Tierschutz

Wird Kükenschreddern verboten? Urteil fällt am 23. Mai

Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig verhandelt, ob das millionenfache Töten männlicher Küken rechtmäßig ist.

Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig verhandelt, ob das millionenfache Töten männlicher Küken rechtmäßig ist.

Foto: Peter Endig / dpa

Leipzig  45 Millionen männliche Küken werden in Deutschland nach dem Schlüpfen getötet, weil sich die Aufzucht nicht rentiert. Ist das rechtens?

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Schon 2013 wollte Nordrhein-Westfalen das Kükentöten per Erlass stoppen. Sechs Jahre später ist es immer noch erlaubt, millionenfach männliche Küken zu schreddern oder zu vergasen. Zwei Brütereien hatten geklagt und Recht bekommen, nun muss das Bundesverwaltungsgericht ein Grundsatzurteil fällen: Rechtfertigen ökonomische Interessen das massenhafte Töten von Tieren?

Für den 23. Mai wird das Urteil erwartet, das teilte das Gericht am Donnerstag mit. Wichtige Fragen und Antworten zur umstrittenen Praxis:

Was ist das Problem?

Für die Produktion von Eiern werden Legehennen gezüchtet. Sie sind darauf getrimmt, viele Eier in kurzer Zeit zu legen. Sie setzen kaum Fleisch an. Männliche Tiere braucht man nicht.

Das Geschlecht konnte man jahrzehntelang erst nach dem Schlüpfen erkennen. Darum werden die männlichen Küken von Legehuhnrassen massenhaft geschreddert oder vergast – jährlich laut Bundesagrarministerium rund 45 Millionen Tiere. Tierschützer laufen seit langem Sturm gegen dieses ethisch fragwürdige Vorgehen.

Was muss das Bundesverwaltungsgericht entscheiden?

Das Gericht muss grundsätzlich klären, ob das Kükentöten mit dem Tierschutzgesetz vereinbar ist. Das besagt in Paragraf 1, dass niemand einem Tier „ohne vernünftigen Grund“ Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen darf. Das damals rot-grün regierte Nordrhein-Westfalen nahm 2013 darauf Bezug und wollte das Kükentöten per Erlass verbieten lassen. Zwei Brütereien klagten dagegen.

Hintergrund: Der Eiertanz im Streit ums Kükenschreddern nimmt kein Ende

Wie hat die Vorinstanz geurteilt?

Das Oberverwaltungsgericht (OVG) in Münster gab 2016 den Brütereien Recht. Für das Töten der Küken gebe es einen vernünftigen Grund. Das OVG wog die ethischen Gesichtspunkte des Tierschutzes und die menschlichen Interessen an der Legehennenzucht gegeneinander ab.

So kam es zu dem Schluss, dass die wirtschaftlichen Bedingungen der Brütereien das Kükentöten rechtfertigten. Das Bundesverwaltungsgericht muss nun die OVG-Urteile auf ihre Richtigkeit überprüfen. (Az.: BVerwG 3 C 28.16 und 3 C 29.16 )

Gibt es keine Alternativen zum Kükentöten?

Doch. Wissenschaftler haben seit langem an Verfahren zur Geschlechtsbestimmung bereits im Hühnerei geforscht. Die Bundesregierung hat die Forschung mit Millionenaufwand unterstützt, denn auch sie will das Kükentöten beenden.

Inzwischen gibt es mehrere Methoden, mit denen über ein kleines Loch in der Eierschale eine Geschlechtsbestimmung vorgenommen werden kann. Sie sind allerdings noch nicht serienreif und werden nicht flächendeckend genutzt. In Supermärkten der Ketten Rewe und Penny gibt es Eier von Legehennen, die mit einem Alternativ-Verfahren gezüchtet wurden. Auch Rewe will 2019 mit dem bundesweiten Verkauf von Eiern beginnen, die produziert wurden, ohne Küken zu töten.

Hintergrund: Schreddern von Millionen Küken soll bald überflüssig werden

Was sagt die Geflügelwirtschaft?

Der Zentralverband der Deutschen Geflügelwirtschaft (ZDG) warnt vor einem vorschnellen Verbot des Kükentötens. „Das würde alle deutschen Brütereien treffen“, sagte Verbandspräsident Friedrich-Otto Ripke.

Die Veterinärämter in den Bundesländern würden keine Genehmigungen mehr für das Töten ausstellen, viele Betriebe würden ins Ausland abwandern. Dem Tierschutz sei damit nicht geholfen. Die Branche wolle die Praxis beenden – brauche dafür aber eine Übergangszeit.

Wie ist die Position der Tierschützer?

„Wir setzen darauf, dass das Bundesverwaltungsgericht wirtschaftliche Interessen nicht als vernünftigen Grund anerkennt“, betonte der Deutsche Tierschutzbund. „Jedes andere Urteil wäre ein ethischer Skandal und würde von der großen Mehrheit der Gesellschaft nicht akzeptiert.“ Die Tierschützer sehen die Geschlechtsbestimmung im Ei auch nur als Übergangslösung an.

Das eigentliche Problem sei die extrem spezialisierte Zucht von Legehennen. Der bessere Weg sei das „Zweinutzungshuhn“, dass sowohl viele Eier legt als auch Fleisch ansetzt, so dass die Hennen für die Eierproduktion und die Hähne für die Mast genutzt werden können. (dpa/cho)

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Leserkommentare (2) Kommentar schreiben