Fluss-Serie

Rhein und Ruhr: Die geheimen Wirtschaftskräfte der Region

Marcel John ist Maschinenführer am Deltaport Hafen in Voerde-Emmelsum. Er hat am Niederrhein seinen Traumjob gefunden.

Marcel John ist Maschinenführer am Deltaport Hafen in Voerde-Emmelsum. Er hat am Niederrhein seinen Traumjob gefunden.

Foto: Olaf Fuhrmann / Funke Foto Services GmbH

An Rhein und Ruhr.  Hunderttausende Menschen gehen Berufen an oder auf den Flüssen Rhein und Ruhr nach. Wir stellen ihr Leben am Wasser in einer NRZ-Serie vor.

Nah am Wasser zu arbeiten, das war schon immer der Traum von Marcel John. In Emmelsum am Niederrhein hat sich der 44-Jährige diesen Kindheitswunsch erfüllt. „Wenn ich vom Kran herunterschaue, die Wiesen und das Wasser sehe, das ist einfach Gold wert“, sagt John. Er ist bei den Deltaport-Häfen als Maschinenführer und Schichtleiter tätig. Dort steuert der 44-Jährige mit viel Ruhe und Geschick Container von Schiffen auf Gleise oder umgekehrt. „Ich bin eine richtige Wasserratte. Es ist genau das richtige hier“, sagt der gebürtige Berliner.

Er ist einer von Tausenden Männern und Frauen, die ihr Geld an oder auf Rhein und Ruhr verdienen. Sie sorgen dafür, dass diese beiden Flüsse die Wirtschaftskraft der Region sind. Ihnen möchten wir in den nächsten sechs Wochen eine Serie mit dem Titel „Von Rhein und Ruhr“ widmen.

NRW: Schifffahrtsland Nummer eins

53.005.000 – eine Zahl, welche die Bedeutung des Rheines in unserem Gebiet besonders gut beschreibt. So viele Tonnen Güter sind nämlich im vergangenen Jahr alleine in den Häfen am Niederrhein umgeschlagen worden. „Wir sprechen ja immer davon, dass Nordrhein-Westfalen das Binnenschifffahrtsland Nummer eins ist. Das ist an folgenden Zahlen gut zu erkennen: Im Bundesvergleich hat die Binnenschifffahrt einen Anteil von 10 Prozent. In Nordrhein-Westfalen erreichen oder verlassen ein Viertel aller Güter, das Land über die Wasserstraße“, sagt Ansgar Kortenjann von der Niederrheinischen Industrie- und Handelskammer.

Und laut Landesregierung steckt im System Wasserstraße noch jede Menge Entwicklungspotenzial: Umweltministerin Ursula Heinen-Esser sieht im Verkehr auf den Flüssen eine tragende Rolle für eine umweltfreundliche Verkehrspolitik. Während der Güterverkehr auf den Straßen und Schienen vollkommen überlastet ist, bieten die Flüsse in Nordrhein-Westfalen noch freie Kapazitäten. „Manche Schiffer glauben, dass die Zeit der Binnenschifffahrt gerade erst angefangen hat“, erklärte der Schiffsdienstleister Frank Wittig, der in einer Folge der Serie über logistische Herausforderungen auf dem Wasser berichtet.

4,6 Millionen leben von der Ruhr

Dass der Rhein und die Ruhr besonders für die Ökonomie und Industrie eine essenzielle Ver- und Entsorgungsfunktion übernimmt, haben die Folgen des Niedrigwassers 2018 im Land gezeigt. An vielen Tankstellen war zu dieser Zeit der Kraftstoffvorrat knapp. Die Bedeutung der Flüsse kam auch beim Endverbraucher an.

Doch welche Rolle der Rhein oder die Ruhr für die Menschen in der Region spielen, lässt sich nicht nur indirekt an der Spritversorgung erkennen, sondern ganz stark am Nebenfluss – der Ruhr. Das Gewässer, namensgebend für eine Industrieregion, ist nicht nur sprichwörtlich die Lebensader der Kumpel, Arbeiter und Stahl- und Energiewirtschaft: 4,6 Millionen Menschen sowie Gewerbe- und Industriebetriebe benutzen den Strom als Trink- und Bruchwasser. Die Ruhr – sie fließt nicht nur an uns vorbei oder unter uns hinweg. Sie fließt auch täglich in uns hinein. Und auch Trinkwassergewinnung ist am Ende ein Geschäft.

Flüsse befeuerten Industrialisierung

Die wirtschaftliche Kraft des Gewässers lässt sich vor allem mit dem praktischen Verlauf und der geschichtliche Entwicklung erklären, sagt Helmut Rönz vom LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte: „Die frühzeitige Industrialisierung in der Region ist auf den Rhein zurückzuführen. Die produzierten Waren konnten über die Flusswege schnell auf den Weltmarkt gebracht werden.“ Bereits in der vorindustriellen Zeit sei der hansische England-Handel vornehmlich vom Rhein aus in Köln gelaufen. „Von dort ging es dann hoch an die Nordsee und dann rüber auf die Insel“, so Rönz.

Vorteil im Laufe der Entwicklung war natürlich, dass riesige Kohlenmengen im Ruhrgebiet gefördert werden konnten, eben weil sie dort im Boden lagen. „Auch heute ist Duisburg immer noch der größte Stahlstandort in Europa und hängt im Wesentlichen vom Rhein ab, weil die Rohstoffe, die man zur Erzeugung benötigt werden, über diesen Fluss transportiert werden“, so Ansgar Kortenjann.

Ein Stück Identität

Nach der Wegbereitung des Rheins für die Wirtschaft, Technologie und Logistik im Zuge der Hochindustrialisierungsphase, habe es ab den 1970ern eine Wende der Betrachtung des Rheines und der Ruhr gegeben, so Rönz: „Die Entwicklung ging dahin, die Flüsse wieder als natürliche Gewässer zu sehen, die geschützt werden müssen.“ Für den Wissenschaftler ist die ökonomische Rolle der Flüsse aber auch nur eine von vielen. Besonders beim Rhein: „Dieser Fluss hat auch eine Bedeutung im politischen Sinne. Beispielsweise war er bis 1945 ein Symbol für den deutsch-französischen Gegensatz. Nach 1945 ist er dann zu einem Symbol für die deutsch-französische Freundschaft geworden. Der Rhein hat damals getrennt und verbindet heute.“

Bei der Findung einer eigenen Identität sei der Rhein auch nicht zu unterschätzen, so Rönz: „Die Menschen sehen sich in den einzelnen Gebieten als Rheinländer oder als Rheinhessen und der Fluss schafft somit auch ein Stück Identität.“

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben