Flüchtlinge im Irak

Jesiden haben Sehnsucht nach ihrer Heimat

Noaw Ismail (32) ist Friseur im Flüchtlingsdorf NRW im Norden des Irak.  

Noaw Ismail (32) ist Friseur im Flüchtlingsdorf NRW im Norden des Irak.  

Foto: Jan Jessen

Mam Rashan.   Im Flüchtlingscamp Mam Rashan im Nordirak träumen die Menschen von der Rückkehr in ihre Dörfer. Bis dahin sind sie noch auf Hilfe angewiesen.

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Routiniert zupft Noaw Ismail seinem Kunden mit dem Bindfaden die Härchen aus dem Gesicht. Immer wieder schaut der Kunde prüfend in den Spiegel, nickt irgendwann zufrieden. Herr Ismail nimmt ihm die Schürze ab, schüttelt sie vor dem kleinen Shop aus. Die nächsten Kunden warten schon. Hier im Flüchtlingscamp Mam Rashan in der kurdischen Autonomieregion im Nordirak ist Herr Ismail ein gefragter Mann. „Das Geschäft läuft gut“, sagt er.

Noaw Ismail ist 32. Der drahtige junge Mann ist Jeside, so wie alle die Menschen, die in diesem Flüchtlingscamp in der autonomen Region Kurdistan im Norden des Irak Obdach gefunden haben. Keimzelle dieses Camps war das Flüchtlingsdorf NRW, 100 Wohncontainer für 500 Menschen, finanziert mit Spenden aus Deutschland. Heute ist Mam Rashan eine Kleinstadt.

Wie alle hier stammt Herr Ismail aus der Region Shingal im äußersten Nordwesten des Irak und wie alle mussten er und seine Frau mit den beiden Kindern Hals über Kopf fliehen, als im August 2014 die Terrorbanden des sogenannten Islamischen Staates ihre Heimat überfielen. Für die selbsternannten Gotteskrieger sind die Jesiden Teufelsanbeter. Tausende starben damals, Hunderttausende flohen.

Der Albtraum ist noch nicht vorbei

Der „Islamische Staat“, dieser Fieberalbtraum von der Restaurierung des untergegangenen sunnitischen Kalifats, ist längst wieder Geschichte. Nur im Südosten Syriens beherrscht die Terrororganisation noch ein kleinen Flecken Land. Für Herrn Ismail und die anderen Flüchtlinge ist der Albtraum aber noch nicht vorbei. Sie können noch nicht in ihre Heimat zurück.

Herr Ismail hat sich seinen Friseursalon in einem kleinen Container eingerichtet. Zwei Friseurstühle, die bessere Tage gesehen haben, eine Couch für die wartenden Kunden, ein klappriges Holzregal, auf dem Gel und Haarfärbemittel stehen. 3000 irakische Dinar nimmt er für einen Haarschnitt, umgerechnet knapp zwei Euro. Mehr kann er nicht verlangen, die Menschen im Camp haben alle wenig Geld. Er zuckt mit den Schultern: „Ich bräuchte eigentlich neue Rasierer und Scheren, aber die kann ich mir nicht leisten.“

„Wir haben keine Sicherheit“

25 Ladenlokale wie seines stehen in der Nachbarschaft, es ist ein kleiner Basar mit Geschäften, einigen Handwerksbetrieben. Auch sie wurden mit der Hilfe von Spenden aus NRW errichtet, Leser der NRZ haben dazu ihren Beitrag geleistet. „Das hat mir sehr geholfen“, sagt der junge Mann, „ich konnte so wieder in meinem alten Beruf arbeiten. Das hilft mir, meine Familie zu ernähren.“

Ein glücklicher Mann ist er aber nicht, seine Augen sprechen Bände. Er ist vor drei Jahren hierherkommen, vorher musste er mit seiner Familie monatelang in einem Rohbau leben. Jetzt will er eigentlich wieder zurück in sein Dorf. „Aber wir haben keine Sicherheit“, sagt er seufzend.

In Mam Rashan leben heute fast 9000 Menschen. Es ist eines von 21 Camps in der Provinz Dohuk. Die Menschen haben sich gezwungenermaßen in ihrem falschen Leben eingerichtet, so gut wie es geht. Manche können wie Noaw Ismail dank der Hilfe aus Deutschland arbeiten, in den Ladenlokalen, in einer Bäckerei, in Gewächshäusern. Immerhin.

Aus den Schlagzeilen verschwunden

Weite Teile der Shingal-Region wurden bereits Ende 2015 befreit. Aber bis heute liegt die Infrastruktur dort in Trümmern, es gibt keine Schulen, keine funktionierenden Krankenhäuser. In vielen Orten liegen noch immer Sprengfallen. Milizen konkurrieren um die Kontrolle, immer wieder bombardiert die türkische Luftwaffe die Region, in der sie Verbündete der kurdischen Arbeiterpartei PKK vermutet.

Der Irak ist aus den Schlagzeilen verschwunden. Shero Simo, der junge, engagierte Leiter des Camps Mam Rashan, betont in seinem Büro aber, dass die Flüchtlinge auch weiterhin auf Unterstützung angewiesen sind. „Wir würden uns sehr freuen, wenn ihr uns nicht vergessen würdet.“ Simo wünscht sich noch mehr Arbeitsmöglichkeiten für die Menschen im Camp. Arbeit heißt Würde, ein eigenes Auskommen, eine Perspektive.

In einer der beiden Schulen des Camps sitzen die Schülerinnen und Schüler dicht an dicht in einem Klassenraum. Der Klassenlehrer ruft einen Jungen auf. Er trägt ein Gedicht vor, mit lauter Stimme. Es handelt von dem Leid, das den Jesiden zugefügt wurde, von den Toten, die sie beklagen mussten, von den Frauen und Mädchen, die entführt und versklavt wurden. Der Kleine ist zehn Jahre alt. Schuldirektor Jalal Kheder tätschelt dem Jungen den Kopf. „Der Winter kommt bald“, sagt er. „Könnt ihr uns Kleidung für die Kinder besorgen?“

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Gewächshäuser, Schulmaterialien, Winterkleidung: Es gibt großen Hilfsbedarf in Mam Rashan. NRZ-Herausgeber Heinrich Meyer hat nun 6000 Euro für den Bau eines Gewächshauses zur Verfügung gestellt. Spenden an: Caritas Flüchtlingshilfe Essen, Bank im Bistum Essen, DE 45 3606 0295 0000 1026 28, Stichwort: Nordirak.

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