Austausch

Was Städtepartnerschaften heute noch bringen können

Partnerstädte in allen Himmelsrichtungen. Seit Mai 2018 zeigt ein Wegweiser am Essener Rathaus die Richtung und Entfernung aller Partnerstädte an.

Partnerstädte in allen Himmelsrichtungen. Seit Mai 2018 zeigt ein Wegweiser am Essener Rathaus die Richtung und Entfernung aller Partnerstädte an.

Foto: Julia Tillmann / FUNKE Foto Services

An Rhein und Ruhr.  An Rhein und Ruhr gibt es zahlreiche Partnerstädte. Doch nur noch selten kommen Neue hinzu, einige dieser Verbindungen sind eingeschlafen.

Alnwick in England, Nischni Nowgorod in Russland, Kfar Saba in Israel oder Changzhou in China: Die Liste der Partnerstädte in der Region ist bunt und lang. Rund 260 Verbindungen gibt es von Rhein und Ruhr in die weite Welt, mehr als 1000 in ganz Nordrhein-Westfalen: einige davon gut gepflegt und voller Leben, andere finden kaum noch Beachtung oder sind längst eingeschlafen. Die meisten Verbindungen haben schon etliche Jahrzehnte auf dem Buckel, heutzutage kommen nur noch selten neue Partnerschaften hinzu – von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen.

Eine dieser Ausnahmen ist die Stadt Moers. Erst im August begründete die Kommune eine Partnerschaft mit der italienischen Stadt Stazzema. Wesentlicher Antrieb: die gemeinsame Erinnerung an ein von SS-Soldaten verübtes Massaker in dem italienischen Städtchen 1944. „Aussöhnung und Völkerverständigung sind oft ein Motiv hinter Städtepartnerschaften“, sagt Nina Szidat, Doktorandin am Historischen Institut der Universität Duisburg-Essen.

Städtepartnerschaften hängen oft an einzelnen Personen

Die Historikerin befasst sich schon länger mit Städtepartnerschaften und deren Entstehung und sieht gewisse Tendenzen bei den Verbindungen: „Es gibt Konjunkturthemen und regionale Trends bei Partnerschaften. In den letzten Jahren ist China sehr beliebt, in Europa kommen hingegen kaum noch Partnerschaften hinzu.“ Und die, die es gibt, würden vielerorts längst nicht mehr so gepflegt wie noch in den 1960er- und 70er-Jahren, so Szidat: „Partnerschaften hängen oft an einzelnen Personen in zentralen Stellen.“ Würde die in Rente gehen oder versterben, kämen selten Nachfolger hinterher.

Eine Erfahrung, die man in den vergangenen Jahren in Voerde am Niederrhein gemacht hat. Ausgerechnet zum 40. Geburtstag der Partnerschaft mit der britischen Kleinstadt Alnwick klagt der Verein Freundeskreis Partnerschaft Alnwick über Mitgliederschwund. Das habe vor allem „mit dem Alter der Mitglieder zu tun“, sagt die Vorsitzende Brigitte Brachmann. „Die Ältesten bei uns sind über 80 Jahre alt“ – in Großbritannien sogar über 90. Aktiv seien von deutscher Seite aus nur noch rund 30 Mitglieder, auf der anderen Seite des Kanals bei dem englischen Pendant „Friends of Voerde“ gar nur noch zwölf.

Von Seiten der Stadt versuche man derzeit, den Schüleraustausch wieder aufleben zu lassen. Die schwierige Haushaltssituation beider Städte habe zudem dazu geführt, dass es seit Jahren kein Treffen mehr auf städtischer Ebene gegeben habe, so Voerdes Bürgermeister Dirk Haarmann. Pünktlich zum runden Geburtstag hat das nun bereits geklappt: Eine Delegation aus Alnwick und der britische Generalkonsul kamen zur 40-Jahr-Feier an den Niederrhein.

Verein will Bürgern Fahrt in die Partnerstadt ermöglichen

Deutlich rosiger sieht es da in der Nachbarstadt Dinslaken aus. Hier führt man Partnerschaften mit Agen in Frankreich und Arad in Israel, offenbar sehr engagiert. „Unsere Städtepartnerschaften sind ganz aktuell und intensiv“, sagt Renate Seidel, Geschäftsführerin des Städtepartnerschaftsvereins Dinslaken. Der Verein hat sich vor vier Jahren mit einem bestimmten Ziel zusammengetan: „Wir haben uns gegründet, weil auch Meier, Müller, Schulz fahren sollen. Früher waren es viele Delegationen der Stadt, weniger die Bürger, die gefahren sind.“ Das habe man ändern wollen. Mittlerweile zähle der Verein laut Eigenauskunft 85 Mitglieder und wachse kontinuierlich.

Auch die Großstädte im Ruhrgebiet führen internationale Partnerschaften. So pflegt Mülheim ganze sechs Partnerschaften, die Nachbarstadt Essen sogar sieben. Doch die Voraussetzungen könnten kaum unterschiedlicher sein. Während sich in Mülheim seit 1995 ein Verein um die Verbindungen kümmert, gibt es in Essen ein Büro für Städtepartnerschaften und Interkommunale Beziehungen, welches direkt dem Oberbürgermeister unterstellt ist.

„Wir kümmern uns um ein großes Netzwerk zwischen den Kontinenten“

„Die Städtepartnerschaften sind sehr wichtig für uns, wir kümmern uns um ein großes Netzwerk zwischen den Kontinenten, um Projekte auf die Beine zu stellen und Austausch zu fördern“, sagt Michael Theisen von der Essener Stadtverwaltung. Gemeinsam mit einer Kollegin kümmert er sich um die internationalen Verbindungen der Kommune, die mit Städten wie dem chinesischen Changzhou (8707 Kilometer entfernt) und dem israelischen Tel-Aviv (3118 Kilometer) verbunden ist. „Große Entfernungen sind nicht mehr das Problem. Die Kontakte etwa zwischen den Schulen laufen heute meistens über Skype.“

In seiner täglichen Arbeit hat Theisen die Erfahrung gemacht, dass sich Partnerschaften zwischen Städten ganz unterschiedlich entwickeln und gelebt werden, je nachdem, wie die Kommunen zueinander gefunden haben, wie die Strukturen in der jeweiligen Partnerstadt sind und ob sich Bürger für die Verbindung engagieren. So war es etwa die Deutsch-Russische Gesellschaft in Essen, die 1991 die Partnerschaft mit Nischni Nowgorod initiierte und auch heute noch eine Vielzahl verschiedener Projekte realisiert.

Bürgerliches Engagement, das es auch in Mülheim gibt. Bereits 1995 gründete sich hier der Verein zur Förderung der Städtepartnerschaften der Stadt Mülheim um „eigene Sponsoren einzubringen“, sagt Geschäftsführer Hans-Dieter Flohr, denn „die Stadt hat zuvor alles alleine gemacht.“ Mittlerweile plagen den 300 Mitglieder starken Verein aber auch Nachwuchssorgen: „Die Mitglieder sind überaltert, alles Rentner. Uns fehlen die Jugendlichen.“ Das liege auch daran, dass die Stadt Mittel gestrichen habe, seit 2014 gebe es deshalb keinen Jugendaustausch mehr. Nun stützt sich der Verein auf die eigenen Beiträge und investiert diese vor allem in Bürgerfahrten. Schließlich habe sich der Verein auch dafür gegründet, dass Partnerschaft nicht nur Reisen für Politiker bedeute.

Aber es sind nicht nur Aussöhnung und Völkerverständigung, die hinter Partnerschaften stecken, sondern auch der Erfahrungsaustausch zwischen den Kommunen, um bei Aufgaben und Herausforderungen vom jeweils anderen profitieren zu können. „Wirtschaftliche Interessen haben schon immer eine Rolle gespielt“, sagt Nina Szidat, „aber früher nicht so sehr wie heute.“

>>> Das steckt historisch hinter der Idee von Städtepartnerschaften

Nach dem Zweiten Weltkrieg und der NS-Diktatur mussten die Deutschen erst einmal wieder Demokratie lernen – und dazu gehört auch zu wissen, wie Kommunalverwaltung funktioniert. Also reisten sie auf Veranlassung vor allem der britischen Besatzungsmacht in die europäischen Nachbarstaaten und hospitierten dort in den Verwaltungen. Zu den ersten Partnerschaften gehört die zwischen Düsseldorf und Oxford.

Aus dieser Schulung wuchs gemeinsam mit den Vorläuferorganisationen der heutigen EU die „Twinning“-Idee: Europäische Städte sollten sich eine Geschwisterstadt im Ausland suchen. Das taten sie vor allem in den 60er- und 70er-Jahren mit Begeisterung. Oft entstand ein reger kultureller Austausch, vor allem für Schüler zum Sprachen lernen, aber auch mit Theater-, Musik- und Bildungsprojekten.

EU-weit die meisten Partnerschaften betreibt Frankreich (6776) vor Deutschland (6048, davon rund 1050 in NRW), Polen (3508) und Großbritannien (2059). Und wer ist mit wem befreundet?

Nun: Mit 2281 Städtepartnerschaften zwischen Deutschland und Frankreich liegt dieses Pärchen vorn. Gut 1000 Partnerschaften gibt es sowohl zwischen Deutschland und Polen (1021) als auch zwischen Großbritannien und Frankreich (1065). Beliebt sind in Deutschland weiterhin Partnerstädte in Polen (492), Italien (434) und Österreich (375), zudem gibt es rund 140 Städtepartnerschaften mit Kommunen in den USA, etwa 100 mit russischen und türkischen Partnerstädten und 76 Partnerschaften mit Kommunen in Israel.

Außerhalb der EU besiegelte Wuppertal 1977 die erste deutsch-israelische Partnerschaft mit Be’er Scheva. Auch bei der ersten osteuropäischen Partnerschaft war Wuppertal vorn dabei: Kosice in der damaligen Tschechoslowakei wurde 1980 Partnerstadt. Damals eine Sensation in der geteilten Welt. Bochum, Sheffield, Oviedo und Donezk gründeten gar einen Viererbund von Städten mit schwerindustrieller Geschichte. Und warum Köln – mit 23 Partnerstädten deutschlandweiter Spitzenreiter – unter anderem mit Rio in Brasilien liiert ist, kann man sich womöglich denken. (Von Stephan Hermsen)

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