50 Jahre Mondlandung

Warum Neil Armstrong beinahe Westfälisch gesprochen hätte

   Michael Collins, Neil Armstrong und Edwin Aldrin? Nein (v.l.): Diethelm Jasper-Hillebrand, Siegmund Apitz und Heinrich Lagemann: Die Crew vom Heimatmuseum, mit der Fahne von New Knoxville, Ohio, dorthin, wo Armstrongs Urgroßvater Kötter auswanderte.

   Michael Collins, Neil Armstrong und Edwin Aldrin? Nein (v.l.): Diethelm Jasper-Hillebrand, Siegmund Apitz und Heinrich Lagemann: Die Crew vom Heimatmuseum, mit der Fahne von New Knoxville, Ohio, dorthin, wo Armstrongs Urgroßvater Kötter auswanderte.

Foto: Foto: Stephan Hermsen

Ladbergen.  Der Urgroßvater von Apollo-Astronaut Neil Armstrong hieß Friedrich Wilhelm Kötter aus Ladbergen. Ihn zog es nach Ohio. Als Armutsflüchtling.

Neil Armstrong hätte vor 50 Jahren auch sagen können: „Dat ess en lüttken Trett för en Mensken, aber en groaten Trett för de Mensheit.“ Zumindest, wenn er auf seine Oma gehört hätte. Denn der erste Mann auf dem Mond kommt aus Westfalen, jedenfalls ein bisschen. Armstrongs Urgroßvater stammt aus Ladbergen. Hier, an der Grenze zwischen Münsterland und Tecklenburg brach Friedrich-Wilhelm Kötter zu einer Reise auf, die ein Jahrhundert vor der Expedition zum Mond ähnlich gefährlich war.

„Im Grunde“, sagt Heinrich Lagemann vom Heimatverein Ladbergen , „waren das ja auch Armutsflüchtlinge. Hier hatten die Leute ja nichts zu beißen und viele Kinder.“ Auch auf dem Kötterhof. Ein kleines Gehöft südlich von Ladbergen, mittlerweile erweitert um einen Anbau. Das einzige, was über die Erdverbundenheit hinaus weist, ist die Satellitenschüssel am Giebel. Keine Gedenktafel, kein Hinweis am kleinen Hof von dem Friedrich-Wilhelm Kötter als viertes Kind 1864 nach Bremerhaven aufbrach.

Neben dem Hunger drohte das Militär

Sein Vater musste Land verkaufen, um das Geld für die Passage zu besorgen. Und illegal war die Reise auch noch: Neben dem Hunger drohte der Militärdienst. Kötter war nicht allein: Rund ein Drittel der damals 3600 Ladberger verließ damals die Heimat, er folgte einem seiner älteren Brüder „Nicht alle sind heil angekommen“, weiß Lagemann.

Marode Schiffe, grauenvolle hygienische Zustände: Die Flüchtlinge, die die Fahrt übers Meer überstanden, machten sich auf nach Ohio. Dort hatten Vorgänger begonnen, die neue Welt aufzubauen. Hier im County liegen auch Bremen und Minster, wie zuhause. Kötter baute seinen Hof zwischen New Knoxville und Wapakoneta – eine bessere Blockhütte, wie die Ladberger bei Besuchen vor ein paar Jahren feststellten.

Kötter aber blieb in der neuen Welt dem Bekannten treu: Er heiratete eine Mary-Martha Kötterheinrich. Born in the USA, aber – bei dem Namen – Westfälin. Ihre Tochter Caroline heiratete Martin Engel, ebenfalls aus Westfalen eingewandert. Zwei Generationen blieben die Zuwanderer unter sich. Erst Engels Tochter Viola verliebte sich in Stephen Armstrong, der schottisch-irische Wurzeln mitbrachte. Das älteste ihrer drei Kinder, geboren auf dem Hof Kötter, tauften sie Neil. Und dessen Leidenschaft wurde das Fliegen – als Zweijähriger sah er in Cleveland, Ohio, eine Flugschau. Und wollte von da an immer höher hinaus. Mit Erfolg, wie wir wissen.

Heute hängt Neil in der Scheune des Hofs von Jasper-Hildebrandt. Als Foto in Schwarz-Weiß, von seinem Urgroßvater, ebenfalls in Schwarz-Weiß, nur durch eine Urkunde getrennt. „Mit Stolz und Bewunderung haben die Bürger der Gemeinde Ladbergen, Deutschland in den Juli-Tagen 1969, den wagemutigen Mondflug von Neil A. Armstrong und seiner Apollo 11-Mission verfolgt“, heißt es dort. Die Scheune, sie ist das Heimatmuseum von Ladbergen.

Mondlandung? Am 20. Juli 1969 war in Ladbergen Schützenfest!

Das größere Original der Urkunde hängt in einem anderen Museum, rund 6684 Kilometer weiter westlich. Die Urkunde haben die Ladberger zwei Jahre nach der Mondlandung in New Knoxville überreicht. Damals, so Siegmund Apitz, konnte er sich vor Ort mit den US-Bürgern besser auf Westfälisch verständigen. „Mein Englisch war nicht so gut.“

Apropos Westfalen: In Ladbergen-Wester, wo der Kötterhof liegt, hat man von der Mondlandung kaum Notiz genommen, heißt es gerüchteweise: Das dritte Wochenende im Juli gehört dem Schützenfest. 2019 noch genauso wie am 20. Juli 1969. Gegen diese These spricht, dass zwei Tage vor dem allerersten Moonwalk in der örtlichen Zeitung Gemeinderatsmitglied Dr Gustav Altevogt mahnte: „Doch gerade der erste Mensch, der den Mondboden betreten wird, verdient in unserer engeren Heimat besondere Betrachtung. Zu diesem großartigen, kühnen Unternehmen sollten wir gerade ihm, der in dem von Ladberger Auswanderern urbar gemachten Gebiet aufwuchs, die Daumen halten für eine glückliche Heimkehr von seiner gefährlichen Expedition.“

Die Heimkehr zur Erde glückte bekanntlich. Mit der Heimkehr nach Ladbergen wurde es nichts. Als der Kötterhof dem Himmel deutlich näher rückte, lud man zwar den Mann vom Mond nach Hause ein – er sollte den Flughafen Münster-Osnabrück eröffnen. Auf der anderen Seite des Dortmund-Ems-Kanals, nur einen knappen Kilometer vom Hof seines Urgroßvaters entfernt.

Aber Neil Armstrong hatte keine Zeit. Dabei wäre nur ein kleiner Schritt für den Mann im Mond gewesen, aber ein großer Sprung für Ladbergen.

Kein Mondgestein, aber Erde aus Wapakoneta und einige Andenken gibt es im Ladberger Heimatmuseum zu sehen. Für zwei Euro. Termine nach Vereinbarung, 05485/1408, www.jasper-hildebrand.de Ladbergen.

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