NRW statt Jottwede

Auf dem Jakobsweg (und mit dem Bus) zum Kölner Dom

Also, heller als der in Köln ist er schon, aber nicht so berühmt: Blick in den Altenberger Dom,

Also, heller als der in Köln ist er schon, aber nicht so berühmt: Blick in den Altenberger Dom,

Foto: Jörg Carstensen / dpa

Von Dom zu Dom: Vom Beyenburger Dom zum Kölner Dom. Das war der Pilgerplan. Doch dann kam der Altenberger Dom dazwischen. War auch besser so.

Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass von ihren Pilgerreisen immer nur die Menschen berichten, die das Ziel auch erreicht haben? Und nicht von denen, die unterwegs aufgegeben haben, sich verlaufen haben oder einfach umgekehrt sind, zurück nach Hause, weitermachen, wo man aufgehört hat?


Nun, zumindest kann man mit dem Jakobsweg auch anfangen, ohne erstmal nach Südfrankreich jetten zu müssen, wo die viel besungene Hauptroute entlang der galizischen Küste beginnt. Man kann quasi auch vor der Haustür beginnen, der Pilger des Mittelalters konnte sich ja auch nicht sagen: „Ich flieg dann mal weg.“ Folglich ist das Netz der Jakobswege in Deutschland mittlerweile dichter als manches Spinnennetz.

Heute starten wir auf einem der nordrheinischen Jakobswege in Beyenburg, einem Ort in und im Wuppertal. Im Süden der Stadt, da wo sie ins Bergische Land übergeht. Und zudem grüßt die Klosterkirche Beyenburg, die heißt im Volksmund Beyenburger Dom, hier existiert das einzige Kreuzherrenkloster Deutschlands. Fürwahr ein würdiger Startpunkt für die Wanderung von Dom zu Dom.

Von Beyenburg nach Köln sind es laut Wegetabelle… hups: 56 Kilometer. Nun ja. Es gibt schließlich Leute, die können 100 Kilometer Wandern. Gibt es jetzt als Wettbewerb immer häufiger. In 24 Stunden, rund um die Uhr. Also los. Aber wo?


Klar, es gibt diese wunderbare eindeutige gelbe Muschel auf blauem Grund. Das schon. Und es gibt eine GPS-fähige Datei, die man sich aufs Smartphone laden kann. Nur, und das zeigt sich an diesem Morgen schon sehr zügig beim angenehmen Marsch entlang des Beyenburger Stausees: Das Internet jedenfalls ist über die Wupper gegangen und hält sich irgendwo am anderen Ufer versteckt. Und offenkundig gibt es Muschelsucher, die die gelb-blauen Schilder für Souvenirs halten.

Die Straße der Arbeit ersetzt den Jakobsweg, jedenfalls vorerst

Macht aber nichts, das Wuppertal ist schön genug, um davon abzulenken. Und die „Straße der Arbeit“ ist ebenfalls ein sehr schöner Wanderweg, der in die richtige Richtung führt, jedenfalls zunächst. Und ansonsten ist sein Thema eher sehr diesseitig. Hier, wo heute eine Eisenbahnstrecke vor sich hin rostet und die Gegend in der Sommersonne zu schlafen scheint, gab es einst einen der ersten und größten Industriecluster des Landes: Die bergische Textilindustrie.


Nach einem guten Stündchen sind die Wülfing-Werke erreicht. Einst Arbeitsstätte für 1000 Menschen, 1996 erst ging hier die deutsche Textilgeschichte zu Ende, heute erinnert ein Museum an die Tradition der Familie Hardt, die hier über 180 Jahre im abgeschiedenen Wuppertal eine eigene kleine Stadt errichtete. Kurz danach folgt Dahlerau. Am Bahnhof Dahlhausen steht eine alte Dampflok, dennoch ist der Ort nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Eisenbahnmuseum in Bochum.

Auch, wenn Eisenbahnfreunde davon träumen, die Strecke durchs idyllische Tal zu reaktivieren, heute immerhin kann man schon mit Draisinen auf der Schiene fahren. Nicht verschwiegen werden soll, dass sich hier in dieser Idylle 1971 sich das schlimmsten Eisenbahnunglück in der Geschichte der Deutschen Bundesbahn ereignete: Ein verspäteter Sonderzug mit dem Abschlussjahrgang der Hauptschule Radevormwald prallte mit einem entgegenkommenden Güterzug zusammen. 46 Menschen starben, die 41 Schüler wurden gemeinsam in Radevormwald bestattet.


Zeit, auf den Pilgerweg zurück zu kehren. Zumal die Straße der Arbeit von hier in großzügigem Bogen in Richtung Siegerland führt, das ist entschieden verkehrt. Dafür gibt es wieder Netz – und ich ignoriere einige Jakobsmuscheln und marschiere direkt aufs schöne Lennep zu. Schöne Altstadt im schwarz-weiß-grünen, bergischen Look, schönes Röntgenmuseum, der berühmte Strahlenentdecker und Nobelpreisträger verbrachte hier die ersten drei Lebensjahre. Aber vor allem: ein noch schönerer und passend verspäteter Bus, der mich in einer halben Stunde für drei Euro nach Wermelskirchen bringt. Quasi eine rollende Mittagspause, rede ich mir ein. Und das erste Dutzend Kilometer habe ich ja auch schon in den Beinen.

Es lockt die Mühle am rauschenden Bach – außer Montag und Dienstag

Von dort aber, jede Wette, beginnt ein Stück Jakobsweg, das es schöner auf den dann noch folgenden 1900 Kilometern nach Santiago kaum geben wird. Und es ist sogar durchgehend bemuschelt und sowieso recht einfach zu laufen: immer dem Eifgenbach nach, stromab. Über Stock und Stein, besser gesagt: Über diverse Wurzeln. Immer wieder öffnet sich die lila blühende Bachaue zwischen den Wäldern aus Erlen, Eschen, Stieleichen und Hainbuchen. Alle paar Kilometer lockt eine ehemalige Mühle zur Einkehr (es sei denn, es ist Montag oder Dienstag) und am Wochenende fährt sogar ein Wanderbus die Menschen wieder zum Startpunkt zurück.

Zeit, auf den Pilgerweg zurück zu kehren. Zumal die Straße der Arbeit von hier in großzügigem Bogen in Richtung Siegerland führt, das ist entschieden verkehrt. Dafür gibt es wieder Netz – und ich ignoriere einige Jakobsmuscheln und marschiere direkt aufs schöne Lennep zu. Schöne Altstadt im schwarz-weiß-grünen, bergischen Look, schönes Röntgenmuseum, der berühmte Strahlenentdecker und Nobelpreisträger verbrachte hier die ersten drei Lebensjahre. Aber vor allem: ein schön passend verspäteter Bus, der mich in einer halben Stunde für drei Euro nach Wermelskirchen bringt. Quasi eine rollende Mittagspause, rede ich mir ein. Und das erste Dutzend Kilometer habe ich ja auch schon in den Beinen.

Es lockt die Mühle am rauschenden Bach – außer Montag und Dienstag

Von dort aber, jede Wette, beginnt ein Stück Jakobsweg, das es schöner auf den dann noch folgenden 1900 Kilometern nach Santiago kaum geben wird. Und es ist sogar durchgehend bemuschelt und sowieso recht einfach zu laufen: immer dem Eifgenbach nach, stromab. Über Stock und Stein, besser gesagt: Über diverse Wurzeln. Immer wieder öffnet sich die lila blühende Bachaue zwischen den Wäldern aus Erlen, Eschen, Stieleichen und Hainbuchen. Alle paar Kilometer lockt eine ehemalige Mühle zur Einkehr (es sei denn, es ist Montag oder Dienstag) und am Wochenende fährt sogar ein Wanderbus die Menschen wieder zum Startpunkt zurück.

Nun, ich gestehe: Ich kann noch so energisch „Ich mööch zo Foß no Kölle gon“ summen, Knöchel und Knie sagen: Junge, es reicht langsam, untrainiert 30 Kilometer laufen – das zahlen wir dir morgen mit einem Hammermuskelkater heim. Und ein Schild, das erste mit Kilometerangaben überhaupt zeigt: Altenberg 5,3 Kilometer. Ein innerliches Gloria. Dafür reicht es noch. So gerade. Und das Finale, okay, es ist ja eigentlich nur ein Halbfinale, aber trotzdem, entschädigt für vieles: Tief im Wald versteckt liegt der Altenberger Dom. Ungefähr so alt wie das ungleich berühmtere Pendant in Köln, kühle Gotik, Ziesterzienserbau und: in Landesbesitz.

Weil die alten Preußen ihn einst vor dem Verfall retteten und wieder errichteten. Und ihn beiden Konfessionen zur Verfügung stellten. Unter der Prämisse: Mal bitte nicht streiten. Die berühmte Orgel schweigt, das noch berühmtere, größte gotische Bleiglasfenster nördlich der Alpen glüht in der Nachmittagssonne. Und draußen gibt es Eis.


Und ja: Man kommt von hier aus auch nach Köln. Gutes Stündchen. Mit dem Bus. Heißt es doch immer: Man soll Busse tun. Also hinein und über Bergisch-Gladbach oder Leverkusen-Schlebusch hin. Ob das nicht auch zu Fuß ginge? Ganz gewiss. Aber nicht mehr an diesem Tag.

Klarer Standortvorteil für den Kölner Dom, rein verkehrstechnisch

Ich bin schon kaum mehr die Freitreppe vom Bahnhof zur Domplatte hochgekommen. Und sitze geschafft und still in der Kirchenbank bis zum 18 Uhr-Läuten. Licht durchs Gerhard-Richter-Fenster, wuselnde Kinder, strenge Domschweizer. Gewiss: Der Kölner Dom ist prachtvoller, größer, belebter, eindrucksvoller. Und ja – um das Thema Rückreise vom Pilgerziel abzuschließen: Man kommt von hieraus mit dem Zug wieder fix zurück nach Wuppertal zum Startpunkt.

Und doch bleibt an diesem Tag das Bild vom Altenberger Dom im Kopf: wie das große Kirchenschiff im stillen Tal steht. Ruhig, wie seit Ewigkeiten. Es kommt eben, wie bei jeder Pilgerreise, darauf an, was man sucht. Santiago kann noch warten.

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