NRZ-Bankgeheimnis

Der Fünfzehnjährige, der immer vom Hof gejagt wurde

ONLINE VERSION NRZ Bankgeheimnis Maruhn

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Foto: Miriam Fischer / funkegrafik nrw

Essen.  Unser Autor reist in eine äußerst abenteuerliche Zeit zurück – in seine Pubertät. Matthias Maruhn und die Liebe – das war ein holpriger Start.

Was für ein Geheimnis birgt wohl der junge Mann auf dem Foto in seinem Herzen. Ich kann es Ihnen sagen, ich kenne den Halbstarken von früher. Er ist ich. Wir schreiben des Jahr 1972, ich bin 15, lese einen Science Fiction und blicke auch privat eher skeptisch in die Zukunft. Ich habe einfach kein Glück bei den Frauen, also bei den Mädchen. Ich war damals zutiefst besorgt, tatsächlich keine Gefährtin für die Reise durchs Leben zu finden, ich sah mich schon im Alter allein auf einer Bank sitzend, verbittert, böse. Das alles kam nicht von ungefähr.

Doch zunächst zurück ins Jetzt, etwa zwei Wochen her. Ich rolle mit dem Rad durch einen Vorort, den ich lange nicht mehr besucht hatte, als mein Blick auf eine Seitenstraße fällt. Ach nee. Sofort spielt mir mein Hirn dazu einen Film auf die Netzhaut. Ich sehe mich, wie ich auf dem Mofa durch die Straße fahre, neben mir Michael. Wir waren beide gerade hängen geblieben. Das verbindet. Wie unsere Liebe zu den Zündapps, die wir mit viel Frickelei stets zu frisieren versuchten. Anderes Ritzel, Auspuff ausbrennen, solche Sachen. Vor einem Haus im Tal bremsen wir ab, ich klingele. Ob sie wohl öffnet?

Der Blick wie eine Sense, giftig jeder Satz

Ich hatte Gabriele am Tag zuvor getroffen. Jugendclub katholische Kirche, jeden Sonntag. Michael und ich sind immer hin. Außen cool, innen das große Flattern. Abenteuer Tanzfläche. Conny Kramer stirbt wieder, Mamy Blue ist da, T.Rex verspricht Hot Love, Wig-Wam Bam mag ich nicht, tanze trotzdem, die Haare wie ein Teppich vor den Augen, ob wohl eine guckt? Nein. Easy Livin komplett durchgeschüttelt. Vergeblich. Endlich In A Gadda Da Vida, 15 Minuten.

Und tatsächlich, da tanzt jemand mit mir, ein Mädchen, ein schönes Mädchen, ich glaub es kaum. Erst recht nicht, als Jetzt Nights in White Satin erklingt. Klammer-Blues. Ich traumtänzle. Wir gehen vor die Tür, ich rede und rede, sie aber muss nach Hause. Ein Kuss. Ganz flüchtig, aber ich nehme mit der Zündapp den Umweg durch den Himmel nach Hause. Die Tür öffnet sich. Gabrieles Mutter. Streng. Der Blick wie eine Sense, giftig jeder Satz: Wir wollen das nicht. Viel zu jung. Nicht mehr wiedersehen.

Ich hatte verstanden. Und ich habe Gabriele nie mehr gesehen. Nur gesprochen. Letztes Wochenende. Ob sie nicht vielleicht auf die Bank…? Nein, sagt sie, ich bin Lehrerin geworden, wenn das meine Schüler sehen, die nutzen das doch sofort aus. Nimm auch bitte meinen zweiten Vornamen. Okay. Ein paar Monate verstrichen damals. Ich lernte wichtige Dinge, wie man eine Pulle Bier mit dem Feuerzeug öffnet, dass man Gras auch rauchen kann. Und dann die neue Chance. Ein Kommers, so hieß das, wenn eine Mädchen- auf eine Jungenklasse traf. Ein Lehrer stand Wache. „Musik leiser“, „Ihr da hinten tanzt nicht so eng“.

Wieder allein, allein

Nikola und ich waren gemeint. Wir hatten uns sofort verguckt ineinander. Willst du mit mir gehen, fragte man dann. Ja. Dann wieder ein vorsichtiger Kuss. Bis übermorgen. Ich hol dich ab. Diesmal war’s der Vater, der in der Tür stand. Groß war er. Ein Breitschwert in beiden Händen. Vielleicht übertreib ich. Aber ich schlich wieder vom Hof. Wieder allein, allein. Ein holpriger Start war das damals. Dann wurde es besser. Heute sitze ich nicht mehr einsam auf der Bank. Nie. Wenn der Junge das damals alles so gewusst hätte. Er hätte entspannter geguckt.

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