Spendenaktion

Die ungewisse Zukunft der irakischen Jesiden

Kinder vor einem Wohncontainer im Flüchtlingsdorf NRW.

Kinder vor einem Wohncontainer im Flüchtlingsdorf NRW.

Foto: Dietmar Guth

Essen/Sherfedin/Mam Rashan.   Die NRZ ruft in diesem Jahr wieder zu Spenden für das Flüchtlingsdorf NRW im Nordirak auf. Die Menschen sind noch immer auf Hilfe angewiesen.

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Fahim Shesho ist wieder in Sherfedin, in dem Pilgerort, den er vor mehr als drei Jahren erbittert gegen den anstürmenden Feind verteidigt hat. In der direkten Nachbarschaft der Grabstätte des jesidischen Heiligen Scharaf ad-Din empfängt sein Vater Kassim Bittsteller und es sind nicht wenige in diesen Tagen. Das Terrorkalifat des sogenannten Islamischen Staates mag Geschichte sein. Die Zukunft der Jesiden bleibt aber ungewiss. „Das Negative, das Schlimme, landet immer bei uns“, sagt Fahim.

Fahim Shesho, 26, ist Deutscher, er stammt aus Bad Oeynhausen. Sein Vater und sein Cousin sind Kommandeure von jesidischen Einheiten, 8000 Mann haben sie gemeinsam unter Waffen. Die Jesiden sind eine kleine, verschlossene Gemeinschaft in der Shingal-Region ganz im Nordwesten des Irak. Ihr Glaube ist geheimnisvoll, islamistischen Fanatikern gelten sie als Teufelsanbeter. Als die Dschihadisten im Sommer 2014 ihr Siedlungsgebiet überrannten, flohen Hunderttausende. Die Männer, die es nicht schafften, wurden ermordet, die Frauen und Kinder entführt.

Städte und Dörfer liegen in Trümmern

Nur Sherfedin fiel nicht, die zweitwichtigste Pilgerstätte der Jesiden. Dort lieferten sich die Sheshos und ihre Männer monatelang Kämpfe mit den Fanatikern. Sie hielten die Stellung. Heute sind die Dörfer und Städte in der Shingal-Region wieder befreit, aber sie liegen in Trümmern. Ein neuer Konflikt erschwert den Wiederaufbau, der zwischen den Kurden, die bis vor wenigen Monaten die Kontrolle über die Region hatten, und der irakischen Zentralregierung. Die kurdischen Einheiten haben sich zurückgezogen, nach Shingal sind jetzt Milizionäre gekommen, die Bagdad unterstellt sind.

„Kein Mensch hilft den Jesiden“, klagt Fahim Shesho am Telefon. In die Region zu reisen, ist derzeit schwer. Die kurdischen Flughäfen sind geschlossen. Auch die meisten Straßen nach Shingal sind dicht, berichtet der junge Kämpfer. Auf dem Gebirgszug südlich von Sherfedin, dem Herzen der Region, leben noch immer tausende Flüchtlinge. Andere sind aus den Camps in der autonomen Kurdenregion wieder nach Hause zurückgekehrt. Jetzt droht den Menschen eine Hungersnot, warnt Shesho. „Wir haben Vorräte angelegt, aber die reichen nur noch bis Januar.“

Die aktuellen politischen Probleme beschäftigen auch die jesidischen Flüchtlinge, die noch in den etwa zwei Dutzend Camps im Kurdengebiet leben. Allein im Flüchtlingslager Mam Rashan leben derzeit noch rund 10 000 in Wohncontainern. „Ich bin wegen der Entwicklung sehr traurig und pessimistisch“, sagt Sadullah Hassan Khalat al Asafi. Der 63-Jährige lebt mit seiner Frau und den fünf Kindern seit zwei Jahren im Camp. In seinem Heimatdorf war er Bauer. Er hat die Befürchtung, dass es noch lange dauern wird, bis er zurückkehren kann.

Die Kinder gehen alle zur Schule, das ist Sadullah sehr wichtig. Aber nur drei können die Schule im Camp besuchen, zwei müssen jeden Tag in die Nachbarstadt fahren. 60 000 Dinar muss Sadullah für ihren Transport im Monat zahlen, umgerechnet rund 40 Euro. Das ist sehr viel Geld für ihn. „Ich möchte so gerne wieder in meinem Beruf arbeiten können“, wünscht er sich.

Unklare Lage beunruhigt viele Jesiden

Seit das Camp Ende 2015 eröffnet wurde, ist es gewaltig gewachsen. Auch mit tatkräftiger Unterstützung deutscher Spender, darunter vielen NRZ-Lesern, sind Basare errichtet worden mit Ladenlokalen, in denen viele Flüchtlinge Arbeit als Handwerker gefunden haben. Der junge Campleiter Shero Shmo will auch für die Landwirte unter den Flüchtlingen Arbeitsmöglichkeiten schaffen. „In Gewächshäusern könnten die Menschen frische Lebensmittel für das Camp anbauen und damit ihren Lebensunterhalt verdienen.“

Die unklare Lage in Shingal hat viele Menschen desillusioniert. „Einige Familien sind von dort wieder zurück nach Kurdistan gekommen“, erzählt Shmo. Der Konflikt zwischen der kurdischen Regionalregierung in Erbil und Bagdad hat aber auch andere dramatische Auswirkungen. Erbil hat so gut wie kein Geld mehr. Im Camp leben 42 Frauen, die in der Geiselhaft der Terroristen waren. Sie haben Schreckliches durchlitten und brauchen therapeutische Betreuung. Aus der nahen Großstadt Dohuk kamen in den vergangenen Monaten immer wieder Psychotherapeuten, die Hilfe leisteten. „Das ist jetzt vor einem Monat eingestellt worden“, berichtet der Campleiter.

Und auch im Kleinen mangelt es. Es ist kalt geworden in Kurdistan, die Temperaturen liegen wenige Grad über dem Gefrierpunkt. Die 13-jährige Idaman besucht die Schule im Camp. „Ich gehe da sehr gerne hin. Ich will Ärztin werden.“ Aber sie friert jetzt jeden Tag. Der Generator, mit dessen Hilfe die Schule beheizt werden soll, läuft nicht. Es ist kein Diesel da.

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Wie in den vergangenen Jahren ruft die NRZ auch in diesem Jahr zu Spenden für das Flüchtlingsdorf NRW im Nordirak auf.

Die Caritas Flüchtlingshilfe Essen will in diesem Jahr mit den Spendengeldern Gewächshäuser bauen und die Therapie traumatisierter Frauen und Kinder im Flüchtlingsdorf unterstützen.

Spenden bitte an die Caritas Flüchtlingshilfe, Bank im Bistum Essen, DE45 3606 0295 0000 1026 28, Stichwort: Nordirak

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