Das Bankgeheimnis

Hinnerk, die Silbermöwe und das Matjesbrötchen

Matthias Maruhn am Meer auf Sylt.

Matthias Maruhn am Meer auf Sylt.

Unser Kolumnist Matthias Maruhn ist zu Besuch bei seiner Tochter auf Sylt und trifft dort auf hungrige, freche und vorlaute Möwen.

Der Angriff ist feige, er erfolgt hinterrücks und von oben links. Gerade hielt ich noch ein Matjesbrötchen in der Hand, jetzt liegt es im Schnabel einer mächtigen Möwe und gemeinsam verschwinden sie im grauen Himmel über Westerland. Die wenigen Zeugen des Überfalls lachen verhalten, ich schüttele die Faust und dann den Kopf. Dieser verdammte Raubvogel. Und vom Abstand halten hat der auch noch nichts gehört…

Zwei Stunden später sitze ich auf einer Bank an der Promenade. Genau, das Foto rechts entsteht wenige Minuten vor dem nun folgenden Geschehen. Ich schau hinaus zum Windpark in weiter Ferne, die Seeluft schmirgelt meine Bronchien, als ich plötzlich eine kräftige Luftbewegung wahrnehme und da krallt sich die Silbermöwe auch schon grad vor mir in das weiße Holzgeländer. Der Vogel schaut und sagt: „Hör mal Alter, sorry wegen des Brötchens, okay? Aber ich hab da mal eine Frage.“ Ich lass ihn nicht merken, dass ich selbst erstaunt bin, Möwisch zu verstehen und schweige. Er legt den Kopf schief: „Wir schieben Kohldampf. Seit Wochen sind hier keine Fischbrötchenhalter mehr auf der Promenade unterwegs. Was ist denn da los bei euch?“

Wenn die Touristen kommen, fliegen hier wieder die Fische

Ich erkläre ihm das Corona-Virus anhand der Vogelgrippe und die Folgen der Pandemie, deren Ausbruch nicht nur auf der Insel, sondern im ganzen Land mehr Verbote folgten als einem Kutter Möwen. Ich zum Beispiel darf nur hier sein, weil meine Tochter auf der Insel lebt und arbeitet. Nächste Woche aber kommen alle Touristen zurück. Und das Matjes to go geht für euch wieder richtig los. Die fliegenden Fische von Westerland. Er kreischt ein Lachen und fragt: „Macht deine Tochter denn auch was mit Fisch?“ „Nein, sie ist im Hotel, also im Moment in Kurzarbeit.“ Ich komme ins Reden, schildere dem neugierigen Vogel unsere Sorgen. Auch Hinnerk, der Freund meiner Tochter, fährt abends Pizza aus, um über die Runden zu kommen. Zehn Euro die Stunde, aber immer mehr Kunden zahlen per Internet, gut für den Abstand, schlecht fürs Trinkgeld.

Der Vogel ist nicht doof: „Deshalb überall die Schilder: Sie sind ‚mit Abstand‘ die nettesten Kunden. Und in List, keine zehn Flugminuten im Norden, tragen schon die Schaufensterpuppen Masken. 20 Euro das Stück. Ihr Spatzenhirne. Werdet ihr denn jetzt was ändern?“

Viele fürchten, dass nach Pfingsten alles wieder dichtgemacht werden muss

Eine gute Frage. Die Sylter sind skeptisch. Viele befürchten, dass nach dem Sturm auf die Insel jetzt der Laden schon nach Pfingsten und einem Tsunami an Verstößen wieder dichtgemacht werden muss. Zunächst aber wird die Welt neu vermessen. Auf eineinhalb Meter Länge und Breite in Kneipen und auf Terrassen. Und es wird gerechnet: Wie man die Gastronomie retten kann. Ein Vorschlag macht die Runde: nach italienischem Vorbild ein Coperto einzuführen. Geld fürs Gedeck. An 3,50 Euro pro Person denken die ersten Wirte hier. Sylter Preise, nichts für Rhein und Ruhr. Aber gemäßigt könnte das Corona-Coperto auch dort die Wirte aus dem Keller holen. Oder nicht?

Der Vogel winkt ab, das interessiert ihn nicht. „Wann genau geht es denn wieder los?“ Am Montag. „Das sind ja fast fünf Tage. Könntest du vielleicht…“ Na gut, soll ich mit Krabben- oder Lachsbrötchen arglos über die Promenade schlendern? „Krabben, Kumpel“.

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