Bibliotheken

Büchereien am Niederrhein setzen Sicherheitsdienste ein

Um sonntags für Besucher zu öffnen, setzen die Bibliotheken auf Wachdienste statt auf bibliothekarisches Fachpersonal.

Um sonntags für Besucher zu öffnen, setzen die Bibliotheken auf Wachdienste statt auf bibliothekarisches Fachpersonal.

Foto: Kerstin Bögeholz / Funke Foto Services GmbH

An Rhein und Ruhr.  Bibliotheken dürfen nun auch sonntags öffnen. Vielen Büchereien fehlt aber das nötige Personal. In Dinslaken hilft deshalb ein Sicherheitsdienst.

Bücher ausleihen, Spiele spielen oder sich mit der Lerngruppe treffen – das ist nun auch sonntags möglich. Der Landtag hat im vergangenen Monat den Weg frei gemacht, damit Bibliotheken auch am Sonntag und am Feiertag öffnen dürfen. Die Dinslakener Bücherei hat die Chance direkt beim Schopfe gepackt und einen Pilotversuch gestartet, andere Kommunen sind noch etwas zögerlicher.

Landauf landab wird das Thema derzeit in der Bibliotheksszene kritisch diskutiert. Um sich ein ausführliches Bild zu machen, führt Dinslaken nun bis Ende März einen Versuch durch. Schon am ersten offenen Sonntag, dem 20. Oktober, kamen rund hundert Personen, um zu spielen, zu lernen oder in den Regalen zu stöbern. Auch an einem verregneten Sonntag im Oktober sei es „richtig voll“ gewesen, meint Bibliotheksleiterin Edith Mendel. Endet das Projekt Ende März, soll es eine ausführliche Auswertung geben.

Eine Frage des Personals

Auf dieser Basis soll dann endgültig entschieden werden, ob die Bücherei sonntags öffnet oder nicht. Und mit welchem und mit wie viel Personal. Denn aktuell ist es so, dass sonntags kein bibliothekarisches Fachpersonal zur Verfügung steht. Stattdessen passt ein Wachdienst auf. Die Besucher können zwar über die sogenannten Selbstverbucher Bücher ausleihen und auch Spiele spielen, recherchieren oder das Lesecafé nutzen. Der Internetraum aber ist am Sonntag geschlossen, wer das freie W-Lan nutzen möchte, muss seinen eigenen Laptop mitbringen. Auch eine Fernleihe oder das Ausstellen eines Nutzerausweises ist sonntags nicht möglich.

Von Sonntagsöffnungen ohne Fachpersonal ist Diana Bengel, Leiterin der Stadtbibliothek Oberhausen, hingegen bislang nicht überzeugt. „Ich halte nichts davon, die Bibliothek ohne Angebot zu öffnen“, sagt sie. So sehr sie die Möglichkeit auch begrüßt, dass die Ausweitung der Öffnungszeiten auf den Sonntag möglich ist, so sehr sie das in Oberhausen zum Stand jetzt nicht für umsetzbar. „Wir brauchen dafür mehr Personal“, sagt sie. Und dafür habe eine Stadt wie Oberhausen kein Geld.

Bereits kurze Schließungen von Bibliotheken

Schon jetzt sei es schwierig, die regulären Öffnungszeiten aufrecht zu erhalten. Allein in den vergangenen zwölf Monaten seien drei Mitarbeiter in den Ruhestand gegangen, im nächsten Jahr folgen weitere. „Wir haben Probleme, die Stellen nachzubesetzen“, sagt Diana Bengel mit Blick auf den Fachkräftemangel. Das dünnt die Personaldecke aus. Die Leiterin musste jüngst selbst an der Information sitzen, weil aufgrund von Ausfällen kein Bibliothekar anwesend war.

Ein ähnliches Bild gibt es in Duisburg. „Schön, dass ich jetzt sonntags öffnen darf, aber wie soll das gehen, wenn das Personal nicht einmal für die Öffnungszeiten in der Woche reicht?“, sagte der Duisburger Bibliothekschef Jan-Pieter Barbian kürzlich. Es gebe Kommunen, die es sich leisten könnten, sonntags zu öffnen, und solche, die es sich nicht leisten können. Barbian würde es begrüßen, wenn sich das Land an den zusätzlichen Personalkosten beteiligen würde. Im vergangenen Jahr mussten in Duisburg die Stadtteilbibliotheken in Beeck und in Neumühl wegen Personalmangel zeitweise geschlossen bleiben. Der Gesetzentwurf sieht Fördermöglichkeiten durch die Änderung des Kulturfördergesetzes vor.

Wachpersonal schon jetzt in der Landeshauptstadt

In Düsseldorf hat die Zentralbibliothek seit Juli ihre Öffnungszeiten erweitert und will in Zukunft auch sonntags öffnen. Das ist allerdings noch Zukunftsmusik, die Sonntagsöffnung ist geplant, wenn die neue Zentralbibliothek ins KAP1 gezogen ist. Am Konrad-Adenauer-Platz entsteht ein neues Kulturzentrum, in dem dann auch die Bücherei auf 7750 Quadratmetern eine neue Heimat findet. Die Eröffnung ist nach Aussage der Stadtpressestelle für das erste Halbjahr 2021 geplant. Öffnet die Bibliothek dann sonntags, soll wie in Dinslaken nur ein Wachdienst und kein Fachpersonal vor Ort sein. Schon jetzt kommt der Wachdienst zum Einsatz: Nachdem die Zentralbibliothek die Öffnungszeit wochentags von 10 bis 20 Uhr um jeweils eine Stunde verlängert hat, ist das Wachpersonal von 19 bis 20 Uhr im Einsatz. Samstags sind die Öffnungszeiten von drei auf sechs Stunden verdoppelt worden, der Wachdienst übernimmt von 14 bis 16 Uhr.

In Emmerich beobachtet solche Experimente wie in Düsseldorf oder Dinslaken genau. „Derzeit wird geprüft, inwiefern eine Öffnung am Sonntag einen positiven Effekt auf den Büchereibesuch haben könnte“, sagt Stadtsprecher Tim Terhorst. Aus den Erfahrungen in den vornehmlich größeren Kommunen will die Stadt dann „Schlüsse ziehen und mit den zuständigen Gremien über eine Öffnung am Sonntag beraten“.

Zusammenarbeit zwischen Stadt und Kirche

Auch in Wesel wird die Entscheidung noch dauern. Der bisherige Leiter Wolfgang Berg verabschiedet sich in den Ruhestand und möchte die Entscheidung seiner Nachfolgerin überlassen. Eine Art Sonntagsangebot gibt es in Wesel allerdings schon, weil die Stadtbibliothek eng mit den kirchlichen Büchereien zusammenarbeitet. Denn die öffnen an Rhein und Ruhr traditionell schon seit vielen Jahren sonntags rund um den Gottesdienst. Ehrenamtliche sorgen dafür, dass die Büchereien einige Stunden öffnen können, sie beraten die Besucher und organisieren die Ausleihe und Rückgabe der Medien.

Die kirchlichen Büchereien von St. Nikolaus zum Beispiel tauscht mit der Stadtbibliothek Medien aus. Wolfgang Berg weiß um den Vorteil der Kooperation: Die Stadtbibliothek wird weniger von Bürgern aus den Randbereichen der Stadt besucht, sie nutzen eher das Angebot der näherliegenden kirchlichen Bücherei. Darüber können sie dann wiederum Bücher bei der Stadtbibliothek bestellen. „Unsere Büchereien sind eine wichtige Ergänzung zum Angebot der Stadtbücherei, da sie im jeweiligen Stadtteil das Angebot vor Ort sind und eben auch zu Zeiten geöffnet sind, wo die Stadtbücherei geschlossen ist“, sagt Sigrid Hochstrat, Büroleitung der Katholischen Kirchengemeinde St. Nikolaus Wesel. In Emmerich-Elten hingegen muss die katholische Bücherei von St. Martinus um ihr Fortbestehen bangen, weil zu wenige Medien ausgeliehen werden, die Anzahl der Nutzer geht zurück.

Ausleihzahlen gehen zurück, Besucherzahlen steigen

Bibliotheken entwickeln sich in den vergangenen Jahren mehr zu Orten des Treffens und Lernens. Die Ausleihzahlen gehen in einigen Büchereien wie in Dinslaken und Oberhausen leicht zurück, während die Besucherzahlen gleichzeitig steigen. Sprich: Die Nutzung der Angebote und Infrastruktur vor Ort gewinnen an Bedeutung. Ein Beispiel: In Abitur-Hochphasen werden die Lernplätze in den Büchereien knapp. Edith Mendel kann sich vorstellen, dass auch viele Schüler den Sonntag in der Bibliothek zum Lernen nutzen würden. Aber auch Rentner seien für das Angebot dankbar. Hier können sie sich aufhalten und kostenlos Zeitungen oder Bücher lesen. Und Familien nutzten den freien Tag, um gemeinsam das Angebot der Bibliothek zu nutzen.

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