser Automatismus des Vorschlagens der Musikplattformen ermögliche, dass Nutzer „schnell von unpolitischem Deutschrock auf rechte und dann auch extremistische Inhalte gelenkt werden“, sagt Ipsen von jugendschutz.net. „Hier bleiben dann rassistische Songtexte unwidersprochen stehen neben Schlagermusik und Pop-Hits.“ Die Neonazi-Band Flak etwa ist bei dem Anbieter „Google Play Music“ unter dem Genre „Metal“ gelistet. Das klingt erstmal harmlos.

„Regelmäßige Stichproben“

Der Verfassungsschutz hat auf Nachfrage keine tiefergehenden Erkenntnisse über die Aktivitäten von Rechtsrock-Bands auf Streamingplattformen. Das Gesetz erlaube ihnen eine „flächendeckende Beobachtung“ hier nicht, heißt es. Und die Politik hat sich mit Maßnahmen gegen Hassparolen bis jetzt vor allem auf die sozialen Netzwerke Facebook, Twitter und Youtube konzentriert.

Die Firmen selbst reagieren unterschiedlich auf Fragen unserer Redaktion. Beispiel Deezer: Nach eigenen Angaben bietet die Plattform 56 Millionen Titel an, täglich kommen 30.000 bis 40.000 neue dazu. „Trotz vertraglicher Vereinbarungen, zahlreicher Titelfilter und regelmäßiger Stichproben“ sei es „kaum möglich, alle neuen Inhalte zu überprüfen“, schreibt eine Sprecherin. Dennoch sagt sie auch: „Sollten Inhalte gegen geltendes Recht verstoßen, werden sie unmittelbar gelöscht.“

1400 Titel auf dem Index

Eine Sprecherin von Spotify antwortet nur allgemein, nicht auf einzelne Fragen. Grundsätzlich gilt dort: „Spotify toleriert absolut keine indizierten Inhalte oder solche, die geeignet sind, in irgendeiner Weise Feindseligkeit zu erzeugen – sei es aus rassistischen, religiösen oder anderen Gründen.“ Gesperrt werden vor allem die Titel, die auf dem Index der Behörde stehen.

Ähnlich antwortet Deezer. Beide Unternehmen sprechen sich klar gegen Hassbotschaften und diskriminierende Inhalte aus. Bei beiden Anbietern können Nutzer Inhalte melden, die sie für gefährlich halten.

Deezer hat nach eigenen Angaben zudem ein „Redaktionsteam“ gegründet, das „jeden Fall individuell prüft“. In der Vergangenheit habe Deezer fremdenfeindliche Inhalte und Hassparolen entfernt. Man werde „nicht zögern, dies in Zukunft wieder zu tun“. Auch Spotify hat „Community Manager“, die in bestimmten Fall Inhalte sperren und sogar Vertragspartner blocken.

Beim Vorgehen gegen extremistische Bands orientiert sich Spotify nach eigenen Angaben am Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien. Dort sind aktuell mehr als 1400 Titel gelistet, sie zu verbreiten oder für sie zu werben, ist verboten. Darunter Lieder der Gruppen „Kraftschlag“, „Stahlkappen“ oder „Endlöser“. Darunter auch Songs von Musiklabels, die mit anderen Liedern auf Spotify und anderen Streamingdiensten vertreten sind.

Viele Lieder sind völkisch, aber legal

Stichproben zeigen, dass indizierte Songs gesperrt oder auf den meisten großen Plattformen nicht auffindbar sind. Für die Unternehmen wie Deezer und Spotify bleibt der Umgang mit rechtsextremer Musik jedoch eine schwierige Gratwanderung.

Die Inhalte sind oft abstoßend und martialisch, nicht selten völkisch und rechtsradikal. Doch sie sind nach Ansicht der Behörden von der Meinungsfreiheit gedeckt. Sie sind legal.

Und auf den Index kommen keine politische Ausrichtungen, sondern aus Sicht der Behörden „gefährliche Inhalte“, also Lieder, die zu Gewalt aufrufen oder Krieg und Nationalsozialismus verherrlichen.

Diesen schmalen Grat kennen auch die Rechtsrock-Bands, sie spielen nach Ansicht des Experten Miro Dittrich mit der „Grenze zum Verbotenen“. Und wenn Songs und Bands durch Firmen wie Spotify gesperrt werden, weichen viele einfach aus: auf Youtube oder gleich auf soziale Netzwerke wie das russische „vk.com“, auf denen deutlich weniger kontrolliert wird.

„Firmen müssen stärker löschen“

Wer es schafft, seine Musik auf Streamingdiensten zu verbreiten, verbreitet auch seine Ideologie. Und rechtsextreme Bands und Plattenfirmen verdienen Geld. Firmen wie Spotify und Deezer schließen Verträge mit Labels ab. Bei Deezer gehen nach eigenen Angaben mehr als 70 Prozent der Einnahmen an Musiklabels und Rechteinhaber der Lieder.

Die Einnahmen von Neonazi-Bands dürften gering sein, denn auch die Hörer-Zahlen der Gruppen sind im Vergleich zu namhaften Künstlern verschwindend klein. Und doch sehen Fachleute die Unternehmen noch stärker in der Pflicht, gegen rechte Musik vorzugehen.

„Sie müssen auch Inhalte stärker löschen, die zwar legal, aber klar menschenverachtend sind“, sagt Ipsen von jugendschutz.net. Denn Musik sei „Teil einer rechtsextremen Erlebniswelt zwischen Rock-Festivals, Gedenkmärschen und Kampfsport-Events“.

Die Neonazi-Band Flak mit ihrem Frontmann Philipp N. ist mit ihren rechten Parolen nicht nur auf Deezer zu finden. Mitte Juni schreibt die Band auf ihrer Facebook-Seite: „Wer auch immer das hochgeladen hat: Danke dafür“. Dazu ein Foto: Das Album „Der Maßstab“ läuft nun auch auf der weltweit beliebtesten Plattform Spotify.

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