Fall Lügde

Gewerkschaft der Polizei verteidigt Innenminister Reul

Ein Kinderauto liegt unter dem Trümmern vor der zum Teil bereits abgerissenen Parzelle des mutmaßlichen Täters auf dem Campingplatz Eichwald im ostwestfälischen Lügde.Auf dem Campingplatz soll ein Dauercamper über Jahre hinweg Kinder missbraucht und dabei gefilmt haben. Nun wurde die Parzelle abgerissen.

Ein Kinderauto liegt unter dem Trümmern vor der zum Teil bereits abgerissenen Parzelle des mutmaßlichen Täters auf dem Campingplatz Eichwald im ostwestfälischen Lügde.Auf dem Campingplatz soll ein Dauercamper über Jahre hinweg Kinder missbraucht und dabei gefilmt haben. Nun wurde die Parzelle abgerissen.

Foto: Guido Kirchner

Düsseldorf/Lügde.   „Wir stehen hinter unserem Minister“, erklärt der GdP-Landeschef Michael Mertens. Die SPD-Opposition hatte zuvor Reuls Rücktritt gefordert.

Bei der Aufklärung des Missbrauchsskandals im ostwestfälischen Lügde hat die Gewerkschaft der Polizei (GdP) Landesinnenminister Herbert Reul (CDU) gegen Rücktrittsforderungen der SPD verteidigt. „Wir stehen hinter unserem Minister“, erklärte GdP-Landeschef Michael Mertens gegenüber der Redaktion. Gerade in schwierigen Zeiten brauche man „eine Konstante in der Führung“.

SPD-Fraktionsvize Sven Wolf und -Innenpolitiker Hartmut Ganzke hatten am Wochenende Reuls Rücktritt gefordert. „Reul ist zum Sicherheitsrisiko geworden, er ist bei der Aufklärung des größten Missbrauchskandals in der Geschichte des Landes gescheitert“, erklärten Wolf und Ganzke.

Auch Grünen-Innenexpertin Verena Schäffer nannte die neuen Ungereimtheiten unfassbar und sieht Reuls Glaubwürdigkeit erschüttert. Der Innenminister müsse „der Öffentlichkeit jetzt erklären, warum die Polizei offensichtlich nicht in der Lage war, alle Spuren und Beweismittel am Tatort zu sichern“.

Versteckt im doppelten Boden

Auf dem Campingplatz „Eichwald“ in Lügde, der als Tatort eines jahrelangen Missbrauchs von mindestens 40 Kindern in über 1000 Einzeltaten gilt, waren zuvor fünf weitere Datenträger mit möglicherweise kinderpornographischem Material entdeckt worden – und das, obwohl die Polizei den Wohnwagen des Hauptverdächtigen in der Vergangenheit mehrfach auf den Kopf gestellt hatte. Die drei CDS und zwei Disketten waren jetzt von Arbeitern beim Abriss des Wohnwagens in dessen doppeltem, fest verbauten Boden entdeckt und an die Polizei übergeben worden.

Dass die Ermittler selbst so ein Versteck nicht gefunden hatten, könne passieren, meinte GdP-Landeschef Mertens: „Durchsuchungen haben ihre Grenzen.“ Die zuständige Polizei Bielefeld verwies auf Nachfrage darauf, dass der Abrissunternehmer mit schwerem Gerät vorgegangen war. Die Polizei habe diese Möglichkeit nicht gehabt: „Eine Zerstörung der Behausung kam bei den Durchsuchungen aus rechtlichen Gründen nicht in Betracht.“ GdP-Chef Mertens merkt gleichwohl an, dass man fragen könne, warum Polizei oder Staatsanwaltschaft den Abriss des Wohnwagens jetzt nicht unmittelbar vor Ort begleitet hatten.

„Die Polizei muss um Vertrauen kämpfen“

„Im Fall der Ermittlungen von Lügde muss die Polizei um das Vertrauen der Bürger kämpfen“, betonte Michael Mertens gegenüber der NRZ. Die Bevölkerung habe berechtigte Fragen, welche die Polizei beantworten muss. Minister Reul jedoch habe in seiner kurzen Amtszeit so viel bewegt wie manche Vorgänger in deren ganzer Periode nicht. Der Gewerkschafter bezog diese Aussage auf die personelle wie die sachliche Ausstattung der Polizei in Nordrhein-Westfalen – „und nicht zuletzt meine ich aber auch das neue Polizeigesetz“. Mertens betonte dabei, dass die Gewerkschaft aber selbstverständlich auch nicht alles gutheiße, was der Minister tue.

Michael Mertens ist überzeugt: „Minister Reul genießt nicht nur bei den Polizeibeamten hohes Ansehen, sondern – so wie ich das wahrnehme – auch bei den Bürgern.“

>>> HINTERGRUND

Der Wohnwagen des Hauptverdächtigen musste in den vergangenen Monaten mehrfach durchsucht werden und war zwischenzeitlich nicht ordnungsgemäß gesichert worden. Das Polizeipräsidium Bielefeld, das die Ermittlungen nach zahlreichen Pannen Ende Januar von der Kreispolizeibehörde Lippe übernommen hatte, untersucht aktuell insgesamt fast 3,3 Millionen sichergestellte Bilder und mehr als 86.000 Videos.

Von 155 CDs und DVDs, die aus einem Auswerteraum der Polizei in Detmold verschwunden sind, fehlt weiter jede Spur. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Diebstahls gegen unbekannt. Rechtsexperten befürchten, dass die zahlreichen Polizei-Fehler der Verteidigung der acht Hauptbeschuldigten vor Gericht in die Hände spielen könnten.

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