Buch-Tipp

Die berührende Geschichte jüdischer Schwestern im Widerstand

Das kleine Häuschen heute. Roxane van Iperen wollte es nur renovieren – und stieß dabei auf das Schicksal zweier jüdischer Schwestern im Widerstand. Eine bewegende Geschichte, ein berührendes Buch entstand daraus.

Das kleine Häuschen heute. Roxane van Iperen wollte es nur renovieren – und stieß dabei auf das Schicksal zweier jüdischer Schwestern im Widerstand. Eine bewegende Geschichte, ein berührendes Buch entstand daraus.

Foto: Eva Karnovsky

Naarden.  Als Roxane van Iperen ihr Haus renovierte, fand sie Seltsames. Sie recherchierte – die Geschichte zweier jüdischer Schwestern im Widerstand.

Alles begann damit, dass Roxane van Iperen 2012 mit Mann und drei Kindern in den kleinen Ort Naarden südlich des Ijsselmeers zog. Als die Familie anfängt, das alte Haus unter Bäumen mit dem Namen ´t Hooge Nest (deutsch: das hohe Nest) zu renovieren, entdeckte sie in fast jedem Zimmer Luken im Holzboden, und hinter Wandvertäfelungen verbergen sich Verstecke.

Van Iperen deutet auf die Ecke über dem Kamin in ihrem Wohnzimmer: „Darüber liegt das Schlafzimmer meines Sohnes. Da war zum Beispiel eine Art Verschlag.“ Zuerst dachten sie sich nichts dabei, „weil wir annahmen, es könnten Abstellräume sein,“ erzählt sie. „Und im Umbaustress sind wir nie auf die Idee gekommen, dass da eine Kriegsgeschichte hinterstecken könnte. Wir sagten uns, es ist ein sehr altes Haus und fanden es irgendwie witzig.“

Kerzenstummel und alte Zeitungen

Doch dann stießen sie auf Kerzenstummel und alte Zeitungen des Widerstands gegen die Nazi-Besetzer während des Zweiten Weltkriegs. Zeugnisse dafür, dass in den Verstecken Menschen gelebt haben mussten.

Die Neugier der Journalistin war geweckt. Zunächst löcherte sie die ehemalige Besitzerin mit Fragen: „Doch die wusste nur, dass in dem Haus mal Nazi-Offiziere, und mal Leute vom Widerstand untergebracht waren.“ Die Nachbarin berichtete aber auch, dass in der Gegend während des Krieges Menschen versteckt worden seien und darüber die wildesten Geschichten kursierten.

Die Journalistin sprach mit Nachbarn und Ladenbesitzern im Ort und weitete schließlich ihre Spurensuche aus: Sie durchforstete das Anne-Frank-Archiv in Frankfurt, Steven Spielbergs Shoa-Archiv in Los Angeles, und sie reiste nach Israel.

Recherche im Anne-Frank-Archiv

Und vor allem kam sie mit den Familien der niederländischen Widerstandskämpferinnen Janny und Lien Brilleslijper in Kontakt, die das Haus im Krieg gemietet hatten und deren Geschichte sie in ihrem Buch erzählt. Sechs Jahre lang brauchte es, bis „Ein Versteck unter Feinden“ in den Niederlanden erschien. Buch wurde dort inzwischen über eine halbe Million Mal verkauft, erhielt einen Literaturpreis und soll demnächst verfilmt werden. Die deutsche Übersetzung steht auf der SPIEGEL-Bestsellerliste.

Roxane van Iperen ist es gelungen, aus der Geschichte des Hauses eine bewegende Biographie der jüdischen Schwestern Janny und Lien Brilleslijper entstehen zu lassen. Das war der Journalistin besonders wichtig, weil die Schwestern bislang immer nur eine Fußnote in den Geschichten über männliche Widerständler waren: „Es ist nicht bekannt, dass Frauen eine gleichwertige Rolle hatten“, sagt van Iperen: „Sie haben nicht nur Kaffee gekocht und Brötchen geschmiert.“

Doppelte Böden, geheime Räume

Und das schildert sie in ihrem Buch. Außerdem zeichnet sie ein Bild vom Leben – und Sterben – in den Niederlanden unter der deutschen Besetzung. Rund ein Jahr lang wohnten die aus Amsterdam stammenden Schwestern Brilleslijper mit ihren Familien in dem Haus. Lien, die ältere von beiden, war mit einem deutschen Deserteur verheiratet, und Janny mit einem nicht-jüdischen Niederländer. So gelang es Janny als Nichtjüdin durchzugehen und, als in Amsterdam immer mehr Juden in die Vernichtungslager deportiert wurden, 1943 ´t Hooge Nest anzumieten.

Gut ein Jahr lebten die Familien dort – und mit ihnen andere jüdische Familien sowie Mitglieder des niederländischen Widerstands. Jaap, der jüngere Bruder der Brilleslijper-Schwestern, baute die Verschläge und doppelten Böden ein, die Roxane und ihre Familie beim Hausumbau fanden, und in denen die Menschen unterkriechen konnten, sobald eine Razzia der Polizei oder der deutschen Wehrmacht zu befürchten war. In der Werkstatt im Gartenhaus, in der Jaap gezimmert und gehobelt hat, haben Roxane und ihre Familie heute ihre Fahrräder untergebracht.

Van Iperen schildert im Buch das tägliche Leben in ´t Hooge Nest, wo teilweise bis zu 25 Menschen versteckt waren – kaum mehr vorstellbar, wenn man heute vor dem zwar geräumigen, aber keinesfalls riesigen Haus steht. Van Iperen beschreibt ihre Todesängste, aber auch den Mut, den etwa Janny aufbrachte, um den Widerstand mit falschen Dokumenten zu versorgen.

Und sie erzählt von der chinesischen Vase, die ins Fenster über der Terrassentür gestellt wurde, wenn gerade eine Razzia stattfand. Damit niemand an die Tür klopfte, der von den Nazis gesucht wurde.

Die beiden Schwestern überlebten das Konzentrationslager

Roxane van Iperen versteht es blendend, die Charaktere lebendig werden zu lassen und sie erreicht, dass man wie in einem Roman um die Menschen zittert, von denen sie berichtet.

Im Sommer 1944 fliegt ´t Hooge Nest auf. Der letzte Zug, der Juden in die Konzentrationslager bringt, ttransportiert die Schwestern Brilleslijper nach Bergen-Belsen – gemeinsam mit Margot und Anne Frank, die dort im März 1945 aufgrund der himmelschreienden Bedingungen elend zugrunde gehen, wie van Iperen sehr berührend schildert.

Die Schwestern Brilleslijper überleben – und überbringen Otto Frank nach dem Krieg die Nachricht vom Tod seiner beiden Töchter. Lien Brilleslijper verstarb 1988 in Ost-Berlin, ihre Schwester Janny 2003 in Amsterdam. Sie hatte zuvor bereits einem Dokumentarfilmer aus ihrem Leben erzählt: „Sie wäre froh, wenn sie ihre Geschichte gedruckt sehen würde“ – da ist sich Roxane van Iperen sicher.

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