Lebensmittelrettung

Tafel-Vorsitzender Jochen Brühl fordert soziale Zeitenwende

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Jochen Brühl (links), Vorsitzender der Tafel Deutschland e.V., berichtete beim  "Bergerhauser Dialog" im Gemeindesaal der evangelischen Kirchengemeinde Essen-Bergerhausen von der Arbeit der Tafeln in Deutschland.

Jochen Brühl (links), Vorsitzender der Tafel Deutschland e.V., berichtete beim "Bergerhauser Dialog" im Gemeindesaal der evangelischen Kirchengemeinde Essen-Bergerhausen von der Arbeit der Tafeln in Deutschland.

Foto: Katrin Martens

Essen.  Jochen Brühl, Vorsitzender der Tafel Deutschland, erlebt einen Ansturm Hilfsbedürftiger. Menschen müssen sich entscheiden: Heizen oder essen?

Jochen Brühl mag das Meckern nicht – über die Bahn, die immer zu spät kommt, über marode Brücken, untätige Politiker oder das endlose Ringen ums 49-Euro-Ticket. Der Vorsitzende der Tafel Deutschland e.V. ist jemand, der das Positive sucht, ohne das Negative auszublenden. Bei einem Diskussionsabend im Rahmen der Reihe „Bergerhauser Dialog“ in Essen beschrieb der 56-Jährige die angespannte Lage der Tafeln als Indikator für die soziale Situation in Deutschland.

Seit dem Beginn des Ukraine-Krieges im Februar 2022 und der damit verbundenen Steigerung der Lebensmittel- und Energiepreise habe sich die Zahl der Menschen, die bei einer der 963 Tafeln in Deutschland angemeldet sind, verdoppelt, so Jochen Brühl. Bürgergeld-Empfänger sind ebenso darunter wie Geringverdienerinnen, Studenten ebenso wie Alleinerziehende, Obdachlose ebenso wie Rentnerinnen, Soloselbstständige ebenso wie Flüchtlinge. „Zu uns kommen Menschen, die sich entscheiden müssen: Heizen oder essen?“, so Brühl.

„Betroffen ist jetzt die untere Mittelschicht“

Durch den Preisanstieg tauchen plötzlich Menschen bei der Tafel auf, deren monatliches Haushaltseinkommen bisher noch gerade so eben gereicht hat. Bei vielen ist diese Grenze nun überschritten. „Betroffen ist jetzt die untere Mittelschicht“, berichtet der Vorsitzende. Etwa der Reihenhausbesitzer, der nicht weiß, wie er seine Hypothek-Rate weiterzahlen soll.

„Das Problem ist: Gleichzeitig gehen die Lebensmittelspenden zurück“, sagt Jochen Brühl. Der Grund: Firmen kalkulieren in diesen Zeiten anders, ordern weniger und bieten beispielsweise Waren, deren Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten ist, mit Rabatt an, statt es an die Tafel abzugeben.

„Abgelaufen“ bedeutet nicht „ungenießbar“

Das Mindesthaltbarkeitsdatum ist für Jochen Brühl ein Reizwort. Er kritisiert, dass ein großer Teil der Bevölkerung die Bedeutung des Datums nicht verstehe und ein überschrittenes Datum mit „abgelaufen“ oder „ungenießbar“ gleichsetze. Dabei ist das Mindesthaltbarkeitsdatum nur eine Angabe, bis wann „ungeöffnete Lebensmittel bei durchgehend richtiger Lagerung ihre spezifischen Eigenschaften, wie Geruch, Geschmack und Nährwert behalten“, so die Verbraucherzentrale. „Abgelaufen“ sind sie danach noch lange nicht. Die Empfehlung lautet: „Ob Produkte noch genießbar sind oder nicht, lässt sich mit den eigenen Sinnen überprüfen: Sehen, Riechen und Schmecken.“

Was ungenießbar erscheint, wird weggeworfen und bei diesem Thema sind die deutschen Privathaushalte die größten Verschwender, noch vor den Supermärkten. Rund elf Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle werden in Deutschland jedes Jahr entsorgt, so das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Ohne die Tafeln wären es noch mehr. Schon lange sind die Tafeln eine der größten Bürgerbewegungen der Bundesrepublik. Über 60.000 Menschen arbeiten hier ehrenamtlich als Fahrerinnen und Fahrer oder in einer der rund 2500 Ausgabestellen.

Menschen haben Lust, ehrenamtlich zu helfen

Jochen Brühl ist dankbar für diese Zahlen. . Das Engagement der vielen Ehrenamtlichen sei enorm groß. Besonders freut es ihn, wenn Menschen, die selbst bedürftig sind, bei der Tafel mithelfen. So gebe es Kontakte und Gespräche zwischen Ehrenamtlichen, die normalerweise im Leben nicht aufeinandertreffen: die Arztfrau und die Bürgergeld-Empfängerin, der 70-Jährige mit der guten Rente und der Langzeitarbeitslose…

Immer wieder wird Jochen Brühl mit der Frage konfrontiert, ob es Tafeln in einem der reichsten Länder der Welt überhaupt geben dürfe. „Nein“, lautet dann seine klare Antwort. Aber Tatsache ist auch: Ohne die deutschlandweit tätigen Lebensmittelretter („Jede Stadt ab 8000 Einwohner hat eine Tafel.“) wäre die Not vieler Menschen unendlich größer.

„Wir bekämpfen die Not nicht, wir lindern sie“

„Wir bekämpfen die Not nicht, wir lindern sie“, sagt Jochen Brühl und verweist darauf, dass 13,8 Millionen Menschen in Deutschland von Armut betroffen oder bedroht sind. Armut führe zu Vereinsamung, denn wer wenig Geld hat, kann sich Hobbys und kulturelle Aktivitäten nicht leisten. „Wir alle brauchen Orte der Begegnung. Die Menschen hungern danach.“

Deswegen lobt der 56-Jährige auch Initiativen wie beispielsweise die der evangelischen Kirche, die Menschen im Rahmen der Aktion #wärmewinter zu einem kostenlosen Mittagstisch einladen. , . „Das sind Hoffnungskerzen“, so Jochen Brühl, der nicht nur ausgebildeter Sozialarbeiter, sondern auch Diakon ist.

Arme Menschen können sich keine Nachhilfe leisten

Um Familien aus der Armut zu bringen, setzt der Vorsitzende der Tafel Deutschland e.V. ebenso wie viele andere Experten auf das Thema Bildung. „In Deutschland ist Bildung abhängig vom Einkommen der Eltern“, kritisiert er. Arme Menschen könnten sich keine Nachhilfe leisten, ihre Kinder hätten deutlich weniger Chancen auf einen guten Schulabschluss. „Armut ist auch demokratiegefährdend“, ist sich Brühl sicher. In Sachsen hat er kürzlich wieder einmal einen Aufmarsch mit Fackeln und rechtsradikalen Parolen beobachtet. „Wir dachten doch eigentlich, so etwas müssten wir nie wieder erleben.“

Nicht meckern, sondern handeln: Für Jochen Brühl ist es Teil seines christlichen Selbstverständnisses, sich für die Belange Hilfsbedürftiger einzusetzen. „Wir können schließlich aus der Gesellschaft nicht austreten, deswegen sollten wir das System von innen verändern“, sagt er. „Denn es verändert sich etwas, wenn man sich beteiligt. Wir brauchen einen gesellschaftlichen Schulterschluss, eine soziale Zeitenwende.“

An die Politik richtet er den Appell, die Armut deutlich stärker zu bekämpfen und gleichzeitig das Engagement der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer finanziell stärker zu fördern. Dazu hat er auch gleich zwei Ideen: Es wäre zum Beispiel eine Anerkennung, wenn Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Tafel nicht fünfmal pro Woche ihr ÖPNV-Ticket bezahlen müssten. Oder wenn ihnen die Kfz-Steuer erlassen würde.

JOCHEN BRÜHL

Jochen Brühl ist verheiratet und lebt mit mehreren Familien in einer Wohngemeinschaft in Essen. Er hat Sozialarbeit studiert und ist ordinierter Diakon. 1999 war er Gründer der Tafel Ludwigsburg. Er leitet das Fundraising des CVJM Deutschland, ist ehrenamtlicher Vorsitzender der Tafel Deutschland e.V., Mitglied im Vorstand der Europäischen Foodbank FEBA, Buchautor und Träger des Bundesverdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland.

Im adeo-Verlag ist das Buch „Volle Tonne, leere Teller: Was sich ändern muss. Gespräche über Armut, Verschwendung, Gerechtigkeit und notwendiges Engagement“, herausgegeben von Jochen Brühl, erschienen. Auch Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck und Autorin Christina Brudereck aus Essen sind mit Interviews vertreten. Ein Euro des Erlöses geht an die Tafel Deutschland e.V. Das Buch ist als E-Book für 17,99 Euro erhältlich.

Der „Bergerhauser Dialog“ ist eine Veranstaltung der evangelischen und katholischen Gemeinden in Essen-Bergerhausen.

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