Verkehr

Autofahrern drohen mehr denn je harte Zeiten in NRW

Der Verkehr wird in die Innenstädte abgedrängt, wie auf dem Foto in Essen-Haarzopf.

Foto: Stefan Arend

Der Verkehr wird in die Innenstädte abgedrängt, wie auf dem Foto in Essen-Haarzopf. Foto: Stefan Arend

An Rhein und Ruhr.   Es ist keine Entspannung der Verkehrslage in Sicht. Im Gegenteil. Der Sanierungsbedarf ist enorm – und es ist Geld da, Bauprojekte zu starten.

Zwei Verkehrsschilder stehen an einer Abbiegespur im Essener Süden. Darauf jeweils eine weiße Linie, ein roter Querbalken und ein blauer Hintergrund. Das bedeutet: Sackgasse. Und trotzdem schrecken manche Fahrer nicht davor zurück, mit ihrem Auto in die kleine Stichstraße zu fahren, weil sich unmittelbar vor ihnen, in der Nähe des Schlosses Hugenpoet, eine Blechlawine staut. Es ist Mitte Oktober, gegen 19.30 Uhr, und eigentlich müsste sich der Feierabendverkehr längst aufgelöst haben...

Offenbar ist die Verzweiflung groß. Um mit einer Abkürzung ein wenig Zeit zu gewinnen, die man nicht hinter einer fremden Stoßstange verbringt, sind die Geplagten sogar bereit, sich irgendwo im nirgendwo festzufahren. Hier, in Essen-Kettwig, haben sie Glück. Sie machen ein paar Minuten gut, weil die Sackgasse abends aufgehoben wurde. Zum Ärger der Anwohner.

Es ist ein Beispiel. Von unzähligen. Für viele Pendler sind die Staus in NRW ein ewiges Ärgernis. Sie wollen von A nach B, es gibt wieder eine Baustelle auf einer A soundso, und die Fahrer suchen nach Möglichkeiten, um über Schleichwege so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Anders ausgedrückt: Der Verkehr wird zunehmend von den Autobahnen in die Innenstädte abgedrängt – zumindest wenn es zeitlich nicht sinnvoll erscheint, auf eine parallele Autobahn auszuweichen.

In keinem anderen Bundesland ist der Sanierungsbedarf so hoch

Man denke nur an den vergangenen Freitag. Als die A40 zwischen Mülheim und Essen gesperrt worden war, mussten viele Fahrer in die Essener Innenstadt ausweichen. Sie mussten dorthin, wo es nach den „Baustelleninformationen der Stadt Essen“ an die 60 Großbaustellen gibt.

Mehr noch: Mit rund 1500 genehmigten Baustellen steuert die Stadt in diesem Jahr auf einen Rekord zu. Und eine Entspannung zeichnet sich nicht ab, weil Essen in den kommenden Jahren mit Fördergeldern vom Bund bis zu sieben Millionen jährlich in das Straßennetz investieren muss – wenn das Geld nicht verfallen soll.

Das passt ins allgemeine Bild: Nordrhein-Westfalen ist Stauland Nummer eins in dieser Republik. Das bekommen die hiesigen Bürger in Statistiken regelmäßig bestätigt. Die Gründe sind bekannt. In keinem Bundesland sind mehr Fahrzeuge zugelassen, in keinem anderen Bundesland spielt der Transitverkehr eine so große Rolle und nirgendwo sonst in der Republik ist der Sanierungsbedarf so groß.

Was gegen Vollsperrungen und Schichtarbeit spricht

Der Landesbetrieb Straßenbau, kurz Straßen NRW, verschickt jährlich rund 1200 Pressemitteilungen, in denen selten darüber informiert wird, dass ein Bauvorhaben schneller abgeschlossen wurde als ursprünglich geplant. Im Gegenteil. Der Riss in einer Brücke wurde entdeckt, eine Fahrbahn muss neu asphaltiert werden und viel zu oft wird gemeldet, dass sich „die geplante Fertigstellung“ einer Strecke um x Wochen oder sogar um x Monate verschieben wird.

Für die Mitarbeiter des Landesbetriebs sind solche Mitteilungen kein Vergnügen. Und für die Autofahrer erst recht nicht. Wer das Internet durchkämmt, stößt auf alle Formen von Reaktionen. Von Gleichmut bis Wut – dazu gibt’s oft genug den Vorwurf, dass an dieser oder jener Baustelle nur still stehende Bagger zu sehen sind. Ist die Kritik berechtigt? Ist das Baustellen-Management mangelhaft?

„Es gibt Optimierungsmöglichkeiten“, räumt Ingrid Scholtz ein. Man könne 24 Stunden in mehreren Schichten arbeiten, eine Sechs-Tage-Woche sei möglich wie auch das Mittel Vollsperrung. Trotzdem, so die Leiterin der Kommunikation von Straßen NRW, müsse man „immer abwägen“.

Man könne nicht überall Tag und Nacht arbeiten, weil die Anwohner auch mal zur Ruhe kommen müssten. Man müsse bereit sein, mehr Geld auszugeben, um einzelne Projekte beschleunigen zu können. Und man müsse obendrein Ausweichstrecken anbieten können. „Es gibt nicht immer die einfache Lösung“, betont Ingrid Scholtz. „Selbst wenn wir alles Geld der Welt hätten, können wie nicht alles so umsetzen, wie es vielleicht allgemein wünschenswert wäre.“

Digitale Verkehrslenkung soll ausgebaut werden

Und was verspricht die Zukunft? Bleibt die freie Fahrt ein nicht mehr zu erfüllendes Wunschdenken? Die neue Landesregierung ist in NRW voller Tatendrang angetreten. „Das Geld ist da. Der politische Wille ist da. Wir werden also gut bauen können in den nächsten Jahren“, kündigte Verkehrsminister Hendrik Wüst unlängst gegenüber dem Bonner General Anzeiger an. Konkret bedeutet das: In Sachen Stau ist vorerst keine Entspannung in Sicht.

Gleichwohl soll vieles besser werden. Wüst ist wichtig, dass die digitale Verkehrslenkung ausgebaut und die Arbeiten an Baustellen beschleunigt werden. „Wir werden“, kündigt der Verkehrsminister an, „engere zeitliche Vorgaben für die Firmen“ machen. Gedacht ist an Sechs-Tage-Wochen, an Belohnungen für schnellere Fertigstellungen, an die Ausweitung von Nachtarbeiten oder die Zusammenfassung von Bauabschnitten.

Straßen NRW ist in einer Hochbauphase

Es gibt viel zu tun, und es wird bereits viel getan. „Wir sind in einer Hochbauphase“, bestätigt Ingrid Scholtz von Straßen NRW. „Viele Straßen und Brücken, die in den 70ern oder 80ern gebaut wurden, sind in die Jahre gekommen.“ Es muss saniert, erweitert oder sogar ersetzt werden. Die Auftragsbücher der Baufirmen sind prall gefüllt. „Es gibt einen großen Batzen Arbeit und das Geld ist da.“

Die naheliegende Frage lautet: Ist Licht am Ende des Tunnels zu sehen? Ist es absehbar, dass sich die Baustellensituation in NRW irgendwann einmal entspannt? „Wer mag, kann eine Prognose abgeben“, antwortet Ingrid Scholtz. „Aber aus unserer Perspektive von Straßen NRW können wir keine Versprechungen machen, da es zu viele Faktoren gibt, deren Einfluss wir nicht absehen können.“

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