Schwangerschaftsabbrüche

„Sind keine Mörder“ - Frauenärztin verteidigt Abtreibungen

Schwanger oder nicht? Spätestens bei einer Ultraschall-Untersuchung gibt Klarheit.

Schwanger oder nicht? Spätestens bei einer Ultraschall-Untersuchung gibt Klarheit.

Foto: Angelika Warmuth / dpa

Hagen.  Eine Gynäkologin aus Westfalen bietet in ihrer Praxis Schwangerschaftsabbrüche an. Dafür wird sie von sogenannten Lebensschützern angefeindet.

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Es sei ein langer Kampf gegen Vorurteile, sagt Anke Meier: „Wir sind keine Mörder. Und die Frauen auch nicht.“ Die Gynäkologin aus Westfalen hat vor Jahren den Kampf gegen Vorurteile aufgenommen, wie sie es nennt, und bietet in ihrer Praxis Schwangerschaftsabbrüche an. Anke Meier wird von sogenannten Lebensschützern angefeindet und möchte daher ihren richtigen Namen nicht veröffentlicht wissen. Und sie hat Sorge, dass sie wegen vermeintlich unerlaubter Werbung mal wieder Post vom Staatsanwalt erhält.

Der Paragraf 219a des Strafgesetzbuchs verbietet nämlich Werbung für Schwangerschaftsabbrüche. Um Frauen in Notlagen bei der Suche nach ärztlicher Hilfe in ihrer Nähe zu helfen, haben Bundestag und Bundesrat eine Ergänzung des Paragrafen 219a beschlossen. Der Bundesärztekammer (BÄK) zufolge dürfen demnach Ärzte und Kliniken jetzt öffentlich informieren, dass sie Schwangerschaftsabbrüche vornehmen.

Detaillierte Informationen allerdings dürfen nur über eine im Internet veröffentlichte Liste der BÄK bereit gestellt werden. Diese ist seit dem 29. Juli online. In Deutschland gibt es nach Angaben von BÄK-Sprecher Samir Rabbata mehr als 12.500 Frauenärzte. Auf der Liste sind bislang erst gut 220 Ärzte und Kliniken aufgeführt. Rabbata zufolge soll sie „kontinuierlich erweitert und aktualisiert“ werden.

Ausführlichere Informationen wünschenswert

„Es ist ein erster Schritt“, sagt Anke Meier. Nicht weit genug geht es der Gießener Medizinerin Kristina Hänel, die bundesweit bekannt wurde, weil sie wegen Werbung für Schwangerschaftsabbrüche zu einer Geldstrafe verurteilt worden war. Im Juli hob das Oberlandesgericht Frankfurt das Urteil der Vorinstanz auf.

Nach Hänels Ansicht fehlten wichtige Informationen auf der zentralen Liste – z.B. die Kosten der Behandlung oder Angaben, bis zu welcher Schwangerschaftswoche ein Abbruch gemacht werden könne. Sie fordert daher, dass Betroffene alle nötigen Informationen auf ärztlichen Internetseiten bekommen. Auf der BÄK-Liste sind nur Name, Adresse, Telefonnummer, Sprachen und ein Häkchen zur Methodik („operativ“ und/oder „medikamentös“) aufgeführt.

Viele Ärzte scheuen sich vor einem freiwilligen Eintrag, weil sie nicht stigmatisiert und zur Zielscheibe von Abtreibungsgegnern werden wollen. Vor Anke Meiers Praxis hat es noch keine Mahnwachen von Lebensschützern gegeben – wie an anderen Orten. Aber das gepinselte Wort „Mörderin“ vor dem Ärztehaus musste sie schon einmal entfernen lassen. Drohanrufe hat sie auch schon erlebt.

Ein Schutz für ungeborenes Leben

„Ich habe meine Fachrichtung gewählt, um das Entstehen neuen Lebens zu begleiten und das Glück der Geburt mitzuerleben“, sagt sie. „Mit den Jahren habe ich aber erfahren, dass es nicht nur Glück im Leben gibt.“ Es sei ein Schutz für das ungeborene Leben, eine ungewollte Schwangerschaft zu vermeiden: „Diese kann zu lebenslangen Schäden für Mutter und Kind führen.“ Eine frühzeitige Aufklärung könne dies verhindern.

Es seien ganz normale Frauen, die in Anke Meiers Praxis kommen und ihre Schwangerschaft abbrechen wollen: „Bei den einen hat die Verhütung nicht geklappt, bei den anderen hat sich der werdende Vater abgewandt, andere fühlen sich zu unerfahren für ein Kind, dann wieder sind es Vergewaltigungsopfer oder schwer erkrankte Frauen. Jede einzelne Patientin hat einen ganz persönlichen Grund. Keine Frau macht das aus Lust und Laune.“

Aber die Betroffenen bräuchten umfassende und frühe Informationen. Frauen bekämen in Beratungsstellen, kritisiert Anke Meier, bisweilen späte Termine. Es gehe wertvolle Zeit ins Land, bis Frauen an Abtreibungsärzte verwiesen würden. Dann sei es vielleicht schon zu spät für einen medikamentösen Abbruch ohne Narkose bis zur 6. Schwangerschaftswoche.

Medikamentöse Schwangerschaftsabbrüche müssen früh erfolgen

„Dieser verläuft wie eine verspätete Pille danach, weil die Herzaktion bei dem Kind fehlt.“ Und habe für die Frauen weniger negative psychische Folgen: „Sie machen sich nicht so schwere Vorwürfe als zu einem späteren Zeitpunkt, wenn der Schwangerschaftsabbruch operativ erfolgen muss.“

Anke Meier nimmt medikamentöse Abbrüche vor. „Das gehört zu meinem Beruf“, sagt sie und verneint die Frage, ob sie finanzielle Vorteile dadurch habe. Die Kostenerstattung sei ein fortwährender Kampf mit den Krankenkassen. Sacharbeiter fühlten sich oft nicht zuständig, wollten keine Verantwortung übernehmen. „Man verliert Zeit und Nerven, wenn einem Steine in den Weg gelegt werden.“

Nach Angaben ihres Sprechers Samir Rabbata setzt sich die Bundesärztekammer dafür ein, „die Schwangerschaftsabbrüche durchführenden Ärzte möglichst flächendeckend zur freiwilligen Einstellung ihrer Daten auf unserer Plattform“ zu bewegen. „Ärzte, Krankenhäuser und Einrichtungen“ würden unter anderem durch das Deutsche Ärzteblatt („Pflichtlektüre“ für Mediziner in Deutschland, Auflage ca. 375.000), regionale Ärzteblätter und deren Internetseiten informiert.

Patientinnen wollen nicht zu einer Ärztin, die Schwangerschaftsabbrüche vornimmt

Zudem hätten sich Bundesärztekammer-Präsident Klaus Reinhardt und der Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte, Christian Albring, in einem gemeinsamen Schreiben an mehr als 12.500 Frauenärzte gewandt und über die Liste informiert.

Anke Meier steht dazu, was sie tut. Aktuell, so erzählt sie, verliere sie viele schwangere Patientinnen, weil sie nicht zu einer Ärztin wollten, die Schwangerschaftsabbrüche durchführt. „Ich mag Babys und habe ein Herz für sie“, sagt sie. „Das Leben besteht aus Höhen und Tiefen, aus gesunden und krebskranken Frauen, aus gewollt und ungewollt Schwangeren.“

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