Kolumne

Bankgeheimnis: Nachbar Horst und der fliegende Beifahrer

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NRZ-Kolumnist Matthias Maruhn mit seinem Nachbarn Horst.

NRZ-Kolumnist Matthias Maruhn mit seinem Nachbarn Horst.

Foto: FUNKEGRAFIK NRW Denise Ohms / NRZ

Essen.  Kolumnist Matthes Maruhn zieht nach 36 Jahren um. Weil die Kellerräume der Familie rappelvoll sind, betätigt er sich gerade als Archäologe.

Ich arbeite seit gut drei Wochen hauptberuflich als Archäologe. In den Kellerräumen habe ich mit den Grabungen begonnen und dann vorsichtig Schicht für Schicht freigelegt. Nicht immer leicht, nicht immer schön, in manchen Ecken war ich ganz froh, noch so viele FFP2-Masken im Haus zu haben. Man muss wissen, einige Schätze liegen seit 36 Jahren vergraben. Das Ergebnis meiner Schufterei ist bisher allerdings wenig atemraubend: kein verstecktes Geschmeide, kein vergessenes Sparbuch. Auch keine Leiche immerhin. Dafür eine Tonne Erinnerungen.

Gerade habe ich eine Plastikbox mit geheimnisvollen Papieren geborgen. Ich bringe sie zu meiner Grabungs-Assistentin, denn meine Frau ist im Wegwerfen deutlich resoluter als ich. Vorsichtig öffnen wir die Zeitkapsel. Oben ein paar alte Artikel von mir aus den 70ern. Eine Reportage über Rocker. „Ein Mann unter zwei Zentnern ist keiner“, lautet die Überschrift. Nun, das Problem hab ich gelöst. Darunter schwarze Schulhefte. 80 Gramm holzfrei steht da unter meinem Namen. Zweite Klasse Volksschule. Ein Diktat vom 27. 9. 1964. Ich lese laut: „In fremden Ländern gibt es keine Steinhäuser. Die Eskimohs bauen ihren Iglu aus Schnee. Die Neger wohnen in Hütten aus Lehm und Stroh.“ Tja, das Weltbild damals wurde noch rustikaler geschnitzt. Ich lenke ab: „Nur 1 Fehler. Eskimo hab ich mit h geschrieben. Nicht schlecht.“

Mein Nachbar Horst gibt mir Weises mit auf den Weg

Ich blättere um. Überschrift. Der Atwänzkranz. Das ist nicht ganz fehlerfrei. Ich lege das Heft zurück und fingere nach Erfreulicherem: „Ach guck mal, mein Fahrtenschwimmer.“ Zurück im Keller schiebe ich ein Gestell zur Seite und halte die Luft an. Ich bin doch noch auf Kleopatras Kleiderkammer gestoßen. Aber nein, es ist doch nur das Schuhregal meiner Frau.

Ich erkenne daneben meine Gummistiefel, die mit der Stahlkappe vorne, weil ich Angst hatte, bei der Gartenarbeit könnte mir der Himmel auf die Füße fallen. Laufen konnte man damit allerdings nicht. Ich will sie hoch zum Müll bringen, als ich schräg gegenüber meinen Nachbarn, Herrn Zaremba, werkeln sehe. Ich halte die Stiefel hoch: „Horst, was für eine Schuhgröße hast du?“ Er guckt auf. „43.“ „Sind fast neu. Willste haben?“ Horst lacht grimmig. „Hömma, ich hab selbst den Keller bis unters Dach voll.“ Und er gibt mir Weises mit auf den Weg. „Alles, was du drei Jahre nicht mehr in der Hand hattest. Weg damit. Nur wenige Schätze sind es wert, sie zu hüten.“

Horst zieht das Ass aus dem Ärmel

Welche denn? „Meine Sammlung mit Corgi-Toys-Autos etwa.“ Ich lass die Stiefel sinken. „Welche hast du denn noch?“ Horst zieht ab und kommt mit vollen Händen zurück. Das Batmobil. Klar. Dann die Zirkus-Chipperfield-Autos. Der große Transporter mit sechs Pferden. Und der hohe für die Giraffen. Hatte ich doch auch mal. Wo sind die hin? Horst zieht das Ass aus dem Ärmel. Den Aston Martin aus Goldfinger. Maschinengewehre, Panzerplatte, alles funktioniert noch wie geschmiert. Den haben noch viele im Schrank, aber die allerwenigsten komplett. Horst drückt aufs dritte Knöpfchen. Der Schleudersitz schleudert. „Ich hab sogar noch das Beifahrer-Männeken.“ Ich bin wieder acht Jahre alt, begeistert und neu motiviert. „Horst, bis die Tage. Ich muss wieder in den Keller. Graben.“

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