Impfungen

Impfpflicht soll Masern besiegen – das muss man dazu wissen

Impfungen sollen Masern ausrotten.

Impfungen sollen Masern ausrotten.

Foto: Ralf Hirschberger / dpa

Berlin/Brüssel  Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat ein Gesetz zur umstrittenen Impfpflicht vorgestellt. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

Die Masernimpfpflicht für Kita- und Schulkinder soll kommen – wer sich künftig widersetzt, muss bis zu 2500 Euro Strafe zahlen. Das sieht ein Gesetzentwurf von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) vor. „In einem freien Land muss ich mich darauf verlassen können, dass mich mein Gegenüber nicht unnötig gefährdet“, so der Minister. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.

Was sieht Spahns Gesetz vor?

Der Minister will die hochansteckende Krankheit, die sogar tödlich verlaufen kann, endgültig ausrotten. „Wir wollen alle Kinder davor schützen, sich mit Masern zu infizieren“, sagte Spahn der „Bild am Sonntag“. „Deswegen sollen alle, die eine Kita oder Schule besuchen, gegen Masern geimpft sein. Wer dort neu aufgenommen wird, muss das nachweisen.“

Wer dort schon jetzt betreut werde, müsse den Nachweis bis zum 31. Juli nächsten Jahres nachreichen. „Alle Eltern sollen sicher sein können, dass ihre Kinder nicht von anderen mit Masern angesteckt und gefährdet werden.“ Der Gesetzentwurf wird gerade in der Regierung abgestimmt. Die Impfpflicht soll ab März 2020 gelten.

Welche Regelungen sollen für Kitas und Schulen gelten?

Kinder ohne Schutz sollen laut Spahn vom Kitabesuch ausgeschlossen werden. „Schließlich sind in Kitas auch Kinder unter zehn Monaten, die noch nicht geimpft werden dürfen und damit besonders gefährdet sind.“ Bei Schulen sei dies wegen der Schulpflicht nicht möglich, sagte Spahn.

„Aber wer sein Kind nicht impfen lässt, dem drohen Bußgelder von bis zu 2500 Euro.“ Lehrer und Erzieher müssten ebenfalls geimpft sein, so Spahn. Der Nachweis soll über den Impfpass oder die Impfbescheinigung erbracht werden. Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden können, müssen das mit einer ärztlichen Bescheinigung nachweisen.

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Wie teuer ist eine Masernimpfung?

Laut Spahn sind die Impfungen für den Patienten kostenlos. Die Krankenkassen bezahlen. Eine Impfung kostet etwa 60 Euro. Alle Mediziner bis auf Zahnärzte sollen in Zukunft den Schutz anbieten. Der öffentliche Gesundheitsdienst könnte nach den Plänen des Ministers Kinder an Schulen und Kitas impfen.

Wie viele Menschen erkranken im Jahr an Masern?

2018 wurden in Deutschland 543 Krankheitsfälle registriert, 2019 kam es bisher schon zu mehr als 300 Erkrankungen. In der Bundesrepublik gibt es die Masernimpfung seit 1973, in der DDR seit 1970. Seitdem gibt es deutlich weniger Erkrankungen. Doch gelang es nicht, wie bei den Pocken, die Krankheit auszurotten. Auch heute sterben immer noch Kinder in Deutschland an Masern.

• Hintergrund: Masern-Impfpflicht soll in Deutschland ab März 2020 gelten

Wie hoch sind die Impfquoten in Deutschland und Europa?

Sieben Prozent der Schüler in Deutschland sind aktuell nicht ausreichend gegen Masern geimpft. Und die Bundesrepublik steht mit der schlechten Statistik nicht alleine da. Nur vier von 28 EU-Staaten erreichen die 95-Prozent-Quote, schreibt der Vizepräsident der EU-Kommission, Jyrki Katainen, in einem Papier an das EU-Parlament, das unserer Redaktion vorliegt.

Die Folge sei eine Zunahme von Masernausbrüchen und Todesfällen in Europa, erklärte Katainen. Eine Quote von mindestens 95 Prozent der Kinder bei der ersten und zweiten Masernimpfung gilt als Voraussetzung für die Ausrottung der Krankheit. Deshalb peilen alle EU-Staaten die 95-Prozent-Quote an. Nur Schweden, Ungarn, die Slowakei und Portugal erreichen aktuell die 95-Prozent-Quote. Das war mal anders: 2007 erfüllten noch 14 EU-Staaten das 95-Prozent-Ziel.

Schlusslichter sind aktuell Frankreich, Österreich, Rumänien, Griechenland und Malta. Sie erzielen bei der zweiten Masernimpfung Raten von unter 85 Prozent. Spahn peilt mit der Impfpflicht die 95-Prozent-Quote an. „Ich will die Masern ausrotten. Aber dafür müssen nicht 93, sondern mindestens 95 Prozent zwei Masernimpfungen haben. Diese Quote erreichen wir trotz aller Kampagnen und guten Appelle einfach nicht.“

Wie argumentieren Impfgegner?

Hier gibt es die unterschiedlichsten Ansichten. Manche Impfgegner glauben, dass es besser für Kinder ist, eine Krankheit zu durchleiden als eine Spritze zu bekommen. Andere fürchten Autismus oder Allergien als Folgen der Impfung. Ein Argument hat auch mit Hygiene zu tun – nach dem Motto: Nicht der medizinische Schutz hat dazu geführt, dass es deutlich weniger Krankheitsfälle gibt, sondern die verbesserte Hygiene in den vergangenen Jahrzehnten.

Diese und andere Argumente werden regelmäßig von der großen Mehrheit der Experten widerlegt. Doch vor allem im Süden Baden-Württembergs und Bayerns halten sich manche Mythen hartnäckig. Wobei nicht alle Eltern von Kindern ohne ausreichenden Schutz Impfgegner sind. Viele von ihnen vergessen die zweite Impfung oder eine Auffrischung. Spahn verteidigt den Schutz.

• Hintergrund: Impfung, nein danke? Wie man mit Impfgegnern umgehen sollte

„Impfen ist eine der größten Errungenschaften der Menschheit“, sagte der CDU-Politiker. Gegner verbreiten laut Minister „jede Menge Fake News“. Wissenschaftlich seien die Risiken einer Impfung um ein Vielfaches geringer als die Risiken einer Erkrankung. Das gelte besonders bei Masern.

Was sagt der Koalitionspartner?

SPD-Chefin Andrea Nahles und der sozialdemokratische Gesundheitsexperte Karl Lauterbach unterstützen Spahns Pläne. Doch Hilde Mattheis (SPD) ist nicht überzeugt. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die SPD den Entwurf so durchwinken wird“, sagte Mattheis der „Saarbrücker Zeitung“. Jedes Bundesland könne jetzt schon eine Impfpflicht erlassen. Das halte sie für ausreichend.

Der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, nannte die Pläne einen „wichtigen Schritt zur richtigen Zeit“. Bei hohen Durchimpfungsraten könnten einzelne Krankheitserreger regional und sogar weltweit eliminiert werden, sagte Montgomery dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. (Christian Kerl und Alexander Kohnen)

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